fudder-Interview

Wie die Pandemie das Kultur-Feeling beim Publikum verändert hat

Elisa Rijntjes

Wie empfindet das Publikum die Streams von Aufführungen in Zeiten von Corona? Ein fudder-Interview mit Désirée Düdder-Lechner, die in der Medienkulturwissenschaft der Uni Freiburg arbeitet.

Frau Düdder-Lechner, normalerweise befinden sich Künstler und Zuschauer im gleichen Raum. In der Corona-Pandemie sitzt man als Zuschauer nun aber alleine vor einem Bildschirm, und die Künstler führen alleine vor Kameras auf. Wie ändert sich hierbei die Wirkung auf die Zuschauer?

Désirée Düdder-Lechner: Wirft man einen Blick in die Mediengeschichte, lässt sich feststellen, dass diese Einseitigkeit nicht zwangsläufig neu ist. Beispielsweise haben Radio und Fernsehen besonders in der Zeit ihrer Anfänge auch lediglich Informationen an ein Publikum gerichtet, ohne aktive Partizipationsmöglichkeit. Dennoch sind wir im Moment so stark auf uns zurückgeworfen wie nie zuvor. Eine gewisse Isolation wird spürbar. Außerdem darf man nicht vergessen, dass jeder Theater- oder Kinobesuch ein multisensorisches Erlebnis ist. Der Weg dahin, die Leute die man dort trifft, der Zuschauer, der hinter einem mit einer Tüte raschelt, der Musiker, der sich möglicherweise verspielt, – das alles macht eine Aufführung authentisch und einzigartig. Wir bewegen uns dabei aus unserem privaten in einen öffentlichen Raum.
Zur Person

Désirée Düdder-Lechner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Curtis vom medienkulturwissenschaftlichen (MKW) Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und verfasst zurzeit ihre Doktorarbeit. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Medienkunst, Sound Studies, und Intermedialität.

Kann man also den Bildschirm als "Barriere" beschreiben?

Das Gefühl der "Barriere" wird meiner Meinung nach dadurch erzeugt, dass der Ortswechsel nicht mehr stattfindet und sich somit alles auf den privaten Raum konzentriert. Wir verbringen den ganzen Tag vor unseren Bildschirmen und haben dadurch das Gefühl, wir würden überhaupt nicht mehr aktiv werden und nicht mehr rauskommen. Allerdings muss man hinterfragen, ob der Bildschirm tatsächlich nur ein Hindernis ist. Beispielweise kann der Fernseher zwar eine Barriere zur Realität darstellen, während er aber gleichzeitig auch eine Art Fenster zur Welt repräsentiert und uns Dinge zeigen kann, die wir sonst nie sehen würden. Wir sollten uns unbedingt klar machen, dass wir im Moment selbst für den Rahmen des Erlebens verantwortlich sind, den sonst Veranstalter und Veranstaltung für uns bereitgestellt haben.
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Könnten wir im Bildschirm auch eine Chance sehen?

Ja. Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, alle Elemente, die eine Aufführung bisher ausgemacht haben, eins zu eins ins Digitale übersetzen zu können. Durch diesen Transfer, durch das Erleben einer gewissen Passivität, wird die Aufführung möglicherweise als nicht authentisch empfunden und der Bildschirm wird zur Barriere. Aber wenn wir versuchen, die Chancen des aktuellen Umbruchs und auch unsere Eigenverantwortung zu verstehen, glaube ich, dass es da unglaublich viel Potential gibt. Wir sind es schließlich gewohnt, mit einem multifunktionalen Gerät umzugehen. Die meisten von uns haben Smartphones und wir können in unserem Alltag vieles über ein und dasselbe Gerät steuern, es ist im Grunde unsere soziale Kommunikationszentrale. Dadurch überlegen wir aber auch nicht mehr so differenziert, was die einzelnen Medienformen können, wo ihre Spezifika liegen und was wir dadurch an Unterschiedlichkeit erleben können. Das ist eigentlich die Frage.

"Wir sollten uns unbedingt klar machen, dass wir im Moment selbst für den Rahmen des Erlebens verantwortlich sind, den sonst der Veranstalter und Veranstaltung für uns bereitgestellt haben."

Würden Sie sagen, dass durch diese Isolierung die auf einer Bühne stattfindende Aufführung vom Publikum weniger oder anders wertgeschätzt wird?

Unsere Wertschätzung ist stark mit Erwartungen, unausgesprochenen Regeln und Konventionen verbunden. Letzteres kann zum Beispiel sein, dass man mit Freunden aufs Konzert geht, sich dafür schick macht, und im Anschluss vielleicht noch etwas trinken geht, um sich über das gemeinsame Event auszutauschen. Diese Konventionen geben eine Sicherheit im Alltag, die im Moment wegfällt. Wir sind in der aktuellen Situation viel mehr gezwungen, unsere Erwartungen an ein Kino-, Theater-, oder Konzerterlebnis zu hinterfragen: Warum gehe ich ins Theater? Muss ich ins Theater gehen? Was erwarte ich, wenn ich ins Theater gehe? Was für die Macher umgekehrt bedeutet: Was wäre ein gutes Medium für das Theater, wie könnte man die Theatereindrücke transportieren? Ich sehe die Schwierigkeit darin, wie man die verlorene Interaktion und Erwartungen der Aufführung als soziales Event und Miteinander digital einbringen, also kompensieren kann. Eine weitere Frage ist sicher auch die der permanenten Verfügbarkeit digitaler Streams, die bisher einzigartige Events auf eine gewisse Art entwertet.

