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Wie fühlt sich ein Tag im Leben einer Drag-Queen an?

Stefan Mertlik

Für den Christopher Street Day 2019 hat mich Dita Whip in eine Drag-Queen verwandelt. Ich bin froh, dass ich mich getraut habe. Denn so konnte ich Erfahrungen sammeln, von denen ich noch heute zehre.

Denke ich über meine Verwandlung in eine Drag-Queen nach, wundere ich mich über mich selbst. Denn damals war ich ängstlicher und engstirniger. Für Fragen, mit denen ich heute selbstbewusster und selbstkritischer umgehe, hatte ich seinerzeit keine Antworten: Was macht Ablehnung mit mir? Und wie tolerant bin ich wirklich?

Mut trank ich mir während des Schminkens mit Sekt an. Bier hätte ich lieber getrunken, wollte wegen meines einteiligen Outfits aber Pinkelpausen möglichst vermeiden. Dita Whip und ihre Freund*innen legten zum Vorglühen Madonna und Arianna Grande auf, ich durfte mir zwischendurch Hip-Hop wünschen.

Nachdem meine ersten Sorgen verflogen waren, fing ich an, den Tag und die tollen Menschen auf dem Christopher Street Day zu genießen. Später beim Schreiben des Textes hatte ich große Bedenken, dem Thema gerecht zu werden. Ich wollte weder Klischees bedienen noch der LGBTQ-Gemeinschaft auf die Füße treten.

Meinen Tag als Drag-Queen kann man sich noch immer auf Youtube ansehen

Hätte sich mein Ausflug in die Welt der Drag-Queens auf eine Ich-Reportage für die BZ beschränkt, wäre ich vielleicht entspannter gewesen. Doch Patrick Kerber hielt alles für den Youtube-Kanal von fudder fest. Heute schaue ich mir das Video, das mittlerweile über 7000 Klicks hat, gerne an. Manchmal melde ich auch Kommentare darunter, in denen Dita und mir Gewalt angedroht wird.

Mein Tag als Drag-Queen fand 2019 statt. Kurz darauf habe ich mich endlich getraut, den Beruf des Journalisten in Vollzeit zu ergreifen. Diesen Schritt wäre ich wahrscheinlich auch ohne die Drag-Queen-Erfahrung gegangen. Der Selbstversuch hat mich aber für kurze Zeit Teil einer Gemeinschaft werden lassen, die mich mit ihrer Offenheit und Lebensfreude bis heute inspiriert.

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