fudder-Interview

Wie aus einem Kalenderblatt eine Pflanze wird

Claudia Förster Ribet

Ein Kalender, den man nach Ablauf nicht wegschmeißt, sondern einpflanzt: Das war die Idee der Gründer hinter dem "Wachsenden Kalender". fudder hat mit den Beiden über Regionalität und den Trend ums Gärtnern gesprochen.

Die Monate verfliegen, der Garten wird größer: Am Ende jeden Monats lässt sich die Monatsübersicht des "Wachsenden Kalenders", bestehend aus Samenpapier, heraustrennen und einpflanzen. So sollen auch Anfänger im Laufe des Jahres Erfahrungen mit dem Einpflanzen sammeln können und etwas über Saisonalität lernen. Im Interview hat Claudia Förster Ribet mit Manuela Baron (28) und Orlando Zaddach (33), zwei der drei Gründer, über Samenpapier und Nachhaltigkeit gesprochen.

Herr Zaddach, Frau Baron, Sie haben den wachsenden Kalender bei einem Business-Wettbewerb an der Uni gegründet. Waren Sie erfahrene Gärtner und wollten Ihr Wissen weitergeben?

Orlando Zaddach: Ganz und gar nicht. Wir wollten etwas Nachhaltiges entwickeln, das Nutzen stiftet, waren aber selbst keine großen Gärtner und haben mit dem Thema gefremdelt. Deshalb haben wir uns überlegt, wie man die Hemmschwelle zum Gärtnern senken könnte. Was müsste man uns an die Hand geben, damit wir Sähen und Pflanzen ausprobieren?
fudders Planzenserie "Let it grow": Wann pflanze ich was?

Manuela Baron: Ich hatte immer das Gefühl, hinter dem Anpflanzen von Samen stecke eine komplexe Wissenschaft und man müsse erst einige Bücher lesen, um damit anzufangen. Wir kannten bereits das Material Samenpapier, und dachten uns, dass man das Wissen über das Pflanzen der Samen direkt auf dem Papier weitergeben könnte, um damit Komplexität zu nehmen. Unser Leitgedanke war: Wenn ich über das Jahr hinweg kleine Dosen Pflanzenwissen und ein kleines Blatt zum Ausprobieren verabreicht bekomme, könnte ich nach einem Jahr einen grünen Daumen haben.

Orlando Zaddach: Der Hintergrund war aber nicht nur das Pflanzen selbst, sondern auch das Wiederverwenden und Recyclen. Es gibt viele Produkte, die so konzipiert sind, dass sie nach kurzer Zeit nutzlos sind und weggeschmissen werden. Kalender sind da ein gutes Beispiel, weil sie ihren Nutzen nach einem Jahr zwangsläufig verlieren. Wir haben uns überlegt, wie man Kalender so gestalten könnte, dass das eben nicht passiert, und haben die Idee mit dem Samenpapier verbunden. Aus dem sozusagen wertlos werdenden Teil des Kalenders, der Monatsübersicht, entsteht eine Pflanze – und den Rohling kann man im nächsten Jahr wiederverwenden. So entstand unser Wachsender Kalender.

Mittlerweile gibt es davon ja einige Versionen – worin unterscheiden sie sich?

Orlando Zaddach: Mit dem "Tausendsassa" sprechen wir meine Zielgruppe an, also Anfänger, die keinen Garten und wenig bis keine Gärtnererfahrung haben. Für diese Menschen wollen wir es so einfach wie möglich machen, sich an das Thema heranzutrauen. Insgesamt soll aber jeder Kalender einen anderen Aspekt der Nachhaltigkeit aufgreifen. Im Kalender "Vergessene Sorten" geht es um Biodiversität und das Erhalten von Saatgut, und der "Krautikus" beschäftigt sich mit Heilkräutern und greift spielerisch auf, welche Pflanzen welche Kräfte haben. Hier gibt es auch etwas ausführlichere Infos zu den Ursprüngen der Pflanzen oder dazu, wie man aus den Heilkräutern Tee oder Salbe herstellen kann.
fudders Pflanzenserie "Let it grow"

Wann ist der richtige Zeitpunkt, Feldsalat oder Tomaten zu pflanzen? Und wie recycle ich mein Gemüse? Oder wann ist der richtige Zeitpunkt, Pflanzen umzutopfen? fudder verrät dir in der Pflanzenserie "Let it grow", wie du einen grünen Daumen bekommst.

