Spurensuche

Wie erlebt Freiburgs Kifferszene die Corona-Krise?

Martha Martin-Humpert

Wie steht es um Freiburgs Cannabiskonsum und den Handel damit? Steigende Preise oder eingebrochene Nachfrage? fudder hat sich in der Szene umgehört – und vom Trend zum Selbstanbauen und den Corona-Kilos erfahren.

In Krisen wie diesen sucht sich jede Bevölkerungsgruppe ihre eigene Bewältigungsstrategie. Vorlieben und persönliches Mindset bestimmen, wie wir mit den veränderten Lebensumständen, den fehlenden sozialen Kontakten und dem Leben mit angezogener Handbremse umgehen. Während der eine sich als agiler Marathonmann neu erfindet und die nächste auf der Straße gegen das vermeintliche Merkelregime demonstriert, flieht der dritte vor den Bürden von Home-Office und Homeschooling in die Meditation. Aber wie geht es den Zeitgenossen, die schon vor Corona das Abenteuer Entschleunigung mit prallen Joints mit vielversprechenden Füllungen wie "Amnesia-Haze" für sich entdeckt haben? Goldene Zeiten oder Stress durch Lieferengpässe? Wir haben uns bei Kiffern und ihren Zulieferern umgehört.


Auf dem Stühlinger Kirchplatz ist weniger los

Erste Station: Stühlinger Kirchplatz, die Adresse für den Straßenverkauf. Es ist ein regnerisch-kalter Abend, aber auch bei Sonnenschein hielten sich die vergangenen Wochen weniger Menschen als sonst auf der Grünfläche auf. Das bekommen auch die Jungs vom Straßenverkauf zu spüren, die sich zum Ramadan die gemeinsamen Abendstunden des Fastenbrechens mit Musik aus dem Bluetoothlautsprecher vertreiben. O. bietet einem lächelnd eine Reiswaffel an, wird dann aber sehr ernst. Nein, es sei nicht mehr so viel los, einfach keiner mehr da, weil alle wegen Corona zu Hause säßen. "Die Leute, die es wirklich brauchen, kommen natürlich immer noch, denen ist das egal. Für die ist das alles weit weg, irgendwo unten in Italien, aber nicht hier. Aber schau dich um, hier ist keiner außer uns."

Stimmt, nicht mal die trinkfreudige Truppe, die normalerweise am Bouleplatz ihr Quartier aufschlägt. Ein einsamer Polizeiwagen fährt vorbei, hält aber nicht an. Präsenz zeigen ist die Devise, auf Suchstreifzüge wird an diesem Tag jedoch verzichtet. Die Polizei betont auf Nachfrage jedoch, dass sie auch in Corona-Zeiten natürlich weiterhin im Stühlinger und bei anderen größeren Ermittlungen aktiv sei. Wahrscheinlich ist aber auch der Streife klar, dass hier gerade keine wirklich relevanten Geschäfte gemacht werden. Für die Verkäufer, von denen nach J.s Aussage viele auf die zusätzlichen Einnahmen aus dem illegalen Nebenverdienst angewiesen sind, bedeutet das eine enorme Einbuße. Denn klar, hier kann niemand auf staatliche Corona-Soforthilfen hoffen. Die Preise sind zwar in den vergangenen Jahren eher gestiegen, aber bisher nicht in der Corona-Krise.

Trend hin zum lokalen Homegrowing

Anders ist es bei P., der die Geschäftslage relativ entspannt sieht, da er Gras nebenher verkauft und sonst einem geregelten Job nachgeht. Seiner Erfahrung nach geht es so den meisten Dealern, die aus Liebe zum Produkt und nicht zum Profit verkaufen. In den ersten Wochen habe er deutlich weniger Absatz gehabt, die Stammkundschaft sei zwar geblieben und habe sich mit etwas mehr eingedeckt. In der breiten Masse jedoch seien die Verkäufe rückläufig gewesen, weil die Gelegenheitskiffer eher wegfielen. "Jetzt mit den Lockerungen merkt man, dass es wieder mehr wird."
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Und haben die Grenzschließungen zu Lieferengpässen aus dem Süden geführt? Die Polizei in Freiburg kann dazu nicht viel sagen. Auch die Rückmeldungen aus dem Handel auf unsere Fragen sind gemischt. Einerseits seien freie Autobahnen von Vorteil, was den Transport entspannt, anderseits fallen ortsfremde Kennzeichen natürlich mehr auf. Allerdings sei jetzt auch die perfekte Zeit, um auf den eh schon länger aufkeimenden Trend lokales Homegrowing zu setzen, also Pflanzen für den Eigen- und Fremdbedarf zu Hause anzubauen. Weniger Stromverbrauch, geruchlose Belüftungssysteme und bessere Wärmeregulierung machen den heimischen Anbau sicherer. Der bewusste Kiffer setzt also in Zukunft auf regionale Ware aus liebevoller Zucht vom Gärtner des Vertrauens. Nur noch eine Frage der Zeit, bis auch hier Biozertifikate die Runde machen?

