Kultur

Wie freie Künstlerinnen und Künstler von der Coronakrise betroffen sind

Anika Maldacker

Absagen, Schließungen, Verbote: Mit dem Coronavirus kommt die große Stille, auch in der Kunstszene. Besonders freie Künstlerinnen und Künstler sind betroffen. fudder hat einige aus Freiburg gefragt, was die Krise für sie bedeutet.

Sven aka Luedenscheidt, 30, Bretterbude, freiberuflicher Grafiker bei Kombinat79

"Das Coronavirus betrifft mich persönlich in allen Lebenslagen. Neben meiner musikalischen Tätigkeit als Luedenscheidt engagiere ich mich beim Technoverein Bretterbude und arbeite bei Kombinat79 freiberuflich als Grafiker. Da ich meilenweit entfernt davon bin, von meiner eigenen Musik leben zu können, ist die Isolation für mich verkraftbar und ich nutze die freie Zeit für's Produzieren. Für den Verein Bretterbude sieht das schon anders aus. Das Wochenende gegen Rassismus, The Movement und kleinere Veranstaltungen wie Studio5 wurden schon gecancelt. Auch Veranstaltungen nach dem 20. April sehe ich in Gefahr. Ohne die Förderung durch das Kulturamt Freiburg wäre die Bretterbude Ende Mai wohl Geschichte. Ich hoffe inständig, dass allen Kulturstätten, Kunstschaffenden, Autor*innen, Theater, Kinos, Veranstaltenden und anderen finanziell geholfen wird, zum Beispiel durch ein Grundeinkommen, wie es der Deutsche Kulturrat fordert. Auch wenn die Maßnahmen richtig und wichtig sind, um die Ansteckungskurve flach zu halten: Es wäre eine Katastrophe, wenn nach Corona die Türen der Kulturstätten zu bleiben."



Anina Owly, 31, DJane

"Für mich bedeuten die Absagen natürlich finanzielle Einbußen. Ich fühle mit jedem Künstler, Clubbetreiber, Barbesitzer, etc. Im Moment heißt es ja, dass Clubs, Bars und Kneipen bis 20. Juni geschlossen bleiben. Ich kenne keinen Künstler, egal in welchem Bereich, der dadurch nicht in finanzielle Schwierigkeiten kommt. Offiziell abgesagt wurden alle meine Gigs bis einschließlich 20. April. In meinem Fall sind das bis zu diesem Zeitpunkt mehr als sechs. Fraglich, ob es ab 20. April dann weiter geht."



Cäcilia Bosch, 24, und Ansgar Hufnagel, 32, Poetry Slammer und Kabarettisten von "Einfach so"

"Einfach so – den Namen haben wir uns nicht ohne Grund gegeben. Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit Kunst zu schaffen und sie mit anderen Menschen zu teilen. Das Coronavirus ist für uns ein deutlicher Einschnitt – er nimmt uns die Möglichkeit, unsere(n) Beruf(ung) wie bisher auszuleben und schnürt das finanzielle Korsett als freischaffende Künstler viel enger. Bis zum 15. Juni sind 28 Veranstaltungen von und mit uns betroffen, was einen Verdienstausfall von rund 5300 Euro mit sich bringt. Wir hören gerade von vielen Kolleg*innen, für die das Ganze existenziell ist – wir haben das Glück, Nebenjobs zu haben. Es wird echt nicht einfach, aber es wird irgendwie gehen. Gleichzeitig verstehen wir die Phase als Chance – wir dürfen auf andere Art kreativ werden, um Menschen zu erreichen. Wir sind schon mit anderen Künstler*innen in Kontakt um Online-Events zu planen, denken über Vlog-Beiträge und ähnliches nach. Es ist eine Gelegenheit, neue Wege zu entdecken und zu gehen, lasst sie uns nutzen."



Felix und Till Neumann, beide 36, Bandleader von Zweierpasch

"Kulturkiller Corona trifft uns derzeit mit voller Wucht. Wir haben gerade ein Album produziert. Die Ausgaben von mehreren zehntausend Euro sollten auch über die Releasetournee ab März wieder eingespielt werden. Bis in den Sommer rein sind Shows gecancelt oder wackelig. Es gab acht Absagen innerhalb einer Woche, ein Hammer. Unsere Band lebt von Gagen. Ohne Konzerte und Workshops keine Einnahmen. Nach der Corona-Absage unseres Ecole du Flow-Gipfeltreffens mit 700 Deutschen und Franzosen in Freiburg haben wir kurzfristig ein Youtube-Live mit Performance und interaktivem Chat auf die Beine gestellt. Es gilt umzudenken, wohlwissend, dass hochwertige Videoformate viel Geld kosten. Wir suchen fieberhaft nach Lösungen. Der Staat schützt Banken, sorgt sich um 22 Millionäre, die vor leeren Rängen spielen müssen, aber übersieht kategorisch Kulturschaffende. Man sollte auch in virusfreien Zeiten eine Woche mit sämtlichen Künstlern streiken. Für eine Branche in der es drei Prozent gut geht. Der Rest kämpft jeden Tag um seine Existenz."



