Lockdown

Wie die Bahnhofsmission Freiburg unter Corona-Bedingungen arbeitet

Laura Wallenfels

Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften machen die ohnehin schon schwierige Arbeit der Bahnhofsmission noch komplizierter. fudder-Autorin Laura Wallenfals hat die Anlaufstelle für Bedürftige am Gleis 1 am Freiburger Hauptbahnhof besucht.

Es ist nicht viel los an diesem Samstag, Mitte Dezember, am Freiburger Hauptbahnhof. Am Tag zuvor wurde die Ausgangssperre für Baden-Württemberg bekannt gegeben. Und obwohl das Verlassen des eigenen Hauses ohne triftigen Grund erst ab 20 Uhr verboten ist, erscheint mir der Bahnsteig um einiges unbelebter als in den letzten Wochen.


Am Ende des Gleis 1 hat sich jedoch bereits eine kleine Schlange vor der Bahnhofsmission gebildet. Mit Abstand und Mundschutz warten die Gäste der Bahnhofsmission auf die Öffnung um 14 Uhr. Ich treffe mich dort mit Thilo Krumm. Er ist zwanzig Jahre alt, Jurastudent und seit eineinhalb Jahren einer der aktuell 23 ehrenamtlichem Mitarbeitenden der Bahnhofsmission Freiburg. Jeden Samstag und Dienstag werden hier warme Mahlzeiten angeboten – heute gibt es Chili mit oder ohne Fleisch. Die Räumlichkeiten sind klein, es stehen drei Tische im Raum, an denen sich die Gäste jeweils einzeln für eine halbe Stunde aufwärmen können, etwas essen oder die Zeitung lesen. Das Maskentragen ist natürlich Pflicht.

Hygiene und Abstand haben Priorität

Die Coronauflagen machen es den Mitarbeitern nicht gerade einfach. "Das Schönste an unserer Arbeit ist eigentlich die Kommunikation, ein offenes Ohr haben und für die Menschen da sein", erzählt mir Thilo. "Hinter einer Plexiglasscheibe und mit Maske ist das um einiges Schwieriger. Ich sehe nicht, wie es den Leuten geht, man kann den Leuten nicht mehr so richtig das Gefühl geben man ist für sie da. Der soziale Austausch ist wirklich kaum mehr möglich, bis auf akute Notfälle".

Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen und den Schutz der Gäste wie auch der Mitarbeiter hat höchste Priorität, doch dadurch kommt die eigentlich wichtigste Aufgabe der Bahnhofsmission viel zu kurz: Für die Menschen da zu sein, ihnen zuhören und ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Die Einsamkeit vielleicht für ein paar Stunden zu vertreiben.

Wichtige Anlaufstelle

Während des ersten Lockdowns wurde das soziale Hilfesystem größtenteils runtergefahren. Anlaufstellen für den Tagesaufenthalt mussten ihre Kapazitäten stark verringern und auch die Tafel hatten über vier Wochen geschlossen. Die Bahnhofsmission blieb weiterhin geöffnet. "Im ersten Lockdown ging es in erster Linie um die Notversorgung, aber eigentlich wollten wir nie nur eine Essensausgabe sein. Die Bahnhofsmission steht für so viel mehr."

Für die Besucherinnen und Besucher ist das Gebäude am Ende von Gleis 1 eine wichtige Anlaufstelle. "Wir unterscheiden uns eigentlich gar nicht so sehr von einem Jugendtreff", erzählt mir Phillip Spitczok von Brisinski, die katholische Leitung der Freiburger Bahnhofsmission, mit einem Schmunzeln "wir bieten einen Treffpunkt für Menschen in Not, eine Art Schutzraum, indem wir versuchen unseren Gästen durch Gespräche zu helfen und als Vermittler zu fungieren. Unser Angebot ist freiwillig und normalerweise anonym - momentan müssen wir natürlich die Kontaktdaten aufnehmen."

Deutlicher Rückgang

Dieser Schutzraum scheint durch Corona seine schützende Funktion für manche etwas verloren zu haben. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter spürten einen deutlichen Rückgang der Besucherzahlen, besonders während des ersten Lockdowns. Auch die ursprünglichen Zielgruppen haben sich verschoben. Während vor der Pandemie die Substituierten einen großen Anteil der Gäste ausmachten, sind es jetzt vor allem Wohnungslose, welche die Bahnhofsmission aufsuchen. "Unsere Klientel ist uns häufig unbekannt, wir wissen nicht was die Leute machen, da ist die Angst vor einer Ansteckung untereinander bei vielen natürlich groß. Ich vermute, dass gefährdete Gruppen wie die Substituierten aus Selbstschutz unsere Einrichtungen momentan meiden".

Große Welle der Solidarität

Der zweite Lockdown ist natürlich ein erneuter Rückschritt für die Bahnhofsmission, aber aus den Erfahrungen im Frühjahr konnten sie bereits viel lernen. Anfängliche Probleme wie akuter Maskenmangel und ständiger Ungewissheit weichen allmählich der neuen Routine. Trotzdem wird es noch lange Zeit dauern bis der Alltag im Gebäude am Ende des Gleis 1 wieder Vorkrisenzeiten gleicht.

Durch die Krise hat die Bahnhofsmission auch eine große Welle der Solidarität der Mitmenschen geholfen. Die erst kürzlich begonnen Schlafsackaktion bei der für etwa 50 Euro ein Schlafsack gespendet werden konnte verlief sehr erfolgreich, es kamen um die 200 neue Schlafsäcke zusammen. Lebensmittelspenden und Maskenspenden erleichtern die Arbeit. "Wir sind wirklich sehr Dankbar, die Spenden dieses Jahr waren überwältigend", so Phillip. Doch trotzdem ist es wichtig darauf zu achten, was man spendet. Besonders bei Kleiderspenden ist eine angemessene Qualität und zweckhafte Kleidung maßgebend. "Wenn wir mangelhafte Kleiderspenden ablehnen ist das keinesfalls ein Zeichen der Undankbarkeit, sondern vielmehr ein Zeichen des Respekts gegenüber unseren Gästen." Erst eine kürzlich stellte sich eine großzügige Spende von FFP2-Masken leider als nutzlos heraus, da sie kein Prüfsiegel besitzen und somit unbrauchbar und unwirksam sind.