Von Freiburg in die ganze Welt

Wie funktioniert humanitäre Hilfe während einer Pandemie?

Clara Müller

Durch die Pandemie hat sich für die NGO Caritas International in Freiburg viel verändert. Die Leiterin des Asienreferats spricht im Interview darüber, wie es ist, humanitäre Hilfe während einer Pandemie zu leisten.

Caritas International ist eine Hilfsorganisation für Not- und Katastrophenhilfe mit Sitz in Freiburg. Julia Gietmann, Leiterin des Asienreferats, spricht im Interview über den veränderten Arbeitsalltag von Freiburg aus, über die Herausforderung, humanitäre Hilfe in einer weltweiten Krise zu leisten und über die Folgen der Corona-Pandemie in Entwicklungs- und Schwellenländern.

In "normalen" Jahren haben Sie insgesamt bei Caritas International mehr als 800 Auslandsdienstreisetage. Warum ist es so wichtig, auch mal vor Ort zu sein?

Julia Gietmann: Wenn man selbst vor Ort ist, ist es immer anders, als man es sich vorstellt. Das gilt umso mehr für Kontexte, die kompliziert und komplex sind. Da ist präsent sein und erleben, wie die Realität ist, ein völlig anderes Gefühl, als wenn man das nur auf dem Papier sieht.

2020 waren es 313 Reisetage ins Ausland, nur 15 davon fanden nach dem ersten Lockdown statt. Wird Ihre Arbeit durch das fehlende Reisen eingeschränkt?

Ja, erheblich, denn Informationen zu bekommen fehlt uns unglaublich. Wir sind nicht mehr dort, um uns ein eigenes Bild zu machen. Doch wir haben in unserer Arbeit einen Partneransatz und arbeiten in der Not- und Katastrophenhilfe mit dem internationalen Caritas-Netzwerk zusammen. Das ist ein großer Vorteil, da wir Partner vor Ort haben, aber trotzdem sind wir eingeschränkt, denn auch von denen sitzen viele im Lockdown.
"Mit manchen Partnern haben wir sogar den Kontakt intensiviert." Julia Gietmann

Wie gelingt die Zusammenarbeit mit den Partnern und Mitarbeitern im Ausland trotz dessen?

Wir kennen viele unserer Projektpartner schon seit vielen Jahren und dadurch klappte der Umstieg auf digitale Gespräche besser, als ich anfangs gedacht hatte. Mit manchen Partnern haben wir sogar den Kontakt intensiviert. Statt zum Beispiel einem halbjährlichen Treffen haben wir nun alle sechs Wochen Videokonferenzen, zusätzlich zur Kommunikation per E-Mail und Telefon. Aber letzten Endes kann dies das Reisen nicht vollständig ersetzen, der persönliche Austausch vor Ort ist doch am besten.

Auf einmal ist vieles nicht mehr so, wie es mal war. Lockdowns, Kontaktbeschränkung, Abstand halten. Wie konnten Sie ihre Projekte anpassen?

In all unseren Projekten gelten die Schutzmaßnahmen. Also Abstand halten und all die Sachen, die wir hier aus dem Alltag kennen. Doch das ist je nach Kontext leichter gesagt als getan. Richtig schwierig ist es in Ländern, wo es einen harten Lockdown gibt. In das große Rohingya-Flüchtlingslager Kutupalong ist der Zugang zum Beispiel auch für Helfer sehr eingeschränkt. Für Menschen, die schon vulnerabel sind, ist das natürlich dramatisch.
Geholfen hat uns, dass wir immer stark daraufsetzen, mit den Zielgruppen zusammenzuarbeiten, sodass sie sich auch selbst organisieren können. Wir bringen also beispielsweise die Hilfsgüter ans Lager und die Flüchtlinge übernehmen die Verteilung.
"Die Folgen sind einfach härter. " Julia Gietmann

Was genau bedeutet es, wenn es heißt, dass die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern nochmal ganz anders von Corona betroffen sind als wir?

