fudder-Interview

Wie ein Zehn-Personen-Team das digitale Semester an der Uni Freiburg aufgleist

Anika Maldacker

Auf ihr lastet viel Druck: Nicole Wöhrle ist die Leiterin des Bereichs E-Learning der Uni Freiburg. Erstmals soll ein Semester digital stattfinden. Im Interview erklärt sie, wie die Umstellung läuft und was sie sorgt.

Frau Wöhrle, was treibt Sie im Hinblick auf den derzeitigen Semesterstart am 11. Mai besonders um?

Seit 20. April finden schon Kurse digital statt, daher weiß ich nicht, wie viele noch tatsächlich am 11. Mai beginnen werden. Am 20. April hatten wir einen klaren Peak, und es gab ja leider auch einen Ausfall, der sich aber dann zum Glück als Programmierfehler eines Lernobjektes identifizieren und beheben ließ. Ich gehe davon aus, dass wir am 11. Mai spätestens die komplette Last auf dem System haben werden. Es kann sein, dass wir auf unserer Lernplattform keine Auswirkungen spüren werden, weil die Studierenden in den letzten Wochen auch schon aktiv waren, um noch Prüfungen aus dem Wintersemester nachzuholen.

Das Problem zum Semesterstart ist ja gelöst. Wie funktioniert die Technik nun?

Es funktioniert alles sogar schneller als zuvor. Da auch andere Universitäten und Hochschulen am 20. April Lastprobleme zu Beginn des Semesters meldeten, gingen auch wir zuerst davon aus, die Grenze der Serverleistung erreicht zu haben. Unsere Admins hatten den eigentlichen Fehler aber ja in der Nacht noch beheben können. So haben wir die technischen Ressourcen so gut wir konnten noch aufgepimpt und im Moment läuft es nun schneller.

Aber es ist ja verständlich, dass es mal hakt, bei der Umstellung auf ein digitales Semester, wenn das vorher noch nicht so praktiziert wurde.

Es gibt sehr viele Lehrende und Studierende, die Verständnis zeigen oder Ausfälle mit Humor nehmen. Aber leider sehen das nicht alle so. Wenn die Technik in dem Moment, in dem man sie braucht hakelt, ist sie schlecht und das kriegen wir dann auch gespiegelt. Es herrscht auf allen Seiten sehr viel Druck im Moment.

Wie viel Datenmenge wäre denn zu viel für die Server?

Wir beobachten, dass sich die Server füllen, insbesondere weil viele Lehrende vorab Videos aufzeichnen und bereitstellen, aber bisher haben wir noch keine Engpässe. Beim Speicher bin ich entspannt, interessant wird, wie zum Beispiel der Streaming-Server durchhält. Die Belastung auf unserem Video-Server ist sehr viel höher als in allen anderen Semestern.
Dr. Nicole Wöhrle, 45 Jahre alt, ist Leiterin der Servicestelle E-Learning des Rechenzentrums und hat an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Forstwissenschaften promoviert.

Wie stellen Sie sich ein digitales Semester vor?

Die Empfehlung an die Lehrenden ist, möglichst wenig Liveübertragungen zu gehen und asynchrone Lernszenarien zu nutzen. Also: Vorlesungsinhalte vorab als Power-Point-Folien vertonen, Erklärvideos machen, Diskussionsforen für Fragen und Austausch mit den Studierenden zu nutzen. Wir haben in zahlreichen Webinaren gezeigt, wie das geht und Hilfsmittel wie Headsets verteilt. Live-Szenarien sollen eher für kleine Gruppen, für Feedback oder Sprechstunden genutzt werden – oder da, wo es gar nicht anders geht, in Diskussionsseminaren zum Beispiel. Der Vorteil, wenn asynchrone Werkzeuge genutzt werden: Einmal erstellt, sind sie immer nutzbar – auch in künftigen Semestern. Ein Erklärvideo kann man mehrere Semester einsetzen. Ich bin gespannt, wie die Lehrenden das umsetzen. Wenn nun viele nur Livesitzungen per Zoom anbieten, dann bleibt davon nicht viel und alle kehren im Wintersemester zur Präsenzlehre zurück.

Wie sollen solche interaktiven Formate wie Exkursionen oder Laborpraktika digital abgehalten werden?

Das bleibt den Lehrenden überlassen. Ich weiß von einer Kollegin aus der Biologie, die für Exkursionen einen Leitfaden herausgibt, der dann in Kleingruppen von den Studierenden befolgt wird. Bei Ilias gibt es auch die Möglichkeit, digitale Lernorte anzulegen. Bestimmte Lernmaterialien scheinen erst an einem geografischen Punkt auf, zu dem man sich wie beim Geocaching hin navigieren muss.

"Unser Team ist am Daueranschlag und arbeitet oft bis in die Nacht hinein. Für eine hundertprozentige Online-Uni ist unser Team zu klein."

Was bedeutet es für Sie und Ihr Team, dass das Sommersemester weitgehend digital stattfinden soll?

Für uns bedeutet das im Moment wahnsinnig viel Arbeit. Seit sich abgezeichnet hat, dass ein Semester mit Präsenzveranstaltungen schwierig wird, versuchen wir die Lehrenden für digitale Lehre ins Boot zu holen. Wir erklären, wie unsere Lernplattform funktioniert und welche Möglichkeiten es gibt, Präsenzformate mit digitalen Mitteln nachzubauen. Wir haben bisher 13 Webinare abgehalten, in denen wir die Lehrenden auf das digitale Semester vorbereitet haben. Damit haben wir insgesamt 1400 Lehrende erreicht. Da nun alle die Lernplattformen nutzen, nehmen nun die Fragen zu. Unser Team ist am Daueranschlag und arbeitet oft bis in die Nacht hinein. Für eine hundertprozentige Online-Uni ist unser Team zu klein.