Partydrogen werden kaum nachgefragt

Ganz klarer Ladenhüter sind nach P. momentan Partydrogen wie MDMA, Speed, Ketamine etc. Auch wenn die Polizei hier noch keine abschließenden Beobachtungen vorlegen kann, wäre es dem Namen nach zumindest nachvollziehbar. Denn die Energie, die sonst beim Tanzen in Form von zappeligen Beinen und malmenden Kiefern freigesetzt wird, wirkt bei einem entspannten Netflix-Abend eher kontraproduktiv. Extase hat gerade Pause.

Und was sagt die High Society selbst? Eindeutiges Echo: Es wird geraucht, was das Zeug hält. Wo der soziale Kontakt fehlt, wird Mary Jane zur treuen Begleiterin. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, wie es auch die Kiffer – befragt wurden nur Männer - sind. Die einen suchen eher das High, die anderen wollen zur Ruhe kommen. V. arbeitet gerade im Home-Office, zündet sich manchmal schon morgens den ersten Joint an, einfach aus "90 Prozent Langeweile. Aber auch Zeit, endlich mal viel zu rauchen". R. und K. glauben, dass es auch daran liegt, dass die Leute nicht mehr so früh aufstehen müssen und stellen fest: "Es gibt mehr Toleranz für Laziness."

Was macht man mit der ganzen Zeit? Klavierspielen lernen beispielsweise, denn "Kiffen macht das, was vorher schon da war, intensiver, solange es gemütlich ist." Wie bei allen anderen geht es also darum, einen Weg zu finden, "damit einem die Decke nicht auf den Kopf fällt." Geraucht wird, was man kriegt. Die Auswahl an verschiedenen Sorten sei teilweise nicht mehr so groß, aber man arrangiert sich. Der Beobachtung nach scheint eine Konzentration stattzufinden: wer vorher schon wenig gekifft hat, raucht jetzt bisweilen gar nicht mehr, der harte Kern dagegen stockt seinen Konsum gehörig auf.

Kleiner Side-Effekt: Die Corona-Kilos

Wenn Bewegungsarmut auf die Munchies, also die kiffbedingte Fresslust, trifft, rollt der ein oder andere bald nicht nur Joints, sondern auch sich selbst durch die Gegend. Das scheint aus Wahrnehmung mancher Kiffer gerade die größte Gefahr zu sein, denn von verstärkten Kontrollen oder ähnlichem sei gerade nicht wirklich etwas zu spüren.

Auch Manuel Wiegert, Sprecher der Ortsgruppe Freiburg des Deutschen Hanfverbands, kann in der Region keine massive Zunahme von Problemen im Zusammenhang mit Marihuana feststellen. Seine Gruppe aus rund 30 Leuten setzt sich für die Legalisierung von Cannabis ein und unterstützt ihr Anliegen mit Aktionen wie Mahnwachen oder dem Global Hanfmarsch, der dieses Jahr ebenfalls ausfallen musste. Bundesweit sei es aber zu mehr "Denunziantentum von Nachbarn gekommen", berichtet er. Er hoffe, dass es jedoch nicht zu Zuständen wie in England führen werde, wo bereits einige Polizeistellen dazu aufgerufen haben, verdächtige Gerüche schnell und anonym zu melden. Positiv sieht der DHV dagegen, dass nun zumindest ein Wirkstoff der Hanfpflanze, das nicht psychoaktiv wirkende CBD, von kanadischen Forschern sogar als ein mögliches Mittel zur Behandlung von Covid-19 untersucht wird. Die heilende Wirkung des Cannabidiols ist im Zusammenhang mit Angstzuständen schon länger im Gespräch.

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