Wie ein hanfgeschwängerter Kräutertee: Max Prosa & Tim Neuhaus im Jazzhaus

Alexander Ochs & Florian Forsbach

Tim, Max, Flo und ich, wir haben es gemütlich hier. Ganz wie in Omas Wohnzimmer damals. Schummerlicht, Stehlampe, Landschaftsbild – und zwei Bands, die Oma so nicht aufgefahren hat: Max Prosa und Tim Neuhaus. Alex und Flo waren ganz Ohr und, äh, Auge.



Nach fünf Jahren entwächst das schnuckelige Format TV Noir so langsam den Kinderschuhen. Und erklimmt quasi Teenie-Status, indem es die zehnte Ausgabe auf Tour schickt.

Nur wenige Jahre ist es her, da war Max Prosa selbst noch Teenie, aber TV Noir gab es schon, und der Max war auch schon auf dem Weg Richtung Musikerkarriere. Nach holprigem Start – mit 18 lehnte ihn die Mannheimer Popakademie ab – konnte er Anfang 2012 sein Debütalbum herausbringen und darauf seine erste deutschlandweite Solotournee absolvieren, wo er euch im Jazzhaus Station machte. Ganz ohne Studium (zwei abgebrochene), ganz ohne Aufnahme an der Akademie.

Und doch, dieser Wuschelkopf mit der Augen verhüllenden Haargardine beeindruckt durch eine in diesen jungen Jahren ungewohnte Reife und Reflexion. Abgeklärt und cool, vielleicht auch ein wenig angeschuckert, steht der schmale Schlaks im Schummerlicht des ausverkauften Jazzhaus und macht seinem selbstgewählten Nachnamen alle Ehre. Wobei – manche Songtexte haben einen lyrischen Einschlag, andere erzählen wie ‚Singer/Songwriter-Supergroup‘. Die Höchste Eisenbahn geradezu epische Geschichten. „Max Lyrik“ oder „Max Epos“ wäre rein inhaltlich betrachtet als Künstlername genauso gut drin gewesen.

„Café Noir“, der Name passt zur Reihe wie die Faust aufs Sehorgan, ist so ein siebenminütiges Erzählkunstwerk: Die Zuschauer kleben dem 23-Jährigen an den Lippen, gieren nach mehr Stoff, als er historische und abgewrackte Gestalten von Shakespeare über Bob Dylan bis zum ewigen Studenten in jenem Café aufmarschieren lässt, auch mal lispelnd, auch mal lallend. Ein nostalgischer Künstlertreff, wie ihn ein kleines bisschen auch TV Noir selber zitiert. Und die Musik dazu macht der Singer/Songwriter ganz allein mit seiner Gitarre, bis die Band auf ein gebrülltes „Hey!“ hin mit viel Verve geil einsteigt. Der Höhepunkt zur Pause, nach einer Stunde.

Der zweite Protagonist des Abends, Tim Neuhaus, Jahrgang 1979, ist auch schon mal in dem Gewölbekeller an den Schnewlinstraße aufgetreten, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen: Er war 2006 als Ersatz-Drummer bei der Metalband Die Apokalyptischen Reiter eingesprungen. Und nun? „Meine Band ist Flo“, kokettiert der Gitarrist und Sänger mit Blick auf seinen Schlagzeuger, der auch mal zu den Percussions greift und Backing Vocals beisteuert. Noch faszinierender ist, wie Neuhaus sich den Rhythmus und fast eine Band zusammenloopt: klickernde Drumsticks, die Rhythmusgitarre, Hintergrundwabern.



Tim Neuhaus sitzt und steht nie auf, denn er hat nicht nur alle Hände voll zu tun, sondern auch alle Füße: Mit beiden, bestrumpft, schuhlos, bedient er seine umfangreiche Effektegalerie. Das Ergebnis kann sich hören und sehen lassen: voll von den Socken.

Max Prosa, eine Stimme zwischen Gisbert zu Knyphausen und Reinhard Mey, wie ein hanfgeschwängerter Kräutertee. Tim Neuhaus, souverän an den Pedalen, dafür mit vorhersehbaren (englischen) Texten. Beide legen zusammen mit ihren drei Mitstreitern an Bass, Schlagzeugen und Percussions einen flauschigen, auch mal angenehm kratzenden Folkteppich aus, auf den man sich gemütlich betten kann.

Held des Abends: Edel-Drummer Joda Foerster mit seiner Armee aus Instrumenten – vom Marimba bis zur Fuß-Cabasa. Der dürfte übrigens geheimer Spitzenreiter der heutigen TV-Noir-Musiker in Sachen Jazzhaus-Auftritte sein, denn mit David Lemaitre war er dieses Jahr schon zwei Mal hier ... Allein diesen famosen Abend satte 160 Minuten lang.

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Fotogalerie: Florian Forsbach

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