Reise

Wie eine Freiburgerin die Quarantäne in Peru erlebte

Sarah Rondot

Zwischen verbotenem Strand, Soldaten-Patrouillen und Hostel-Idylle: Die Freiburger Studentin Sarah Rondot hat drei Wochen im Norden Perus in Quarantäne verbracht, im Protokoll erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Mein Freund und ich wollten in den Semesterferien einen Monat Peru erkunden, zuerst den Norden entdecken, dann mit dem Bus in den Süden reisen. Als unser Flugzeug am 6. März in Frankfurt abhebt, ist Südamerika fast unberührt vom Coronavirus. Am Flughafen läuft alles normal ab und auch die Einreise ist unproblematisch.


Wir sind sechs Tage in Peru unterwegs und haben kristallklare Lagunen gesehen, Frauen in indigenen Trachten kennengelernt und traditionelle Gerichte gekostet. Im Land gibt es zu diesem Zeitpunkt wenige Corona-Fälle, das Thema ist nicht präsent. Wenn ich mit meiner Familie telefoniere, mache ich mir Sorgen um die Lage in Europa. Doch an Reisetag 6 erreicht uns die erste Ansage des peruanischen Präsidenten Martín Alberto Vizcarra: Alle Flüge nach Europa und Asien sind für 30 Tage gecancelt.

10 Tage länger in Peru

Zu diesem Zeitpunkt befinden wir uns in Trujillo, einer bunten Hafenstadt an der Nordküste und übernachten im Haus einer peruanischen Familie. Die Nachricht bedeutet für uns: 10 Tage länger in Peru, da unser Rückflug eigentlich für den 6. April geplant war. Aber wer beschwert sich schon über 10 Tage länger in einem aufregenden Land? Wir kommen gerade von der Besichtigung der Ruinen der Chimú, einer Prä-Inka Kultur, als unsere peruanischen Gastgeber uns aufgeregt empfangen. Der Präsident spricht im Fernsehen! Er verkündet: "Caso de Emergencía", also Notstand, 15-tägige obligatorische Quarantäne für die ganze Bevölkerung, nur Apotheken, Krankenhäuser, Lebensmittelgeschäfte und Banken haben geöffnet, das Haus darf man bis 20 Uhr abends nur zum Einkaufen oder zur medizinischen Versorgung verlassen. Reisen zwischen Städten sind verboten, sowie die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 86 gemeldete Fälle in Peru.

Damit habe ich nicht gerechnet. Schnell müssen wir entscheiden, wo wir die nächsten 15 Tage verbringen möchten. Als Dorfkind denke ich: "Besser in einem kleinen Ort, als in der Stadt, wo schneller Chaos ausbricht." Also beschließen wir, ein Hostel in Huanchaco, einem wenige Kilometer entfernten Strandort zu mieten. Schnell packen wir unsere Sachen, denn es ist bereits Abend und ab Mitternacht ist die Bewegung zwischen Städten verboten. Als wir noch schnell bei einem Straßenstand essen, klopft mein Herz nervös. Ich unterhalte mich während der Wartezeit mit einem peruanischen Pärchen, auch sie können nicht einschätzen, wie streng die Regeln durchgesetzt werden.

Tag 1 bis Tag 7 der Quarantäne

Wir haben unsere Oase gefunden. Gemeinsam mit 27 anderen Touristen aus den USA, England, Italien, Irland, Australien, Spanien und Argentinien, sowie acht anderen Deutschen sind wir in einem Yoga-Hostel mit Meerblick gestrandet. Der Surfer-Typ hinter der Rezeption begrüßt uns mit den Worten: "Welcome to your Family for the next two weeks". Für einen "Zwangsaufenthalt" könnte man sich keinen besseren Ort vorstellen. Das Hostel hat drei Stockwerke, ausladende Terrassen auf vielen Ebenen, eine Dachterrasse, einen Innenhof und unzählige Hängematten. Also genug Platz, damit sich 27 Leute draußen aufhalten können, ohne auf die Straße zu dürfen. Zunächst fühle ich mich trotzdem eingesperrt. Mein Herz hängt noch an unserer Reise und wie viele andere Gäste glaube ich zunächst an die Illusion, dass wir vielleicht nach den fünfzehn Tagen weiterreisen können. Doch diese Vorstellung verflüchtigt sich nach Gesprächen mit dem holländischen Besitzer des Hostels und mit meinem Vater, der mir von außen eine realistische Perspektive gibt. Also melden wir uns bei Elefand, der elektronischen Erfassung von Deutschen im Ausland, an und tragen uns auf der Seite "Rückholprogramm", des Auswärtigen Amtes ein. Von diesem Zeitpunkt an bekommen wir fast jeden Tag informative E-Mails des Botschafters, der uns über die Bemühungen, Deutsche zurückzuholen, informiert.