Die Bedingungen sind dort erschwert. Wenn man in Slums zu fünft auf fünf Quadratmetern lebt, ist Abstand halten unmöglich. Und die mangelnde Hygiene stellt ebenfalls ein Problem da: Wie sollen sich die Menschen die Hände waschen, wenn es kein fließendes Wasser gibt? Krankenhäuser sind überlastet und die medizinische Versorgung ist oftmals auch für relativ einfache Verläufe nicht gegeben. Tagelöhner können tagsüber nicht arbeiten und haben somit abends nichts zu essen. Die Folgen sind einfach härter.

Niemand war auf eine weltweite Pandemie vorbereitet, trafen sie bei dieser Krise auf besondere Herausforderungen?

Wir machen Not- und Katastrophenhilfe und in gewisser Weise sind die Grundvoraussetzungen immer relativ ähnlich. Was diesmal tatsächlich neu ist, sind die extremen Einschränkungen für alle. In vielen Krisen kann man sich als humanitärer Helfer trotz allem noch vor Ort bewegen, das ist jetzt nur erschwert möglich. Wir hatten ganz am Anfang der Pandemie direkt Schutzkleidung nach Bangladesch geliefert, damit sich dort die Helfer schützen können, auch die sind schließlich gefährdet.

"Wir verteilen Nahrungsmittel an Leute, die es wirklich dringend brauchen. " Julia Gietmann

In letzter Zeit war ein Land oft in den Medien: Indien. Dort wütet das Virus durch das Land, die Zahl der Corona-Toten an einem Tag erreichte im Mai immer wieder einen Höchststand. Gibt es in so einer Situation noch einen Weg, humanitäre Hilfe zu leisten oder fühlen sie und ihre Partner sich hilflos?

Das Gefühl, nicht helfen zu können hat man öfters mal. Aber man muss das andersrum denken, wir tun alles, was wir können! Wir hatten damit gerechnet, dass Corona in Indien nicht vorbei ist und nochmals eine Welle kommt, aber wir alle, auch unsere Partner vor Ort wurden von der Stärke dieser Welle überrascht. Zusammen mit der Caritas Indien haben wir unter anderem Entlastungsstrukturen in Krankenhäusern geschaffen und Sauerstoffkonzentratoren besorgt. Und wir verteilen Nahrungsmittel an Leute, die es wirklich dringend brauchen.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wird Corona in der humanitären Hilfe noch lange eine Rolle spielen?

Die Folgen werden uns noch länger begleiten, denn die Sekundärfolgen der Pandemie sind teilweise wirklich dramatisch. So hat es die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern massiv zurückgeworfen, und die sozialen Folgen sind vielerorts dramatisch, so gibt es zum Beispiel einen unglaublichen Anstieg von innerfamiliärer Gewalt und eine Zunahme von Kinderarbeit. Und auch die politischen Folgen werden langfristige Konsequenzen haben: In manchen Ländern, wie zum Beispiel in China, aber auch auf den Philippinen oder in Bangladesch ist die Situation ausgenutzt worden, um regressive Politik zu betreiben. Nicht nur, um die Bewegungsfreiheit von kritischen Journalisten und Oppositionellen einzuschränken, sondern auch die von NGOs.
"Die Spendenbereitschaft ist nach wie vor da." Julia Gietmann

Hunger, Krieg, Flucht und noch vieles mehr. Es gibt auf der Welt noch andere Probleme: Verdrängt Corona diese?

Da ist unter anderem die Reisebeschränkung das Problem: Man kriegt weniger mit. Wir können nicht reingucken und wissen in vielen Fällen nicht zu hundert Prozent, wie die aktuelle Situation ist. Durch Internet und Telefon wird das ein bisschen ausgeglichen, aber nicht zu einem vollständigen Maß.

Sind die Menschen trotzdem noch bereit zu spenden?

Ja, die Spendenbereitschaft ist nach wie vor da. Am Anfang der Corona-Krise befürchteten wir, dass die Situation möglicherweise einen Spendeneinbruch bedeuten könnte. Das ist aber nicht passiert und wir sind sehr dankbar dafür. Es ist toll, wie groß Hilfsbereitschaft ist!
Zur Person:

Julia Gietmann, 47, ist seit Ende 2016 Leiterin des Asienreferats bei Caritas International. Sie wohnt in Oberried. Zuvor hat sie bei der UN gearbeitet und war Afghanistanreferentin für Caritas International.

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