Interview

Wie beeinflusst die Corona-Isolation die psychische Gesundheit der Studierenden?

Antonia Asel

Welche Auswirkungen hat die Corona-Isolation auf Studierende? Im Interview spricht Matic Rozman, Psychologe und Psychotherapeut von der Beratungsstelle des Freiburger Studierendenwerkes, über die Ausnahme-Erfahrung.

Herr Rozman, wie geht es Studierenden in der Corona-Krise?

Rozman: Was ich in der Coronazeit bemerkt habe ist, dass Studierende oft für die Ausbreitung der Pandemie verantwortlich gemacht werden, als die Verantwortungslosen, die Partys machen und sich sowieso nicht für Corona interessieren, weil sie fit und jung genug sind. Dabei habe ich den Eindruck, dass diese Bevölkerungsgruppe besonders stark von der Pandemie betroffen ist.

Wie meinen sie das?

Zum einen haben Studierende sehr eingeschränkte Möglichkeiten mit anderen in Kontakt zu treten, sie haben für gewöhnlich kein so stabiles soziales Umfeld wie beispielsweise Familien oder Berufstätige generell, und zum anderen lebt diese Lebensphase eigentlich von der Aufbruchsstimmung und den vielen Möglichkeiten, die jetzt eigentlich gar nicht gelebt werden können, was sehr belastend ist. Das wird denke ich oft übersehen.
Zur Person

Matic Rozman ist seit knapp zehn Jahren bei der psychotherapeutischen Beratungsstelle des SWFR. Der ausgebildete psychologische Psychotherapeut mit psychoanalytischer Ausrichtung ist 40 Jahre alt.

Gibt es Probleme, die spezifisch für Studierende sind?

Man kann sagen, dass es eine bunte Mischung an Problemen gibt, die in diesem Alter auftreten. Besonders sind vor allem die studienspezifischen Probleme, wie Prüfungsängste aber auch Depressionen, die mit der Entwicklungsphase einhergehen können. Soziale Unsicherheiten und Selbstwertprobleme. (Lacht) Sie merken, ich versuche mich da vorsichtig auszudrücken, weil wir einfach vermeiden wollen, zu früh zu pathologisieren. Wir sprechen nicht in Diagnosen, sondern wir verstehen unsere Arbeit als solche im Vorfeld einer Therapie. Wir sind zuständig für die typischen Probleme in diesem Alter, die muss man nicht zwangsläufig als krankhaft bezeichnen.

Wie haben sich die Probleme der Studierenden im vergangenen Corona-Jahr verändert?

Am Anfang gab es noch nicht so eine starke Veränderung, aber inzwischen konnten wir alle feststellen, dass zum einen durch Corona die bestehenden Schwierigkeiten verstärkt wurden, jemand, der mit depressiven Verstimmungen Probleme hatte, dies aber gut durch Sport und soziale Kontakte in den Griff bekam, für den hat sich dieses Problem verschärft. Rückfälle wurden so provoziert. Zum anderen gibt es inzwischen auch speziell Personen, bei denen man sagen kann, ohne Corona hätte diese Person kein Problem.

Welche Gruppe unter den Studierenden würden sie als besonders betroffen einschätzen?

Die vulnerabelsten Gruppen sind die Studienanfänger. Die sind gerade am Vereinsamen, kämpfen mit der Isolation. Ihnen fehlt es an Abwechselung und Freizeit. Das WG-Zimmer wird zum Vorlesungssaal. Das ist schon alles sehr belastend. Auch für die Leute, die sich sozial sowieso stark zurückziehen. Für die bietet Corona zum einen die Möglichkeit, ständig allein zu sei, aber sie können sich im Gegenzug ihren Ängsten auch nicht stellen. Dann verschlimmert sich die Problematik. Aber auch die, die gerade das Studium beenden, plagen Ängste, die mit der schwierigen Arbeitssituation im Moment zusammenhängen.

Welchen Ratschlag haben sie in den letzten Wochen am häufigsten ausgesprochen?

Natürlich kann man das so pauschal nicht sagen, aber es gibt einige Tipps, wie man allein in der Coronasituation zurechtkommt. Es ist zum Beispiel gut, eine Tagesstruktur zu haben und sich auch zu zwingen diese einzuhalten. Außerdem sollte man versuchen den Medienkonsum zu begrenzen und nicht zu viel Alkohol zu trinken. Sportmöglichkeiten, die weggefallen sind, sollte man so gut es geht ersetzen und seine Kontakte pflegen. Es ist selbstverständlich anders per Telefon oder WhatsApp, aber es ist trotzdem gut, wenn man es schafft, sich zu überwinden. Zudem bieten wir als psychologische Beratungsstelle auch einen Ansprechpartner.

Wer kann sich alles an Sie wenden?

Jeder der einen Studierendenausweis besitzt, kann bei uns anrufen. Egal ob Uni oder Hochschule.

Was genau geschieht mit den Daten, die man bei Ihnen angibt? Übermitteln sie davon etwas an die Krankenkasse?

Nein, es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass wir in keiner Weise an das Krankenkassensystem angebunden sind und auch unabhängig von der Uni agieren. Die Daten bleiben bei uns. Da gibt es keinen Austausch.

Und wie wird das Angebot von Studierenden angenommen?

Sehr gut. In den letzten zehn Jahren hatten wir jeweils einen Anstieg von zwischen zehn und 15 Prozent. Allerdings konnten wir in diesem Frühling eine Art Schockstarre dank Corona erkennen. Das heißt, die Anfrage ist für kurze Zeit gesunken, jetzt aber wieder auf Höchstniveau.

Was passiert, wenn sich jemand bei Ihnen meldet?

Wir bieten dann vier kostenlose Gesprächstermine an, jeweils 45 Minuten. In Ausnahmesituationen kann man zur Not auch ein paar weitere Termine vereinbaren.

Was heißt "Ausnahmesituation" in diesem Sinne?

Das heißt, wenn zum Beispiel jemand kurz davor steht, ins Ausland zu gehen oder ausländische Studierende, die keine Krankenversicherung haben oder wenn es einfach keinen Sinn macht eine Langzeittherapie zu starten.

Was geschieht in allen anderen Fällen?

Wir vermitteln die Studierenden anhand von Listen an Therapeuten, die wir empfehlen können. Dabei ist zu beachten, dass nicht jeder eine Psychotherapie braucht. Wir vermitteln auch an andere sinnvolle Angebote wie Kurse. Viele kennen sich ja mit den Begrifflichkeiten nicht so gut aus, da helfen wir nach, das richtige Angebot für jeden individuell zu bestimmen.

Was sind das für Kurse?

Diese Kurse werden ebenfalls vom Studierendenwerk, aber von externen Personen angeboten und sind für verschiedene, generalisierte Probleme konzipiert, wie zum Beispiel Prüfungsängste. Im nächsten Jahr planen wir auch Online Kurse.

Haben sie noch einen abschließenden Tipp?

Kümmern Sie sich um sich selbst. Warten Sie nicht darauf, dass die Probleme, die Sie plagen von selbst verschwinden oder auf das Ende der Corona-Krise.