Selbstversuch

Wie es ist, einen Lindy-Hop-Tanzkurs über Zoom zu machen

Johannes Breuninger

Swing tanzen über Zoom – kann das funktionieren? Inklusive hüpfen im Studentenzimmer und Anleitungen über die Webcam. Klingt schwierig. fudder-Mitarbeiter Johannes Breuninger hat den Selbstversuch gewagt.

Wäre der Januar 2021 ein gewöhnlicher Jahresbeginn, dann wäre ich am Montagabend um 18 Uhr auf meinem Fahrrad auf der Eschholzstraße und würde in Richtung Weingarten radeln. Vor der Tanzhalle angekommen, würde ich mich mit Johanna, meiner Tanzpartnerin, abklatschen um vorfreudig den Ausläufern von Swing-Musik zu folgen, die aus dem Raum am Ende des Ganges dieses Gebäudes ertönen.


Leider ist aber nichts gewöhnlich im Januar 2021: keine Fahrt mit dem Rad, keine Swing-Klänge aus einer Halle, und auch wenn Johanna zum Tanzen bei mir vorbeikommt, gibt es nur noch einen liebevollen Check mit den Ellenbogen. Stattdessen bietet nun der Montag eine neue Erfahrung im kontaktbeschränkten Leben: Lindy Hop über Zoom. Das ermöglicht die Tanzschule Lindy Corner aus Freiburg. Sie hat ihr Angebot für den Lockdown auf Zoom umgestellt. Anstatt von lautstarken Musikboxen erklingen die Schlagzeug- und Trompetenklänge nun aus meinen Bluetooth-Lautsprechern.

Kann gemeinsames Tanzen über Zoom funktionieren?

Wie so viele Aktivitäten der Corona-Zeit beginnt die Abendgestaltung, mit dem Klick auf einen Zoom-Link. Nachdem ich beigetreten bin, tut sich aber ein ulkiges Bild auf. Einige Tanzpaare sind schon da, und zum Swing schwingt in ganz verschiedenen Freiburger Wohnzimmern das Tanzbein. Lindy Hop ist ein ziemlich lässiger Tanz; er hat seine Ursprünge in den 1920ern in den USA und wird in der Regel zu zweit getanzt. Den Spaß hat er sich, selbst auf dem bescheidenen Basics 3-Niveau, das mein Kurs ausweist, in den 100 Jahren umfassend beibehalten.

So kommt es, dass der Tanz die erste kleine Zoom-Hürde ganz leicht nimmt. Am Anfang ist es eine kleine Überwindung mit der Webcam auch in die eigenen vier Studi-Wände Einblick zu gewähren. Eben habe ich noch schnell eine Kanne Tee gemacht, der nun neben meinem Laptop zieht. Zum Auftakt fühlen sich meine Tanzbewegungen noch nicht so geschmeidig an, wie ich mir das vorstelle. Nach einer kurzen Begrüßung von unseren Tanzlehrern Maren und Steven beginnt das gemeinsame Warm-up.

Tempo auf der anderen Seite des Bildschirms

Der innere Widerstand erreicht einen Höhepunkt. Ich soll jetzt vor einer Kamera tanzen, aber alle schauen zu. Natürlich sind wir nur kleine Videofenster, aber eine alte Scham aus Teenagerzeiten davor, in der Öffentlichkeit zu tanzen, kommt zum Vorschein. Davon unbeeindruckt legen die beiden Tanzlehrer los und wir tasten uns langsam vor. Dabei fallen bei uns die ersten Vorbehalte und mit ein paar Steps und Turns tauschen Johanna und ich den Lernalltag für die immer unbeschwerter werdende Welt des Swings. Das Warm-up macht seinem Namen alle Ehre. Die beiden, auf der anderen Seite des Bildschirms, machen Tempo und tanzen ein paar Solofiguren vor, und mit jedem Hopser ergreift die Musik mehr Besitz von mir.

