Wie es ist, einen neuen Glauben zu finden

Elisabeth Kimmerle

Wer zwischen zwanzig und dreißig auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, findet dabei oft einen neuen Glauben. Patrick wurde Muslim, Eva entdeckte den Buddhismus, Simon den Katholizismus und Samson Rastafari. Vier Konvertiten erzählen ihre Geschichte.

Am Anfang war der Zweifel. Mit Anfang 20 beginnen viele Menschen,  sich  Fragen zu stellen. Die Fragen des Lebens. Wie soll ich leben? Was gibt meinem Leben Sinn? Es ist eine Phase, in der man Dinge hinterfragt und beginnt, sich selbst in der Welt zu verorten.

Junge Erwachsene suchen nach Antworten, die ihnen in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt Halt zu geben vermögen. Manche finden sie im Glauben, andere in Ratgebern zum richtigen Verhalten in Sachen Liebe, Ernährung oder Fitness. Auch gläubige Christen hinterfragen die Grundlagen ihrer Religion – eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Standpunkt in der Welt.

„Ich war als 18-Jähriger in einer gewissen Glaubenskrise“, sagt Patrick Brooks (Bild rechts). „Es gab das Fundament, ich habe an den einen Gott geglaubt, ich hab an die Heilsgeschichte geglaubt, aber es gab trotzdem Widersprüche und Ungereimtheiten, die ich in der Bibel entdeckt habe. Dann hab ich den Koran in die Hand bekommen. Die erste Erfahrung bei der Lektüre war, dass die Rede Gottes an mich direkter, unvermittelter wirkt.“

Daraufhin hat sich der Geschichts- und Islamwissenschaftsstudent eingehender mit der Lehre Allahs auseinandergesetzt und im Koran Antworten gefunden, die ihm die Bibel nicht geben konnte.  Er ist zum Islam übergetreten.
In den letzten Jahren hat sich die Zahl der deutschstämmigen Muslime vervielfacht. Dem Islamarchiv in Soest zufolge sind von August 2005 bis Juli 2006 4000 Deutsche zum Islam konvertiert – viermal so viele wie im Vorjahr.



Was bewegt junge Erwachsene dazu zu konvertieren? Oft sind es Begegnungen mit Andersdenkenden, einer fremden Kultur, die den Anstoß geben, bisherige Glaubensgrundsätze zu hinterfragen. „Ich bin vor zehn Jahren zufällig ins Tibet Kailash Haus gestolpert“, erzählt die Körpertherapeutin Eva Bräutigam (Bild links). „Wobei – im Buddhismus gibt es keinen Zufall, es gibt nur die Ursache, die irgendwann zur Wirkung wird. Ich bin also ursächlich ins Tibet Kailash Haus gekommen“, verbessert sie sich. Sie nahm am offenen buddhistischen Gesprächskreis teil – und war berührt von den spirituellen Gesängen.

„Ich habe mich richtig aufgehoben gefühlt, das habe ich davor so nie erlebt“, sagt die 39-Jährige. „Irgendwie war ich zu der Zeit auf der Suche nach dem Sinn und Zweck meines Lebens.

Im Buddhismus habe ich die Antworten auf meine Fragen bekommen: Es gibt ein Ziel und einen Weg im Leben. Seit ich diesen Weg verfolge, fühle ich mich viel stabiler.“ Zuvor fest im katholischen Glauben verankert, kehrt sie ihrer Religion den Rücken. „Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr glauben, dass es einen Gott gibt, der über mich urteilt. Wenn diese Konstante wegbricht, nimmt man die Zügel selber in die Hand, statt einer Situation ausgesetzt zu sein, man gestaltet sein Leben aktiv.“

So ein klarer Bruch mit der bisherigen Religion findet bei vielen Konvertiten nicht statt. Oft sind die Überzeugungen, mit denen sie aufgewachsen sind, Grundlage für den neuen Glauben. „Ich verstehe meine Konversion zum Islam  als eine Fortsetzung, als eine Art Erweiterung dessen, was ich sowieso schon geglaubt habe und wovon ich überzeugt war“, erklärt Patrick Brooks, der sich inzwischen Isa nennt.



Bei Simon Löschke (Bild rechts) war es zuerst nur das wissenschaftliche Interesse, das den evangelischen Pfarramtskandidaten dazu brachte, sich mit der katholischen Lehre auseinanderzusetzen. „Ich fand es interessant, mit meinen Kommilitonen beim Mittagessen über den Glauben zu diskutieren“, sagt der 22-Jährige, der mittlerweile katholische Theologie studiert. „Als dann ein Junge zu mir in die Konfirmationsvorbereitung kam, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat, habe ich begonnen, mich selbst und meinen Glauben zu hinterfragen. Wie kann ich auf die Frage nach dem Tod antworten?“

Die Antworten, die der Katholizismus bietet, schienen ihm logischer. „Die evangelische Kirche hat einige Defizite in ihrer Lehre, der Katholizismus ist da vielfältiger“, sagt Simon. Da sei ihm klar geworden, dass er Katholik werden möchte. Im katholischen Glauben fühle er sich mehr daheim, auch wenn er sich mit seiner Entscheidung oft selbst behaupten müsse. „Wer in der heutigen Zeit in die Kirche eintritt, macht sich angreifbar“, erklärt er.