Wie groß ist das Team E-Learning und digitale Lehre und was machen Sie?

In meinem Team gibt es viereinhalb entfristete Stellen und weitere fünf Personen in Drittmittelprojekten. Also sind wir circa zehn Personen, die im Dauermodus schulen, supporten, dokumentieren und neue Systeme ausprobieren und einrichten. Wir können mit unseren hausinternen Systemen nicht eine hundertprozentige Digital-Uni mit rund 30.000 Nutzern stemmen – vor allem nicht im Bereich der Videokonferenzen. Wir haben schon verschiedene universitäre Werkzeuge im Einsatz. Aber die sind ausgelegt auf Online-Seminare mit 20 bis 25 Teilnehmerinnen. Wir haben keine Software, womit zuverlässig 80 oder gar 300 Leute live an einem Videoseminar teilnehmen können, und viele davon gleichzeitig laufen müssen. Wir haben uns nun dafür entschieden, die Software Zoom zu nutzen, für die Szenarien wo unsere hausinternen Systeme nicht reichen.

"Viele Lehrenden sind froh, dass sie gedrängt wurden, sich mit dem Thema E-Learning zu beschäftigen."

Und welche Rolle spielt, dass die Software zuletzt auch wegen des Datenschutzes in der Kritik stand?

Wir sind im regen Austausch mit anderen Hochschulen, die Zoom auch nutzen. Es gibt einige Stellschrauben, mit denen man viel bewirken kann, das geht mir in der Debatte oft unter. Die Nutzung von Zoom ist intuitiv und zuverlässig – man schaltet sich ein und es funktioniert. Die Akzeptanz bei den Lehrenden, die das vorab schon selbst ausprobiert haben, war sehr groß. Wir warten auf die Lizenzen, weil die Firma gerade sehr gefragt sind. Wir werden auch eine Empfehlung für die Nutzung aussprechen und Leitfäden erstellen, in Kooperation mit den anderen Hochschulen. Beispielsweise soll über Zoom keine mündliche Prüfungen absolviert werden und Studierende können ohne die Installation des Clients an Live-Sitzungen teilnehmen, wenn sie das möchten.

Wie ergeht es dabei den Lehrenden, die nicht so einfach mit der Technik klarkommen?

Eins der einfachsten Dinge ist, in einer Power-Point-Präsentation eine Tonspur aufzunehmen. Das machen viele. Manche arbeiten mit eigenem Video-Format. Andere nutzen die Aufzeichnungsanlagen, die es in manchen Hörsälen gibt. Das heißt, dort kann ein Lehrender seine Vorlesung aufzeichnen und dann den Studierenden zur Verfügung stellen. Es gibt auch die Möglichkeit, einen Livestream aus dem Hörsaal zu schalten, wo nur der oder die Lehrende spricht, als Alternative zu einer Videokonferenz und den man später noch anschauen könnte.

Wie haben die Lehrenden auf die Umstellung auf digitale Lehre reagiert?

Die Rückmeldungen waren durchmischt. Viele entdecken gerade eine neue Welt und sind froh, dass sie gedrängt wurden, sich mit dem Thema E-Learning zu beschäftigen. Sie hätten sich auch gerne schon früher mit digitaler Lehre befasst, aber ihnen fehlte einfach die Zeit.

"Wir bekommen im Moment viel Anerkennung und das ist schön, aber ein kleiner Wackler wie im April reicht, um die Stimmung ins Wanken zu bringen."

Und wie werden Studierende auf das digitale Semester vorbereitet?

Es gibt auch für Studierende ein Webinar, in dem einiges zum Umgang erklärt wird. Es gibt auf unserer Lernplattform auch einen Bereich, wo Studierende selbstständig Kurse und Lernmaterial anlegen dürfen – ohne Dozentenbeteiligung und eine Online-Hilfe.

Wie sieht es mit der finanziellen Förderung von digitaler Lehre aus? Hoffen Sie, dass sich durch die Corona-Pandemie etwas ändert?

Es gibt derzeit ein Erwachen. Wir haben schon vor der Corona-Pandemie eine universitätsweite Digitalisierungsstrategie erarbeitet, die eigentlich genau das vorsieht, was wir jetzt brauchen. In der Strategie sind genau die beiden Schwerpunkte, bei denen die digitale Lehre gegenüber Präsenzlehre einen Mehrwert bietet, nämlich zeitliche Flexibilisierung und Lehre über Distanzen, insbesondere zur Internationalisierung berücksichtigt. Wir hoffen natürlich auf langfristig mehr Ressourcen, aber es wird gerade nicht nur im Bereich Lehre bewusst, wo Ausbaubedarf in der Digitalisierung besteht, sondern auch in anderen Bereichen. Wir bekommen im Moment viel Anerkennung und das ist schön, aber ein kleiner Wackler wie im April reicht, um die Stimmung ins Wanken zu bringen. Am Ende des Semesters könnte die Abteilung E-Learning auch als die Verantwortlichen dastehen, wenn die Technik dem Ansturm trotz unserer Bemühungen nicht standhält.

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