Auch ohne physische Anwesenheit machen Maren und Steven einen beeindruckenden Job. Steven, der Leader, Maren, die Followerin, aber diese Rollen sind im Lindy Hop nicht starr oder an Geschlechter gebunden. Es ist sogar möglich, dass man von der einen Position während des Tanzes in die andere wechselt. Darin findet sich sicherlich wieder, dass der Tanz, aus einer progressiven Zeit stammt. Nur sind diese filigranen Wechsel von Follower zu Leadern was für Fortgeschrittene und damit unerreichbar, zumindest für mich, an diesem Abend.

Nach dem Warm-up kommt ein kleines Recap – der eigentliche Kurs beginnt. Maren und Steven tanzen die Figuren vor, die wir in der letzten Woche gelernt haben. Danach erklären sie geduldig, wie die schicke Drehung funktioniert, die sie gerade vollzogen haben. In meiner Vorstellung ist es schwierig genug, die natürlichen Tanzbewegungen in eine für uns Tanzschüler begreifliche Sprache zu packen. Steven hat dafür sein eigenes Rezept gefunden. Der gebürtige Australier, wechselt frei hin und her zwischen den Sprachen; er weist uns in Englisch an, wiederholt es auf Deutsch und sagt es dann nochmal auf Englisch. Was zunächst komisch anmutet; doch die Wiederholung gibt mir die Zeit, über das Gesagte nachzudenken und es zu verinnerlichen, bevor meine Beine es umsetzen wollen.

Beim Lindy Hop geht es ums Fühlen

Wobei – Nachdenken ist das falsche Wort. Denn Lindy Hop hat viel mit Fühlen zu tun, es gilt den Rhythmus zu erspüren. Nach dem kurzen Theorieteil schicken uns Maren und Steven wieder zum Tanzen auf die mit Zoom geteilte Audio-Spur. Die Playlist kennen wir nach einigen Kursstunden recht gut. Die Webcam richten wir auf den Boden. An den Füßen erkenne man am besten, woran es noch hapert. Aber selbst wenn die ersten Versuche an der neuen Drehung oft in die Hose geht; die Musik, gespickt mit Trompeten und Schlagzeug-Klängen bringt einen Gute-Laune-Faktor. Und so pendeln wir zwischen mal mehr, mal weniger gelungenen Drehungen in meinem Zimmer und den Erläuterungen aus der Liveübertragung. Gut für das eigene Selbstvertrauen: Maren und Steven sparen nicht mit Lob. Stevens Sprachwechsel lockert die Stimmung zusätzlich auf oder um es mit seinen Worten zu sagen: "You can dance Lindy Hop without having fun, but than you miss an important part of it. Having fun ist sogar wichtiger als die Technik."

Seine Wort treffen es sehr gut: Sobald die Musik wieder läuft, macht sich Ausgelassenheit breit und meine Vorbehalte sind restlos verflogen. Während der zwei Songs, die wir zum Ausprobieren der neuen Figur haben, vergesse ich kurz, dass die anderen Kursteilnehmer und wir nicht in einem Raum sind. Danach rufen uns Maren und Steven für neue Erläuterungen vor den Bildschirm. Dass sich nun erneut alles auf 13 Zoll abspielt, erinnert uns an die Eigenart der Situation, aber die gute Laune hilft über den Moment hinweg.

Aus Lehrer-Sicht hat sich nach deren Aussage durch die Umstellung von analog auf digital an der Art der Unterrichtens weniger geändert, als man denkt; Lindy Hop über Zoom sei nur eine Variation dessen, diesen Tanz an andere weiterzugeben. Es verlangt allein mehr Empathie und Vorstellungskraft, für das, was wir als Kursteilnehmer an Rat brauchen, wenn man nur einen Teil des Körpers sieht. Der Kern des Daseins als Lindy Hop-Lehrer hat sich aber für Steven als immun gegen die Kontaktbeschränkungen erwiesen.

Aber gleich ob Fortgeschrittener oder Anfänger, Lindy Hop lebt von der Gesellschaft, egal wie gut, der Livestream ist. Die fehlt. Aber unserem Kurs gelingt es dennoch, einem die Leidenschaft für das Tanzen mitzugeben. Die Montagabende sind selbst ohne Anwesenheit ein Highlight meiner Woche.