Gerade vor seinen Eltern sei es anfangs schwierig gewesen, seine Entscheidung zu rechtfertigen, erzählt Simon. „Für sie war es erst ein kleiner Schock. Sie haben mich bewusst evangelisch getauft und es war auch ihr Wunsch, dass ich evangelische Theologie studiere. Mittlerweile stehen sie aber hinter mir, weil sie gemerkt haben, dass es der richtige Weg für mich ist.“

Bereut hat Simon seine Konversion nie – trotz heftiger Diskussionen mit einem Freund, der einfach nicht verstehen kann, warum er diesen Schritt gegangen ist. „Der Katholizismus bietet mir ein Leben in Fülle. Trotz aller Höhen und Tiefen ist da eine Basis meines Seins“, sagt Simon.



Auch bei Samson (Bild links) war seine christliche Erziehung ausschlaggebend dafür, dass er sich näher mit dem Rastafari-Glauben auseinandergesetzt hat. „Als ich während meines Zivildienstes angefangen habe, Reggae zu hören, ist mir aufgefallen, dass die Texte voller Bibelzitate sind“, sagt Samson, der früher in einer Baptistengemeinde war.

Der 25-Jährige hört genauer hin – und kann sich mit den Werten des Rastafari-Glaubens schnell identifizieren. „Im Endeffekt war es die Reggae-Musik zusammen mit meiner christlichen Vorgeschichte, die mich zum Rastafari gebracht hat. Ich habe auch viel Kontakt mit Afrikanern und bin deshalb in der Mentalität zu Hause“, sagt er.

Heute spielt er in mehreren Reggaebands, ist verheiratet und sieht sich in Zukunft mit seiner Familie in Afrika. Der Plan ist, irgendwann dorthin auszuwandern – ganz gemäß der Back-to-Africa-Bewegung, die fordert, dass die Rastas in ihr Mutterland zurückkehren sollen.

Eine Konversion zum Rastafari gibt es in dem Sinne nicht, Samson zufolge ist man Rasta, sobald man das Bewusstsein für das Leben erhalten hat. „Es gab natürlich keinen Zeitpunkt, zu dem ich gesagt habe: Jetzt bin ich Rasta. Das war eher eine Weiterentwicklung, ein Weg der Spiritualität. Irgendwann habe ich meine Identität gefunden“, sagt er. Im Rastafari geht es weniger um das strikte Befolgen von Geboten als darum, sein Leben bewusst zu gestalten. Zwar lehnen die Rastas Tabak- und Alkoholkonsum grundsätzlich ab, doch sei es dem Einzelnen überlassen, darüber zu entscheiden, was zu tun und zu lassen sei, so Samson. „Das einzige Gebot ist das Leben. Wir folgen unserem Herzen und richten uns nach dem Motto: Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist dienlich. Dadurch musste ich mir auch nie etwas verkneifen. Wenn man etwas wirklich verstanden hat, ist es nicht schwer, die richtige Wahl zu treffen“, sagt er.

Die Vielzahl an religiösen Strömungen – und auch das zunehmende Wissen darüber – macht es heute möglich, sich für die Glaubensrichtung zu entscheiden, mit der man sich am besten identifizieren kann. Glauben ist individuell geworden. So mancher legt sich seine Religion dabei so zurecht, wie sie zu ihm passt – eine Gefahr, die vor allem bei Konfessionen besteht, die aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen. „Viele beschäftigen sich nicht wirklich mit den Werten, für die Rastafari steht. Leute, die viel Reggae hören, verbinden damit Kiffen, Rebellion und Jamaika. Die Vorstellungen bleiben bei den meisten schon sehr oberflächlich“, sagt Samson.

Auch Eva Bräutigam hat bemerkt, wie schwierig es sein kann, sich mit einer fremden Glaubensrichtung auseinanderzusetzen. „Manchmal dreht der Geist alles so, wie er es gern hätte. Dadurch entsteht viel Verwirrung. Es knirscht ganz schön im Getriebe, aber das bringt auch Auseinandersetzung und Bewusstsein. Dadurch komme ich immer einen Schritt weiter“, sagt sie. Als Buddhistin will sie sich nicht bezeichnen – das wäre wieder eine Schublade, in die sie gesteckt würde.

Einen anderen Glauben anzunehmen, ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geschieht. Ob Islam, Katholizismus, Buddhismus oder Rastafari – jeder der Konvertiten begreift die intensive Auseinandersetzung mit seiner neuen Religion als eine Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit, die noch nicht abgeschlossen ist. Die Frage nach dem richtigen Leben ist eine, die immer wieder von Neuem gestellt wird.

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Foto-Galerie: Ruben Fees

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