Ich gewöhne mich an die Vorstellung, dass unser Trip, wie er geplant war, nicht stattfinden wird. Im Vergleich zu Touristen, die in Cusco oder Lima nicht aus ihren Schlafsälen dürfen, haben wir unglaubliches Glück. Eine Yoga-Lehrerin ist mit uns in Quarantäne, sodass der Tag mit einer Yoga-Stunde beginnt. Danach gehen mein Freund und ich gemeinsam auf den Markt ( Händchen halten verboten) und suchen das Gemüse fürs Mittagessen aus. Gisela und Celestre, zwei Marktfrauen mit besonderem Angebot, versorgen täglich unser Hostel mit Kaffee aus dem Amazonasgebiet, Granola und Kokoskuchen. Einige Bewohner Huanchacos wenden sich auf der Straße ab, wenn sie uns sehen, doch die meisten begrüßen uns freundlich. Nach einigen Tagen sind unsere Gesichter bekannt. Die Quarantäne mit 27 jungen Menschen gibt auch den Glauben in die Sozialkompetenz unserer Genration zurück. Klar, es wird viel telefoniert, geskyped und gechattet. Doch am wichtigsten ist das Miteinander im Hostel. Wir kochen gemeinsam, mein Büchlein füllt sich mit neuen Rezepten. Ein Engländer weist alle Neugierigen in den Balance-Akt auf der Slackline ein und stellt Bälle aus Reis und Luftballons her, damit wir auch Jonglieren lernen können. Ein Pärchen tanzt wunderschön Salsa und bietet eine Anfängerstunde an. Jeden Abend sehen wir die Sonne im Meer versinken. Danach handeln wir um Erz und Schäfchen bei "Siedler von Catan". Es ist ein absurder Zustand, innerhalb des Hostels fühlen wir uns sicher, die Stimmung ähnelt einem Ferienlager. Doch die Begegnungen mit dem Militär auf der Straße und das Meer, das für uns verboten blau leuchtet, rufen die Realität ins Gedächtnis.

Tag 8: Wie das Militär unser Hostel stürmt

Wir haben die Halbzeit erreicht und das soll mit einer "Pisco Disco" (Pisco Sour ist quasi das Nationalgetränk Perus) auf der Dachterrasse gefeiert werden. Uns ist bewusst, dass Partys in Zeiten eines Virus keine gute Idee sind. Doch wir leben in einer großen Gruppe auf engem Raum, teilen Bäder und Küche, sodass es für uns von der Ansteckungsgefahr keinen Unterschied macht. Die Party beginnt am Nachmittag, damit sie auch früh wieder enden kann. Während die Sonne im Meer versinkt, wird die Stimmung immer ausgelassener. Doch eine Autoritätsperson, die die Party früh beendet gibt es nicht und so ist um 23 Uhr im Innenhof die Party noch im Gange. Mein Freund und ich sitzen gerade mit anderen auf der Terrasse, die zur Straße hinzeigt, als ein Laster mit zwölf Soldaten vor der Tür hält. "Alle in ihre Zimmer und die Lichter aus!", ruft die Hostel-Mitarbeiterin, als es schon heftig an der Tür klopft. Ich werfe noch einen Blick über das Geländer und sehe schon einen bewaffneten Soldaten im Innenhof herumstapfen. Schnell verriegeln wir unsere Zimmertür und schalten das Licht aus, bis es klopft. Ängstlich öffnen wir, zwei Soldaten mit gezückter Waffe stehen uns direkt gegenüber. "Espira" ich soll ausatmen, denn auch das Kaufen von alkoholischen Getränken ist wegen der Quarantäne verboten. Ich atme nervös. "Está bien", wir haben Glück und dürfen im Hostel bleiben. Doch alle Gäste aus dem unteren Stockwerk müssen die Soldaten ohne Diskussion zur Wache begleiten. Dort verbringen sie im Innenhof der Polizeistation die Nacht. Eine Geldstrafe bekommen weder wir noch der Hostelbesitzer. Doch die Warnung ist angekommen, am nächsten Morgen dürfen die Verhafteten ins Hostel zurücklaufen.

Tag 9: Die Quarantäne wird bis zum 12. April verlängert

Die Stimmung hat sich etwas verändert, der Zusammenhalt in der Gruppe ist noch größer, genau wie der Respekt vor dem Militär. Keiner verlässt das Haus ohne eine Einkaufstüte und fast niemand geht mehr als einmal pro Tag vor die Tür. Als mein Freund und ich einmal um 19.30 Uhr noch Essen holen, ist uns bewusst, dass wir ab 20 Uhr eine Straftat begehen. Gerade noch rechtzeitig sprinten wir zum Hostel zurück, bevor die Ausgangssperre um 20 Uhr einsetzt. Zudem beobachten wir, wie unser Nachbar, der ehemalige Bürgermeister von Huanchaco, beim Biertrinken erwischt wird und vom Militär verhaftet wird. Doch das Hostel bleibt ein Wohlfühlort. Ich mache Fortschritte im Yoga und auf der Slackline. Am Abend meditieren wir.

