Umfrage

Wie der Erasmus-Aufenthalt für Studierende in Zeiten von Corona abläuft

Lisa Petrich

Ausflüge, Partys und neue Kulturen kennenlernen: So stellen sich die meisten Studierenden ein Erasmus-Jahr vor. Doch wie geht es denen, die zu Corona-Zeiten im Ausland studieren? fudder hat mit vier Studierenden über ihre Erasmus-Semester gesprochen.

Andrew Wood-Martin, 21 Jahre, aus Irland, Dublin. Studiengang: European Studies.



"Ich befinde mich jetzt in meinem zweiten Erasmus-Semester in Freiburg. Im Oktober kam ich zum ersten Mal nach Freiburg und bin dann in den Semesterferien zurück nach Irland geflogen. Eigentlich sollte ich schon Anfang April zurück nach Freiburg kommen, doch wegen Corona konnte ich erst am 22. Mai zurückfliegen. Ich habe aber nie darüber nachgedacht, meinen Erasmus-Aufenthalt abzubrechen, denn ich bin sehr glücklich, hier zu sein: Es gibt viel mehr Freiheiten als in Irland, ich kann mich wieder mit Freunden treffen, mein Deutsch verbessern und einen relativ normalen Alltag leben. Allerdings habe ich ein bisschen Angst, dass eine zweite Welle kommen könnte. In Irland sind die Leute noch ein bisschen vorsichtiger, was Corona angeht, während sich in Deutschland das Leben größtenteils wieder normalisiert hat. Ansonsten mache ich viele Online-Kurse, die meisten funktionieren ganz gut. Nur der Deutschunterricht ist nicht optimal, da es über Zoom natürlich schwierig ist, richtige Diskussionen zu führen. Insgesamt bin ich aber sehr froh, schon im zweiten Erasmus-Semester zu sein. Wahrscheinlich hätte ich gar keine Freunde gefunden, wenn ich erst im Sommersemester nach Freiburg gekommen wäre. Eigentlich habe ich in diesem Semester erwartet, ein bisschen weniger lernen zu müssen und mehr Ausflüge machen zu können. Aber jetzt mache ich wegen der Pandemie so viele Uni-Kurse, wie es geht."

Alma García López, 20 Jahre, aus Spanien, Murcia. Studiengang: Jura.



"Für mich war das zweite Erasmus-Semester in Freiburg am Anfang eine Katastrophe. Alle Jura-Fächer auf Englisch wurden abgesagt, deshalb hatte ich Angst, dass ich überhaupt keine Kurse in diesem Semester belegen kann. Nach einer sehr chaotischen Zeit wurden dann doch noch Kurse auf Englisch angeboten, also habe ich jetzt auch Online-Unterricht. Bevor das Sommersemester überhaupt anfing, bin ich am 15. März noch zurück nach Spanien zu meiner Familie gereist. Eigentlich wollte ich nur zwei Wochen dort bleiben, doch aus zwei Wochen wurden dann zwei Monate, weil alle Flüge gestrichen wurden. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schlimm die Situation in Spanien war und immer noch ist. Wir lebten in sehr strenger Quarantäne und durften für fast zwei Monate das Haus überhaupt nicht verlassen. Viele Menschen leiden sehr, weil sie ihre Jobs oder Familienmitglieder verloren haben. Meiner Familie geht es bisher zum Glück gut, meine Eltern sind beide Lehrer und müssen deshalb nicht um ihre Jobs bangen. Aber ich habe mich sehr darauf gefreut, nach Freiburg zurückzukommen. Dort kann ich meine Freunde unbeschwert treffen und vermisse die Erasmus-Partys nicht einmal, weil wir sie trotzdem haben – nur in kleinerer Runde. Aber insgesamt wollte ich in diesem Semester eigentlich so viele Dinge tun, die jetzt wegen Corona alle nicht funktionieren: Ich wollte reisen gehen, in Clubs feiern und meine spanischen Freunde wollten mich besuchen. Letztendlich vermisse ich sogar die Seminare an der Uni, die nicht Online stattfanden."

Kamil Krzyszczyk, 21 Jahre, aus Polen, bei Danzig. Studiengang: Volkswirtschaftslehre.



"Eigentlich sollte ich jetzt in Freiburg sein – aber ich stecke leider immer noch in Polen fest. Im Wintersemester startete mein erstes Erasmus-Semester in Freiburg, am 3. März bin ich für die Semesterferien zu meiner Familie nach Polen gefahren. Aber dann gab es kein Zurück mehr und ich muss immer noch warten, bis die polnische Regierung den internationalen Flugverkehr wieder öffnet, sodass ich nach Freiburg zurückfliegen kann. Das dauert noch mindestens bis zum 16. Juni. Die Regeln sind in Polen strenger, aber meiner Meinung nach sollte jetzt auch Polen Lockerungen einführen. Solange wohne ich bei meinen Eltern in einem kleinen Dorf, was ein bisschen anstrengend ist, weil ich seit fünf Jahren nicht mehr zu Hause gewohnt habe. Zum Studieren bin ich normalerweise in Warschau, deshalb ist es seltsam, wieder ein Nesthocker zu sein. Die Kurse in Freiburg verpasse ich aber zum Glück nicht, weil alles online stattfindet. Das funktioniert erstaunlich gut. Eigentlich dachte ich, Deutschland ist nicht so flott mit der Digitalisierung, in Polen klappt das oft besser. Aber ich vermisse Freiburg sehr, genauso den Kontakt zu meinen deutschen Freunden. Wenn ich zurückkomme, habe ich nur noch einen Monat von meinem Erasmus-Semester übrig, das ist sehr schade. Das Virus hat allgemein so viele Pläne von Menschen zerstört, zum Teil auch meine. Trotz allem schätze ich die Auslandserfahrung sehr."

Maren Wilmes, 23 Jahre, aus Freiburg. Studiengang: Soziologie und VWL.



"Ich bin im Wintersemester aus Freiburg ins Auslandsjahr nach Lissabon gegangen, dort erlebe ich seither die Pandemie. Die Uni in Lissabon hat seit Anfang März geschlossen und alles läuft Online, was erstaunlich schnell funktioniert hat. Portugal hatte anfangs den Notstand ausgerufen, mittlerweile läuft das Leben aber wieder ähnlich wie in Deutschland ab. Draußen ist wieder mehr los, das Wetter ist schön, die Strände sind voll, bis 23 Uhr darf man Restaurants und Bars besuchen. Es hat sich alles weitgehend normalisiert, die Menschen sind entspannt und ich frage mich, ob die Lockerungen vielleicht zu schnell eingeführt wurden. Aber ich habe mich in Portugal immer sehr sicher gefühlt und denke, dass die portugiesische Regierung alles gut im Griff hat. Zwar habe ich zwischendurch überlegt, zu meiner Familie nach Deutschland zurückzukehren, aber ich fühle mich wohl in Lissabon und habe deshalb entschieden, zu bleiben. Ansonsten habe ich ein straffes Online-Programm von der Uni, gebe einer Portugiesin Deutsch-Nachhilfe und besuche das Tennis-Training. Aber durch die Pandemie ist es nun natürlich schwieriger, Portugiesen kennenzulernen, da sie sowieso meist eher schüchtern sind. Außerdem haben sich meine Pläne für dieses Semester stark verändert: große Ausflüge und Reisen müssen ausfallen, abends richtig feiern gehen, ist auch nicht mehr drin. Eigentlich wollte ich auch noch den Jakobsweg laufen. Alles in allem ist es nicht so ein unbeschwerter Sommer in Lissabon, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe."

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