Sandrina La Loba, 29, Flow-Artist bei Ohrklang, LED- und Feuerhoop-Performerin

"Natürlich sind wir als Künstler von Ohrklang persönlich als auch beruflich vom Coronavirus betroffen. Bisher wurden drei Festivals abgesagt, viele weitere Veranstaltungen befinden sich in Verhandlungen und Kurse und Training fallen aus. Manche von uns arbeiten Hauptberuflich als Künstler, andere haben ein weiteres berufliches Standbein und sind finanziell abgesichert. In allem was wir tun, steckt jede Menge Liebe und Energie. Ob es nun die Kostümgestaltung betrifft, die Musikauswahl, die Designs für die Dekorationen oder das Training für unsere Choreographien. Es geht mit einer großen Enttäuschung einher, wenn Veranstaltung und Festivals abgesagt werden. Doch wir sind auch Lebenskünstler und mich selbst erstaunt immer wieder, wie Kreativität ganz besonders dann wächst, wenn die Situation nicht vorhersehbar ist und Pläne nichts weiter bleiben als Pläne. Krisen können einen bescheidener, ruhiger und liebevoller machen. Es erinnert uns daran, dass wir zu viel mehr in der Lage sind, als uns manchmal bewusst ist. Es lässt uns neue Lösungen finden und zeigt unseren Charakter als Team. Ich bin mir wirklich sicher, dass wir diese Zeit gut überstehen und Wege finden werden, die Menschen mit unserer Kunst zu erfreuen und durch diese Zeit zu begleiten."



Anthony Arrascue, 37, Percussionist bei Atole Loco und Informatiker

"Ein Hauptantrieb von Atole Loco ist es, die Gedanken der Menschen an Orte zu bringen, an denen sie gerne wären. Unser Lied "No Quiero Regresar" erzählt die Geschichte von jemandem, der an einen solchen Ort reist, inspiriert von lateinamerikanischen und spanischen Orten aus unseren Erinnerungen, und sich fragt, ob er zurückkommen sollte. Wir empfinden Mitgefühl mit allen, die das Coronavirus daran hindert, nach Hause zu ihren Lieben zu fliegen. Alle Bandmitglieder haben Freunde und Familien in anderen Ländern. Manchmal ist das Warten schwieriger als die Unsicherheit. Bei uns wurden bereits zwei Konzerte in Freiburg und Heidelberg abgesagt und für unser nächstes Konzert in Konstanz im Mai sind wir skeptisch. Wir hatten geplant, die diesjährigen Einnahmen für die Produktion unseres ersten Videoclips von unserem Lied "Quiero Ser un Modelo" zu verwenden. Alles deutet vorerst darauf hin, dass sich dies verschieben wird. Wir wünschen unseren Freunden und Kulturschaffenden in Freiburg alles Gute für die schwierige Zeit."



Elena La Gatta, 31, Burlesque-Künstlerin

"Das Coronavirus hat uns freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern leider schwere Zeiten bereitet. Bei mir wurden alle Auftritte, Burlesque-Workshops und Tanzkurse bis Ende April abgesagt oder verschoben. Neue Aufträge kommen leider nicht rein, denn niemand will zurzeit irgendwas planen. Das ist eine finanziell gesehen sehr schwierige Lage. Auch sonst fällt es schwer positiv zu denken, während die Welt da draußen gerade in apokalyptischer Stimmung ist. Was ich am schlimmsten empfinde, ist der Informationsüberfluss, der aber doch keine Klarheit bringt. Für mich ist es nicht klar, wie man mit der Situation umgehen soll und wie man sich verhalten soll. Wir Künstler sind nun zu einer ungewollten kreativen Pause verdammt und versuchen in dieser Zeit neue Sachen zu kreieren."