Wichtig ist dann sicherlich auch der wirtschaftliche Faktor, über den es viel zu wenig Diskussionen gibt. Erwarten wir Kunst & Kultur digital nur kostenlos zu erleben, und wenn ja, warum? Wann sind wir bereit, für digital angebotene Events zu zahlen? Und sollten wir Kunst und Kultur systemrelevant bewerten? Aus meiner Sicht eindeutig ja, weil sie auf eine subtile Art auf Missstände aufmerksam macht, oder auch aktuell wichtige Aspekte adressiert, die oft der Zeit voraus sind. Die jetzige Situation hat dramatische Folgen auf die Kunst und Kreativwirtschaft, die am Ende auch in die Gesellschaft zurückwirken. Das sollte man im Hinterkopf behalten, gerade auch hinsichtlich der eigenen Erwartungen an das Digitale und den Grad von Perfektion der Events.
"Ich sehe die Schwierigkeit darin, wie man die verlorene Interkation und Erwartungen der Aufführung als soziales Event und Miteinander digital einbringen, also kompensieren kann."

Was sind Ihrer Meinung nach die Konsequenzen dieser Streams?

Dadurch, dass viele Aktivitäten in der Pandemie nicht mehr möglich sind, haben manche Bevölkerungsgruppen Zeit dazugewonnen, können sich ausprobieren und an viel mehr digitalen Events teilnehmen. Andere haben einen unfassbaren Workload und können aus Zeitgründen ihrem kulturellen Interesse nicht nachgehen. Das hängt natürlich außerdem sehr von den technischen Zugangsmöglichkeiten und Kapazitäten ab, sowie der Bereitschaft der Aufführung Platz im privaten Raum zu geben. Wollen wir, bildlich gesprochen, das Konzert überhaupt auf unser Sofa einladen? Allerdings könnte man das Interesse meiner Meinung nach deutlich steigern, wenn man die neuen Möglichkeiten und Potentiale begreifen und ausschöpfen würde. Beispielsweise echte Wohnzimmer- oder Mitmach-Konzerte über Zoom oder andere innovative Projekte, wie sie gerade über neue kulturübergreifende Formate oder Apps wie Clubhouse angestoßen werden, die übrigens mit der Idee der Exklusivität arbeiten. Aber auch das Auffinden neuer ungewöhnlicher Orte wie Konzerte nach der Idee des Autokinos. Ich glaube, wir müssen einfach Mut zum Interesse am Experimentieren beweisen und damit auch dem Scheitern eine Chance geben, um neue Erfahrungswerte zu sammeln.

Sie haben jetzt schon mehrmals darauf hingewiesen, dass es ein Problem der Authentizität mit Streams gibt. Was kann man tun, um die Atmosphäre und Erfahrung authentischer zu machen?

Meine eigene Erfahrung ist, dass die Formate, die einem das Gefühl geben Teil der Aufführung zu sein, am besten funktionieren. Für das soziale Moment gewinnt die Schaffung für Raum zum Diskutieren und Austauschen an Bedeutung, ganz so, wie man es normalerweise nach einer Theateraufführung auch machen würde. Das Wichtige hierbei ist das Gefühl eines Gemeinschaftserlebens zu erwecken. Das ist sicherlich eine große Herausforderung. Außerdem muss man mit dem Verlust des multisensorischen Erlebens umgehen. Denn das ist genau eins der größten Probleme im Digitalen; es geht hauptsächlich ums Sehen, wobei aber feine Nuancen wie nonverbale Pointen nicht mehr ausreichend übermittelt werden können. Wie kann man dem entgegenwirken? Kann man das Potential von Sound stärker ausschöpfen, oder was ist mit dem Taktilen und dem Riechen? Der Geruch der Konzerthalle, der Raumklang? Das lässt sich nicht einfach reproduzieren, aber trotzdem ist in den Bereichen deren vollständiges Potential, die alternative Übersetzungen ins Digitale, oder eine Erweiterung wie durch Goodie-Bags längst nicht ausgeschöpft.
"Wenn wir versuchen, die Chancen des aktuellen Umbruchs und auch unsere Eigenverantwortung zu verstehen, glaube ich, dass es da unglaublich viel Potential gibt."

Sowohl für Streams als auch für reguläre Aufführungen: Was könnten mögliche Entwicklungen in der Zukunft sein?

Ich beobachte jetzt schon, dass Leute so langsam neue und spannende Ideen haben. Beispielsweise wird viel mit der Umgebung gespielt. Die Künstler stehen wie gesagt manchmal nicht auf einer Bühne, sondern in einem Supermarkt oder in der Natur, im eigenen sonst verborgenen Studio, da gibt es unendlich viele Möglichkeiten, wenn man sich von den klassischen Fahrwassern freimacht. Trotz allem muss man sich fragen, ob nach der Pandemie das Digitale der richtige Ort für das das Theater bleiben wird, oder ob das Theater von dem Theaterraum und seiner Atmosphäre lebt. Natürlich kann es in Zukunft viele technische Weiterentwicklungen geben, die die Kultur verlustfreier zum Publikum bringen können, an die wir noch gar nicht denken.

Gleichzeitig müssen wir lernen zu akzeptieren, dass es manches gibt, was man nicht über- oder ersetzen kann. Manche Erlebnisse und Wirkungen können mit manchen Medien einfach nicht erfasst und transportiert werden. Das ist wohl einer der wichtigsten Erkenntnisse aus der Pandemie für die Kultur. Und das Interessante ist eben jetzt, wie man dann diese verlorenen Elemente durch etwas anderes kompensieren oder erweitern könnte. Da ist noch sehr viel Spielraum.

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