fudder-Serie

Wie denken junge Menschen aus Landwasser über die Landtagswahl?

David Pister

Am kommenden Sonntag, 14. März, wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Wie denken junge Freiburgerinnen und Freiburger über die anstehenden Wahlen? Wir haben eine Woche vor der Wahl verschiedene Stadtteile besucht. Den Auftakt macht Landwasser.

In Freiburgs Außenbezirk Landwasser trifft Plattenbauromantik auf Naturidyll. Spricht man aber von Freiburg, findet der Stadtteil oft keine Erwähnung – oder hat ein negatives Image. Wie denken die Menschen aus Landwasser über die bevorstehende Landtagswahl? Wir haben die beliebtesten Spots von Landwasser besucht und nachgefragt.

Der Kiosk an der Endhaltestelle

Ganz in der Nähe des Moosweihers befindet sich die gleichnamige Endhaltestelle im Freiburger Stadtteil Landwasser. Die Läden von Jalousiengeschäft, Tanzsportzentrum und Motorradwerkstatt gegenüber der Tramstation sind seit Dezember dicht. Am Kiosk gibt es heiße Würstchen zum Mitnehmen für 2,80 Euro. Bene wartet auf den Bus. Der 27-jährige Student und Rettungssanitäter ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, um zur Arbeit und Uni zu gelangen, deswegen ist ihm dieses Thema im Hinblick auf die Landtagswahl besonders wichtig. "Nicht nur für die Mobilität, sondern auch für den Umweltschutz ist der öffentliche Verkehr ein entscheidender Faktor", sagt er. Seine Informationen über die Parteien und deren Kandidatinnen und Kandidaten erhalte Bene hauptsächlich aus dem Internet über die Wahlprogramme und gezieltes Recherchieren. Ob er den Wahl-O-Mat gemacht hat? "Ja, da kam glaube ich die Linke raus", sagt Bene. Er wohnt mit seiner Freundin zusammen und beim gemeinsamen Abendessen ist die Landtagswahl sehr präsent. Vor allem über soziale Fragen, wie bezahlbare Miete diskutieren die beiden.
fudders Stadtteilbesuche zur Landtagswahl 2021
Am Sonntag, 14. März ist Landtagswahl in Baden-Württemberg. fudder hat verschiedene Freiburger Stadtteile besucht und mit verschiedenen jungen Menschen über ihre Gedanken dazu gesprochen. In dieser Woche veröffentlichen wir jeden Tag einen neuen Stadtteilbesuch zur Landtagswahl.
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Der Moosweiher

Im krassen Kontrast zu den mitunter zwanzigstöckigen Hochhäusern von Landwasser, steht der Moosweiher. Die Sonne strahlt auf den See und neben Menschen, Enten und Eichhörnchen genießen sogar zwei Wasserschildkröten die ersten warmen Stunden des Frühlings. Nina wohnt erst seit Januar in Landwasser. Sie ist nach Freiburg gezogen, um als Sozialpädagogin an einer Freiburger Schule zu arbeiten. Sie genießt die Nähe zur Natur in Landwasser. "Wegen der Schulschließung im Dezember bin ich fast nur noch zu Hause und nutze den Moosweiher und Mooswald um joggen oder spazieren zu gehen", sagt die 25-Jährige.

Am Moosweiher sieht man vor allem einzelne Menschen oder Zweiergrüppchen spazierend, fahrradfahrend oder Kinderwagen schiebend den See umrunden. An der Halfpipe haben sogar schon ein paar Inlinerfahrer in kurzen Jeanshosen den Sommer eingeläutet. Ein älteres Ehepaar zupft im Unterholz Bärlauch in eine Plastiktüte. Man schnappt Gesprächsfetzen aus einem bunten Gemisch von Sprachen auf. "Wir haben nette Nachbarn und ich fühle mich wohl hier", sagt Nina. Die Landtagswahlen habe sie gar nicht wirklich mitbekommen und sei von der Wahlbenachrichtigung überrascht gewesen. "Ich dachte: Die sind aber ganz schön früh dran für die Bundestagswahl". In Bezug auf ihren Beruf und Corona ist ihr die Digitalisierung, vor allem in Schulen wichtig. "Online-Lernen muss gefördert werden. Man muss bedenken, dass manche Kinder nicht einmal Zugang zum Internet, geschweige denn zu einem Endgerät, haben", sagt Nina.
Wer will was für Baden-Württemberg? Die Wahlprogramme der Parteien

Ihre Mitbewohnerin Jasmin studiert Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Freiburg. "Dass Landtagswahlen sind, merke ich an den Plakaten, die überall rumhängen, vor allem von der AfD", sagt sie. Politische Themen sind Gesprächsthema am Esstisch der WG. "Allerdings eher auf Bundesebene, nicht Baden-Württemberg intern", sagt die 24-jährige Studentin, die ihre Informationen aus dem Internet erhält und außerdem die Zeit und die taz abonniert hat. Jasmin liegt der Umweltschutz am Herzen. "Ich bin für weniger Autos und den Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs", sagt sie. Am Moosweiher hört man von weit die Autos über die Elsässer Straße brausen, außerdem mischt sich das Geräusch des Laubgebläses mit dem Vogelzwitschern von Spatzen, Kohlmeisen und Amseln. Die Bänke sind leer und auch der Basketball- und Fußballplatz sehen menschenverlassen aus.

Das abgerissene EKZ Landwasser

Seitdem das Einkaufszentrum in Landwasser abgerissen wird, hat sich der Nabel Landwassers um einige hundert Meter verschoben. Die Menschen tummeln sich nun zwischen den blau-gelben Metallcontainern, die übergangsweise als Apotheke, Ärzte-Gemeinschaft und Postannahmestelle dienen. Natascha wird nach Freiburg ziehen. Von Gundelfingen in ein Hochhaus nach Landwasser – direkt gegenüber vom "roten Otto", dem Wahrzeichen des Stadtteils. "Es war nicht meine erste Wahl gewesen nach Landwasser zu ziehen, aber die Wohnung ist schön und ich werde das Beste daraus machen", sagt die 24-jährige. Nachdem Natascha soziale Arbeit studiert hat, arbeitet sie jetzt für das "SOS-Kinderdorf". "Ich war nur am Arbeiten und Umziehen, deswegen habe ich nur die Plakate gesehen", sagt Natascha. Sonst habe sie bisher wenig von den Landtagswahlen mitbekommen. Wichtig sei ihr, dass das Land mehr Geld für den sozialen Bereich ausgebe. Außerdem, aus gegebenem Anlass, fordert sie bezahlbaren Wohnraum.

Der Abriss des Einkaufszentrums ist momentan für einige Tage pausiert. Wie ein industrielles Stillleben sieht das halb abgerissene Gebäude aus. Der Arm eines Baggers ruht in der zweiten Etage des Gebäudes, wo rostiger Stahl aus dem Beton ragt, als wäre gerade nur kurz Mittagspause. Ein Zaun ist rund um die Baustelle aufgestellt, bunte Banner flattern daran. Hier sollen, über dem neuen Einkaufszentrum, einmal neue Wohnungen entstehen. Ob diese dann bezahlbar werden?