Dita Whip, 26 Jahre, freie Künstlerin

"Abgesagt und verschoben: Kurz 2020. Ich verstehe, dass es notwendig ist, Veranstaltungen abzusagen um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, allerdings deckt dieses Verständnis weder meine Miete noch andere Grundkosten. Auch mein Tagesjob, freiberuflicher Lehrer für Visagistik, hat sich seit dem 13. März in den unbezahlten Urlaub verabschiedet. Sollte auch noch das letzte Standbein von Künstler*innen, die Gastronomie, von Schließungen betroffen sein. Im Moment hat niemand Interesse daran, Künstler*innen für zukünftige Events zu buchen. Wer weiß wie lange Lady Corona noch ihr Gastspiel hat? Eine bedrohliche Menge Weiß schielt mir schon aus dem Kalender entgegen. Die größte Enttäuschung bisher: Kein finanzielles Entlastungspaket wird jemals seine Mittel in die Taschen von Künstler*innen wie mir ausschütten. Barbara, we’re fucked... big times! Aber bei Künstler*innen ist das eh der Alltag, nicht wahr? Vielleicht sprechen wir nach Corona mal darüber… Wobei, bleiben wir realistisch."



Austin Horn, 24, und Phil Dyszy, 25, Sänger und Gitarrist von Seven Purple Tigers

"Zum Glück hatten wir am Abend vor Inkrafttreten des Veranstaltungsverbots unsere Musikvideo-Vernissage und damit unser letztes Event für die kommenden Wochen. Da wir uns derzeit in der Kompositions- und Vorproduktionsphase unseres zweiten Albums befinden, erwarten wir auch keine Rückschläge für uns durch die gegenwärtigen Umstände. Die Vorstellung, dass wir in unserem Proberaum ohne Arbeit, Universität oder Kneipen unter Quarantäne gestellt sind, hilft ironischerweise sogar damit produktiv und fokussiert zu sein. Als Mitglieder der Freiburger Musikszene fühlen wir mit allen Künstlerinnen und Künstlern, die Tourneen und Events geplant hatten und nun schwer betroffen sein werden. Wir alle müssen jetzt die Auflagen der Gesundheitsbehörden ernst nehmen, damit alles so schnell wie möglich vergeht. Auch hoffen wir auf Unterstützung für diejenigen, die sie gesundheitlich und wirtschaftlich dringlich benötigen."



Willi Auerbach, 39, Zauberkünstler & Illusionist The Magic Man

"Covid-19 trifft unsere Branche natürlich sehr hart. Aber es bringt nichts, sich in Selbstmitleid zu stürzen. Wir alle haben jetzt eine gesellschaftliche Verantwortung, die Ausbreitung so schnell wie möglich einzudämmen und damit die wirklichen Helden dieser Tage im Gesundheitssystem zu entlasten. Wichtig ist aber, dass wir Künstler, ebenso wie andere betroffene Unternehmer, schnell und unbürokratisch Unterstützung erhalten. Wir müssen die Krise überstehen, um danach wieder unsere Zuschauer mit unserer Kunst unterhalten können. Um Michelangelo zu zitieren "Kunst hat die Aufgabe wachzuhalten, was für uns Menschen so von Bedeutung und notwendig ist." Und das erst Recht in so schwierigen Zeiten. Ich wünsche mir, dass wir nun als Gesellschaft zusammenhalten und wir in dieser Zeit aber nicht diejenigen vergessen, denen es noch viel schlechter geht als uns. Wenn diese Pandemie Länder wie Äthiopien trifft, dann werden die Zustände und Probleme dort nicht vergleichbar mit unseren Sorgen sein."


Info: Willi Auerbach ist auch Botschafter der Stiftung Menschen für Menschen.

Amber Eve, 30, Burlesque - und Striptänzerin, Tanzlehrerin, Modell

"Ich arbeite selbstständig im Nachtleben – in Clubs, für öffentliche oder private Anlässe und bei Events, die ich zum Teil selbst produziere. Unter der Woche gebe ich zudem Poledance-Kurse und stehe Modell in der Kunstschule. Zuerst wurden sämtliche Events bis Ende April abgesagt, das sind bei mir circa acht Bookings. Das ist mein Haupterwerb. Wenn am Wochenende keine Shows anstehen, kann ich normalerweise in einem Nachtclub arbeiten, der nun aber auch geschlossen bleibt. Mit geschlossenen Hochschulen und Tanzstudios fällt auch mein letzter Nebenerwerb weg. Als selbstständige Künstlerin bin ich es gewohnt, unter der Woche von zu Hause zu arbeiten, zu trainieren, Kostüme zu nähen, Unterricht vorzubereiten, meine Buchhaltung zu erledigen, und so weiter. Für den Moment halte ich mich damit beschäftigt und hoffe, mir über Plattformen wie patreon.com und Online-Tutorials weiterhin eine kleine finanzielle Basis zu erhalten. Ohne zu wissen, wie lange Veranstaltungsorte geschlossen bleiben, wird es aber auch für mich bald eng werden."