An Tag 13 verlassen sechs englische Staatsbürger unsere Hostelfamilie, mit der Erlaubnis ihrer Botschaft nehmen sie ein Taxi, um den Sonderbus von Trujillo nach Lima zu erreichen. Auch wir Deutsche fragen uns: "Wann kommen wir nach Hause?" Der Botschafter berichtet von der Schwierigkeit, die Leute nach Deutschland zu bringen, die sich nicht in Lima befinden, da durch die Reisebeschränkung die Erreichbarkeit der Hauptstadt kompliziert ist. Auch sträubt sich die peruanische Regierung bei den Landeerlaubnissen. "Es werden Verhandlungen auf höchster Ebene geführt", schreibt Stefan Herzberg, der deutsche Botschafter in Lima.

Das Regelnetz des peruanischen Präsidenten zieht sich immer enger: Ausgangssperre zunächst von 18 Uhr, dann von 16 Uhr bis morgens um 5 Uhr in unserer Provinz "La Libertad". Corona-Infizierte in Peru zu diesem Zeitpunkt: 950. Mir fällt auf, dass der Name unserer Provinz übersetzt "Freiheit" bedeutet. Die Peruaner, mit denen ich mich unterhalte, zeigen Verständnis für die Maßnahmen. Das peruanische Gesundheitssystem hat nicht genug Kapazitäten für einen massiven Ausbruch. Wenn wir das Hostel verlassen, müssen wir jetzt einen Mundschutz tragen. Eine der Marktfrauen verkauft Selbstgenähte, sodass zwei amerikanische Mädchen eine Maske mit roten Rosen tragen.

Tag 17: Die Botschaft und das Auswärtige Amt informieren über unseren Heimflug

Nacheinander werden wir neun Deutsche, die sich registriert haben, angerufen. Mein Freund und ich werden aus Berlin kontaktiert: Am 3. April wird es einen Flug direkt von Trujillo nach Santiago de Chile geben, von dort fliegen wir weiter nach Frankfurt. In diesem Flug werden alle Touristen, die im Norden Perus feststecken, gesammelt. In einer nachfolgenden E-Mail bekommen wir die Genehmigung, mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren. Die Uhrzeit des Fluges ist noch unbekannt.

Wir genießen das letzte Beisammensein mit unser Quarantäne-Familie, denn wir wissen auch, dass es für längere Zeit zu Hause nicht möglich sein wird, sich mit Freunden zu treffen und beispielsweise "Siedler von Catan" zu spielen. Doch ich freue mich auf die Heimat und auch darauf, auf der Straße nicht vom Militär kontrolliert zu werden. Besonders als die neuesten Regeln angekündigt werden:
Dienstag, Donnerstag und Samstag dürfen nur Frauen das Haus verlassen, Montag, Mittwoch und Freitag nur Männer und sonntags gilt komplette Ausgangssperre.

Von dieser Vorgabe sind wir nicht mehr betroffen, denn am Donnerstagabend werden wir informiert, dass wir uns am nächsten Morgen um 7 Uhr am Flughafen Trujillo einfinden sollen. Zwei unserer Freunde befinden sich auf der Warteliste, nicht auf der Passagierliste für den Flug. Doch auch sie sollen zum Flughafen kommen.

Eine besondere Rückreise

6.30 Uhr: Der Taxi-Fahrer bindet die großen Rucksäcke auf seinen Van. Wir tragen Mundschutz und haben die Genehmigung der Botschaft, sowie einen ausgefüllten Zettel mit dem 6. Konsulargesetz dabei. Mit der Unterschrift bestätigen wir, dass die Bundesrepublik nicht für die Rückreise haftet und wir im Nachhinein Kosten übernehmen. Der Abschied vom Hostel ist sentimental, nur noch sieben Leute der Quarantäne-Familie bleiben zurück.

6.35 Uhr: Wir werden am Ausgang Huanchacos vom Militär kontrolliert, der Soldat schaut sich die Genehmigung an und lässt uns dann passieren "Buen Viaje" – Gute Reise. Wir atmen erleichtert auf.

7 Uhr: Die Tore des Flughafens sind noch geschlossen und eine lange Schlange von Backpackern reiht sich die Straße entlang. Die Taxi-Fahrer fotografieren uns, auch für sie ist das eine spezielle Erfahrung. Die Tore öffnen sich und in einer "Ein-Mann-Schlange" laufen wir bis zum Flughafengebäude, dort werden wir in drei Schlangen aufgeteilt. Wir werden angewiesen, Abstand zu halten.