Übersicht: Alle Teile von "Let it grow" auf einen Blick

Ihr Kalender zeigt, wie groß die Nachfrage nach mehr Grün und einer engeren Beziehung zu Pflanzen gerade ist. Was glauben Sie, warum Homegardening und Hochbeete so im Trend sind?

Manuela Baron: Das hat mitunter ganz banale Gründe. Zum einen ist Grün einfach schön und macht eine Wohnung lebendiger und wohnlicher. Außerdem ist es spannend, leckere Sorten zu entdecken, die man nicht zu kaufen bekommt, zum Beispiel besondere Tomaten oder ursprüngliche Rauke. Dem eigenen Gemüsegarten oder den Zimmerpflanzen beim Wachsen zuzusehen, kann zudem sehr beruhigend sein. Gleichzeitig erfordert es aber auch Kontinuität und Hingabe, sich um Pflanzen zu kümmern. So lange an einem Projekt dranzubleiben und sich verantwortlich zu fühlen, ist für viele Menschen heutzutage ungewohnt.

Warum sollten sie sich trotzdem darin üben und mehr Wissen über Pflanzen sammeln?

Manuela Baron: Gerade die Welt der Nutzpflanzen hat sich in den letzten 100 Jahren extrem auf ein paar Sorten reduziert. Dabei gibt es unheimlich viel altes Wissen über Pflanzen, immerhin haben sich die Menschen jahrhundertelang damit beschäftigt, wie man Erträge steigern und Kräuter zum Heilen nutzen kann. Dieses Wissen können wir wieder neu entdecken, und darin vielleicht Inspiration finden.

Orlando Zaddach: Natürlich hat das Thema aber auch eine gesellschaftliche Dimension dahinter. Wir haben ein Ernährungsproblem und den Klimawandel auf der Erde. Gemüse und Obst regional und saisonal anzupflanzen ist für mich eine von vielen Lösungen für diese Probleme. Das heißt nicht, dass sich jeder selbst versorgen muss – aber wenn ich selbst erlebt habe, was es bedeutet, eine Kartoffel oder Karotte zu ziehen, entwickle ich einen Zugang zu meinen Lebensmitteln. Dann bin ich auch eher bereit, etwas mehr Geld für das saisonale Gemüse vom Biobauern im Nachbardorf zu bezahlen. Der wachsende Kalender soll einen kleinen Anstoß in Richtung dieser Wertschätzung geben.
fudders Planzenserie "Let it grow": Wie pflanze ich Samen richtig ein?

Haben Sie zum Abschluss noch ein paar Tipps zum Pflanzen für Anfänger?

Orlando Zaddach: Tomaten sind immer dankbar. Wenn man fleißig gießt, kann man fast nichts falsch machen.

Manuela Baron: Als Daumenregel gilt: Je größer die Samen, desto besser klappt das Aufziehen. Radieschen zum Beispiel eignen sich sehr gut für Anfänger. Meine Lieblingspflanze ist aber Borretsch – die ist quasi unkaputtbar.
Der wachsende Kalender

Der "Wachsende Kalender" ist ein liebevoll illustrierter, wiederverwendbarer Jahreskalender, dessen Monatsübersichten auf Samenpapier gedruckt sind. Nach Monatsende wird die Übersicht zerrissen und eingepflanzt, sodass man im Laufe des Jahres verschiedene saisonale Pflanzensorten kennenlernt. Mit dem einpflanzbaren und wiederverwendbaren Kalender wollten die drei Gründer auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam machen und eine Möglichkeit entwickeln, Menschen ohne Vorwissen langsam ans Pflanzen heranzuführen. Diese Idee gewann 2017 einen Studentenwettbewerb an der Universität Nürnberg-Erlangen. Nachdem sich die Gründer in der Startzeit über Crowdfunding finanziert hatten, gründeten sie 2018 das Start-Up "primoza", das allein im vergangenen Jahr rund 60.000 Exemplare des Kalenders verkauft hat. Mittlerweile hat sich das Primoza-Team verfünffacht und vertreibt neben verschiedenen Versionen des Wachsendes Kalenders sowie dessen Nachfüllblättern auch Grußkarten aus Samenpapier und ein illustriertes Kinderbuch.