Wettkampf

Wie drei Freiburger Boxerinnen ihren Kampfsport ausüben

Rebecca Bieling

Bei knapp 36 Grad sind 40 Boxerinnen und Boxer der Kampfsportschule "ExitAsia" am Wochenende gegeneinander angetreten. Ein Tag rund um den Ring, zwischen Brutalität, sowie Respekt und Offenheit – und der Liebe zum Kampfsport.

Alle vier Minuten durchbricht ein Gongschlag die stehende Luft in dem großen Raum mit hohen Decken, an dessen Wänden Trainingsutensilien und Spiegel hängen. Es ist das Zeichen dafür, dass eine neue Runde beginnt. Eine Runde bedeutet drei Minuten, in denen sich zwei Kämpfer oder Kämpferinnen, in einem Ring gegenüberstehen und möglichst viele Treffer bei ihrem Gegner erzielen wollen. Sie schwitzen und atmen schwer, tanzen aber dennoch leichtfüßig über den blauen Boden, auf dem in weißer Farbe groß das Logo von ExitAsia prangt.

ExitAsia ist die Heimat für viele Menschen aus dem Kampfsport in Freiburg, Breisach und Kirchzarten. Die Kampfsportschule wurde 2006 gegründet – in einem kleinen Raum mit Schrägen, der so groß war wie der jetzige Eingangsbereich. Seitdem hat sich viel getan: Aus einem kleinen Raum sind drei große Standorte geworden. Am vergangenen Samstag war ExitAsia der Gastgeber für ein Boxturnier, bei dem rund 40 Athletinnen und Athleten angetreten sind.

Fällt einer zu Boden, muss der andere aufhören

Schon morgens um 10 Uhr ist der Parkplatz vor dem Gebäude in Freiburg-Haid voll bis auf den letzten Platz. Nils Loton und seine beiden Kinder, die hinter einer Theke Speisen und Getränke verkaufen, begrüßen die Eintretenden. Der 44-Jährige ist gemeinsam mit Heiko Reimer der Gründer und Inhaber der Kampfsportschule und richtet dort an diesem Tag sein erstes reines Boxturnier aus. Das Herz des Gebäudes ist der im Erdgeschoss stehende Boxring, welcher von Bierbänken umgeben ist. Die blau-roten Matten, die normalerweise auf dem Boden als Untergrund für die Trainings dienen, sind zur Seite geräumt.

Noch ist es im Innenraum kühler als draußen, aber alle ahnen, dass sich das mit Beginn der ersten Kämpfe ändern wird. Während unten viel gelacht und geredet wird, sich Freunde und Familie Hallo sagen, findet im oberen Stockwerk um kurz vor 11 Uhr das Meeting der Coaches statt, gleichzeitig machen sich dort diejenigen warm, die an diesem Tag den Ring betreten werden. Unter ihnen sind Coco Geiger (27), Jana Zähringer (26) und Anna Rosselli (24).

Die drei Frauen treten in jeweils einem Kampf gegen eine Gegnerin aus einer anderen Kampfsportschule an. Die Disziplin ist das Boxen, eine Kampfsportart, bei der das Schlagen mit den Fäusten gegen die Vorderseite von Kopf und Körper erlaubt ist. Die Kämpfenden sind dazu verpflichtet, auf den Schiedsrichter zu hören und keinen weiteren Schlag zu machen, sollte einer der beiden zu Boden gehen. Nach drei Runden hebt der Schiedsrichter die Hand des Gewinners. Beim Amateur-Boxen sind Mund- und Kopfschutz Pflicht, außerdem tragen die Athletinnen und Athleten Boxhandschuhe, Boxschuhe und eventuell einen Tief- oder Brustschutz.

Der gegenseitige Respekt ist wichtig

Die Zeiger der Uhr nähern sich der 12 und die Stimmung wird angespannt. Das Publikum nimmt Platz. In dieser Zeit sind die Boxerinnen und Boxer ganz auf sich fokussiert: "Eine halbe Stunde vor dem Kampf sollte man nicht mit uns reden", wird Jana später sagen. Coco, die neben dem Boxen in der Speditionsbranche arbeitet, steigt als Erste in den Ring. Es ist ihr erster Boxkampf, eigentlich trainiert sie vor allem Kickboxen. Ein erfolgreicher Schlag nach dem anderen belohnt das Publikum mit einem zufriedenen Raunen und Zurufen. Schnell ist klar, dass Coco die Oberhand hat. So brutal der Sport von außen wirkt, so schnell wird klar, wie wichtig der gegenseitige Respekt ist: Nach der dritten Runde umarmen sich Coco und ihre Gegnerin herzlich. Coco gewinnt diesen Kampf, genauso gut geht es auch für Jana und dann Anna weiter. Begleitet von Nils Loton, der bei jedem Kampf am Ring steht, seinen Kämpferinnen Wasser und Tipps gibt, sie anfeuert und in den Pausen frische Luft zu fächert, gewinnen auch sie die Kämpfe.