7.30 – 10 Uhr: Wir warten, während ein Hund alle Rucksäcke beschnüffelt. Peruanische Beamte laufen mit einer Liste herum, streichen Leute auf der Liste ab und schicken sie schon zur Gepäckabnahme. Wir schauen uns am Flughafen um und sehen, dass ein paar ältere Reisende, wenige Familien, viele junge Frauen, Pärchen und nur wenige alleinreisende Männer unter den Wartenden sind. Das erklärt, warum unsere zwei Freunde nur auf der Warteliste stehen. Irgendwann sind wir an der Reihe. Wir werden abgehakt, betreten das Flughafengebäude, das nur für diesen Tag geöffnet wurde und geben das Gepäck ab. Bei der Sicherheitskontrolle misst ein Mitarbeiter, der von Kopf bis Fuß in Schutzkleidung gepackt ist, Fieber.

11 Uhr: Wir laufen über das Rollfeld und steigen in die Maschine. Nach einer Stunde sehen wir, dass auch unsere Freunde aus dem Hostel einsteigen. Später erzählen sie: "Nicht alle durften mitfliegen." Am Ende wurde sortiert: Wer benötigt wichtige Medikamente? Wer ist Freiwilliger von Weltwärts? Wer hat welchen Beruf? Krankenschwestern wurden bevorzugt. Wer ist wie alt? Ein 26-Jähriger wird von den peruanischen Beamten gegenüber einem 19-Jährigen bevorzugt.


12 – 15.40 Uhr: Im Flugzeug lautet die Durchsage: "Mundschutz durchgehend tragen und Hände waschen" Zudem befindet sich ein kleines Snack-Paket mit Wasser schon am Platz, das Boardpersonal teilt nichts aus. Um 15.40 Uhr peruanischer, 17.40 Uhr chilenischer Zeit landen wir in Santiago de Chile. Dort werden wir direkt weitergeleitet, denn unser Abflug ist bereits um 19 Uhr. Es wird erneut Fieber gemessen und eine Sicherheitskontrolle durchgeführt, dann betreten wir das nächste Flugzeug.

19 Uhr (chilenische Zeit) bis 14 Uhr (deutsche Zeit): Wir sind 14 Stunden in der Luft. Während der Himmel sich atemberaubend rosa färbt, erzählt meine Nebensitzerin, dass sie nur einmal die Woche einkaufen durfte. Wir hören von anderen Hostels, in denen die Gäste nicht ihre Zimmer verlassen durften und wie andere Reisende vom Militär direkt zum Supermarkt begleitet wurden. Ich bin wirklich dankbar über unsere relative Freiheit und den Aufenthalt, den wir in Huanchaco hatten. Ich kuschele mich in meine Fließjacke, denn Decken und Kissen befinden sich auf diesem Flug nicht wie gewohnt auf den Plätzen.

14 – 16 Uhr Frankfurt: Wir sind wieder auf deutschem Boden, reisen ein und laufen zu den Gepäckbändern. Es sieht gespenstisch leer aus, als wir an unbeschäftigten Flughafenmitarbeitern und leeren Gepäckbändern vorbeilaufen. Doch an unserem Gepäckband tummeln sich die Reisenden, die mit uns aus Peru gekommen sind. Ich erkenne einen Deutschen wieder, mit dem ich mich in Huanchaco auf dem Markt unterhalten habe. Eine Gruppe Weltwärts-Teilnehmer sitzt im Kreis zusammen, ein Mädchen zupft auf der Ukulele Akkorde, während die Anderen ein selbstgedichtetes Corona-Lied dazu singen. Wir machen ein letztes Abschiedsfoto mit dem deutschen Teil unserer Quarantäne-Familie, dann schultern wir unsere Rucksäcke. Ich nehme den Mundschutz ab, atme die frische Frühlingsluft ein und denke: "Deutschland fühlt sich erstaunlich normal an." Obwohl ich weiß, dass auch hier nichts normal ist.
Infobox: Es gab bis jetzt 13 Rückholflüge der Bundesregierung aus Peru. Insgesamt wurden bis jetzt knapp 2400 Personen, organisiert über das Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes, ausgeflogen. Für die deutschen Touristen, die sich noch in Peru befinden und heimkehren wollen, wird es weitere Flüge geben. Es sind Flüge aus Lima und Cusco geplant. Gegebenenfalls wird es Flüge aus anderen Orten geben, in Zusammenarbeit mit EU/Partnerländer. Quelle: Brief der deutschen Botschaft Lima an die Landsleute, Stand 04.04.2020