Erfahrungsberichte

Wie fühlt es sich an, als Ersti noch zu Hause zu wohnen?

Sarah Rondot

Delia Bitti und Lilo Toews haben ihr erstes Semester an der Uni Freiburg beendet. Eigentlich wollten Sie mit dem Studium in ein neues, selbstständiges Leben starten, doch wegen Corona wohnen und studieren sie zu Hause. Wie geht es Ihnen damit?

Delia Bitti, 20, studiert Kunstgeschichte und im Nebenfach Französisch an der Uni Freiburg, sie wohnt bei ihrer Mutter im Rieselfeld



"Eigentlich wollte ich nach meinem Abitur im vergangenen Jahr nicht gleich studieren. Ich hatte Lust zu reisen. Gemeinsam mit Freundinnen wollte ich einen Roadtrip machen und Europa erkunden. Ehrlich gesagt wollte ich mich ein bisschen selbst finden und überlegen, welches Studium ich mir vorstellen kann. Das ging natürlich durch Corona nicht. Und Kunstgeschichte ist eher eine Übergangslösung für mich. Zuerst wollte ich Psychologie studieren, aber dafür hat mein Notenschnitt nicht ausgereicht. Jetzt habe ich den interessanten Studiengang "Innenarchitektur" in Berlin gefunden. Aktuell wohne ich zu Hause im Freiburg und habe gerade mein erstes Semester in Kunstgeschichte und Französisch absolviert. Natürlich ist es schön, noch ein vertrautes Umfeld um mich herum zu haben. Und ich habe hier auch noch meine Freunde aus der Schulzeit. Dazu spare ich Geld, weil ich meine Miete nicht alleine zahlen muss und auch keine Ausgaben für Lebensmittel habe. Trotzdem denke ich mir: Ich bin gerade 20 geworden – sollte ich nicht die Welt erkunden, Leute kennenlernen und erwachsen werden? Jetzt fühle ich mich eher wie 17 und nicht viel anders als in der Schule. Auch meine Motivation, Dinge für die Uni zu erledigen, wird dadurch erschwert. Das finde ich echt schade, weil ich wirklich Lust auf das Studieren hatte. Aber jetzt ermahnt meine Mama mich, mir Vorlesungen anzuschauen, genau wie früher bei den Hausaufgaben. Man kann sich Vorlesungen aus dem Bett anschauen, das ist einfach nicht gut für meine Motivation. Ich hätte so gerne den Weg zur Uni, würde in der UB lernen und mich mit anderen über den Stoff austauschen. Irgendwie gehört Ausziehen für mich auch mit zum Erwachsen werden dazu. Klar ist es bequem, bekocht zu werden. Aber ich würde eigentlich gerne ins kalte Wasser geschmissen werden und für mich selbst sorgen. Ich stelle mir diese Selbstständigkeit und auch die Anonymität am Anfang in einer fremden Stadt spannend vor. Und dann diese Offenheit, die man braucht, um neue Leute kennenzulernen… Im Moment habe ich schon viel Leerlauf. Wenn mein Freund nicht da ist und meine Mutter arbeitet, rede ich manchmal keine zwei Wörter am Tag. Aber ich habe jetzt angefangen beim Bäcker zu arbeiten, da hat man zumindest etwas Kontakt, ein nettes Team und geht aus dem Haus. Mich nervt es, dass man nichts für die Zukunft planen kann. Aber mein Traum ist es, dass sich die Situation bald ändert. Dann möchte ich nach Berlin ziehen, Innenarchitektur studieren und mir mein eigenes Leben aufbauen. Außerdem möchte ich Geld sparen, um meinen Roadtrip nachzuholen. Aber übergangsweise überlege ich gerade, mir in Freiburg eine WG zu suchen, einfach um mich etwas selbstständiger zu fühlen."

Lilo Toews, 20, studiert Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie und im Nebenfach Französisch an der Uni Freiburg, im Moment wohnt sie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Gießen



"Dass ich einmal in Freiburg studieren würde und dennoch etwa 3 Stunden von der Stadt entfernt wohne, hätte ich mir echt nicht vorstellen können. Eigentlich wollte ich gemeinsam mit einer Freundin nach Freiburg ziehen und Psychologie studieren, leider wurde ich nicht genommen. Aber ich hatte mich so auf die Stadt eingeschossen, dass ich dann einfach einen anderen Studiengang genommen habe, den ich spannend finde. Ich habe so viel Gutes über Freiburg gehört. Ohne Corona wäre ich auf jeden Fall hergezogen. Aber durch die Online-Lehre lernt man einfach niemanden kennen. Dann wäre ich alleine in einem WG Zimmer gehockt. Hier zu Hause wird mir auf jeden Fall nicht langweilig. Ich habe vier jüngere Geschwister und es ist immer etwas los. Und auch meine Freunde aus der Schulzeit sind noch da. Ich unternehme viel draußen. Mein Studium habe ich mir anders vorgestellt. Jetzt sitze ich die ganze Zeit vor dem Laptop, mir tut irgendwann der Kopf und auch der Hintern weh. Ich glaube, dass ich viel mehr aus dem Austausch mit anderen lernen würde. So fühle ich mich ziemlich allein und abgeschottet. Ich habe erst ganz spät erfahren, dass ich Semestergebühren überweisen muss. Ich bin in 1000 WhatsApp-Gruppen, aber da das Wichtigste herauszufiltern ist nicht immer einfach. Einmal habe ich ein Mädchen bei einem Online-Referat kennengelernt, sie wollte dann auch mit mir spazieren gehen. Aber das ging leider nicht, weil ich nicht in Freiburg bin. Ich schaue eigentlich die ganze Zeit nach Wohnungen in Freiburg. Immer wenn sich die Corona-Situation ein bisschen entspannt hat, dachte ich: Jetzt ziehe ich aus! Wenn ich eine nette WG finde, würde ich vielleicht jetzt schon umziehen. Aber es ist alles so schwierig zu planen. Wenn ich nächstes Semester zum Beispiel nur eine Veranstaltung in Präsenz hätte, aber den Rest online, würde es sich auch nicht richtig lohnen. Aber ich träume davon, nach Freiburg zu ziehen, selbst einzukaufen und zu planen, was ich kochen möchte. Am liebsten würde ich in eine WG mit Mitbewohnern ziehen, die viel Lust auf gemeinsame Aktivitäten haben. Das wäre schön, wenn alles wieder normal wäre. Ich würde auf den Schauinsland wandern und ab und zu nach Frankreich düsen. Außerdem überlege ich mir, meinen Studiengang nach dem zweiten Semester zu wechseln. Ich würde gerne Angewandte Politikwissenschaften studieren, da studiert man abwechselnd in Freiburg und Frankreich. Das klingt super!"