Die drei Boxerinnen sehen außerhalb des Ringes und ohne ihren Kopfschutz lang nicht mehr so angsteinflößend aus, wie wenige Minuten zuvor. Sie sind verschwitzt, aber sichtlich erleichtert: "Diese ganze harte Vorbereitung, wenn du dich fokussierst und aufgeregt bist und wenn du nicht weißt, wie dein Gegner mit dir kämpft. Wer dein Gegner ist, wie es wird. Und wenn dann die ganze Last von deinen Schulter fällt und du einfach nur erleichtert bist", beschreibt Coco den Moment vor dem Kampf.

Vor dem Turnier ist eine Pause angesagt

Eine Turniervorbereitung bedeutet explizit auf dieses Turnier und die Disziplin hin zu trainieren. So stand die vergangenen Wochen für die drei Frauen reines Boxen auf dem Programm. Außerdem gehört Ausdauertraining, Intervalltraining, Beweglichkeit sowie Technik dazu. In den Tagen vor dem Turnier ist Trainingspause angesagt: Der Körper soll sich regenerieren. Natürlich sind auch Rauchen und Alkohol tabu. Besonders wichtig ist die magische Zahl auf der Waage, denn die Kämpfenden werden in Gewichtsklassen eingeteilt. Aus diesem Grund trinken viele am Tag vorher nichts oder tragen Schwitzanzüge, um ordentlich auszuschwitzen. Bei ihnen sei das aber "in einem vernünftigen Rahmen. Jeder macht so viel wie er denkt, dass realistisch ist", erklärt Jana. Erst nach dem Wiegen trinken und essen die Meisten nochmal ordentlich.

Zur Routine nach einem Kampftag gehört das, was vorher nicht ging: "Ich freue mich seit Wochen auf mein Bier", sagt Coco lachend. Dass die drei trotz Temperaturen von 35 Grad Celsius im Ring stehen, hat damit zu tun, was ihnen der Kampfsport bedeutet. Sie haben sich für diese Sportart entschieden, weil Kraft, Ausdauer und mentale Fitness alle ineinander spielen. Auch der Ausgleich durch das Training ist ihnen wichtig: Entweder, um nach einem stressigen Tag wieder runter zu kommen, oder um Müdigkeit abzuschütteln und wach zu werden. Besonders Jana, die ihr Hobby zum Beruf gemacht hat und im ExitAsia arbeitet, erzählt, wie wichtig ihr die Gemeinschaft ist. Die Boxerinnen wachsen mit jedem Training und jedem Kampf mit ihrem Sport und über sich hinaus.

Der älteste Kämpfer ist 60 Jahre alt

Gespannt, ob die Herren mit ihren Leistungen mithalten können, feuern Coco, Jana und Anna lautstark ihre Freunde an. Und wieder steht Nils Loton bei jedem Kampf am Ring. Dass ihm der Sport, seine Kampfschule, seine Kämpferinnen und Kämpfer sehr am Herz liegen, ist nicht zu übersehen. Jeder sei in der Schule willkommen, ganz gleich wie alt oder wie fit er oder sie sei, sagt er. Das Trainingsangebot beginnt ab sechs Jahren, es gibt aber auch einen Kämpfer, der über 60 Jahre alt ist.

Was macht den Kampfsport und seine Schule aus? "Überall im Leben haben wir feste Riten, feste Statuten. Du bist so und so. Bei uns steigst du ein und kannst dich in der Masse gehen lassen. Du verschwindest und kannst dich dann selber neu erfinden als Sportler", erklärt er. Ihm ist wichtig, das Boxen, und den Kampfsport im Allgemeinen, nicht als brutal abzuschreiben. Denn es geht um gegenseitigen Respekt und Gleichheit. Religion, Politik und Status bleiben vor den Türen der Kampfsportschule, spielen im Ring keine Rolle.

Von diesem Tag bleiben nicht die blutenden Nasen in Erinnerung, sondern die Herzlichkeit der Menschen aus dem Kampfsport.