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Wenn Technik das Gehirn trifft – sind wir auf dem Weg zum Cyborg?

fudder

Soll Technik den Menschen perfektionieren? Wo sind technische Grenzen und Möglichkeiten und wo ethische Bedenken? Thomas Stieglitz, Professor für Biomedizinische Mikrotechnik am Institut für Mikrosystemtechnik der Technischen Fakultät und Co-Sprecher des BrainLinks-BrainTools Zentrums an der Universität Freiburg, beantwortet uns hierzu einige Fragen.

Gehirn-Maschinen-Schnittstellen, die Depressionen lindern, oder Querschnittsgelähmten wieder das Laufen ermöglichen: Sind wir auf dem Weg zum Cyborg?
Thomas Stieglitz: Technik begleitet die Medizin schon seit Jahrhunderten. Was "normal" ist, ist eine Frage, die im geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden muss. Vor 150 Jahren galt das Herz noch als Sitz der Seele, wer hätte da gedacht, dass es mal einen Herzschrittmacher geben wird? Von Cyborgs wie in Science-Fiction-Filmen wie Terminator oder Luke Skywalkers Hand aus dem Star Wars Film des Jahres 1978 sind wir noch weit entfernt. Wir können somit keine Cyborgs bauen, neurotechnische Implantate können aber unerwünschte Nebenwirkungen haben und Änderungen der Stimmung oder des Verhaltens hervorrufen. Das muss medizinisch und gesellschaftlich eng begleitet werden. Nicht alles, was eventuell möglich ist, muss auch gesellschaftlich erwünscht sein.

Wo sehen Sie die größten Chancen neurotechnischer Implantate?
Um Behandlungen zu entwickeln, die auf anderem Wege heute noch nicht möglich sind. Nehmen Sie Hörprothesen wie das Cochlea-Implantat. Medikamente, die das Hören wiederherstellen, gibt es nicht. Ein Implantat hat für Gehörlose neue Möglichkeiten des Sprachverstehens geschaffen. Auch für Querschnittlähmung oder Amputation gibt es keine Heilung. Mithilfe von Computer-Hirn-Schnittstellen, die künftig Hilfsmittel wie einen kleinen Robotergreifarm steuern, geben wir Betroffenen ein Stück Selbständigkeit zurück. Intelligente Prothesen, die das "Gefühl" beim Greifen oder Laufen wiedergeben, sind weitere Beispiele.

Was sind technisch gesehen die größten Herausforderungen, und wo gibt es Grenzen? Können eines Tages zum Beispiel Sprachkenntnisse auf Knopfdruck digital ins Hirn übertragen werden?
Stellen Sie sich den Körper als ein großes Gefäß gefüllt mit Salzwasser vor. Darin müssen Implantate Jahrzehnte überleben, die voller Elektronik sind. Wir müssen somit Fragen der "Verpackung" lösen. Weiterhin ist jeder Mensch sehr unterschiedlich. Wir reden nicht von Computern oder Autos, bei denen wir genau wissen, wo welcher Schalter ist und wie wir welches Signal auslösen. Diese Variabilität macht es schwierig, neue Anwendungen zu entwickeln und diese Anwendungen ohne Nebenwirkungen anzupassen. Ich glaube, dass das Gehirn so komplex ist, dass komplizierte Dinge wie Sprache oder Wissen nicht "hochgeladen" werden können.

Wo gibt es ethische Bedenken, und wie gehen Sie in Ihrer Forschung damit um?
Es gibt immer dann ethische Bedenken, wenn es um die Persönlichkeit und Eingriffe darin geht. Oder Eingriffe in das, was den Menschen als solchen ausmacht. Was das ist, muss in jeder Gesellschaft aus ethischer, medizinischer, juristischer sowie ingenieur- und naturwissenschaftlicher Sicht besprochen und "verhandelt" werden. Erst dann kann die Politik daraus Handlungsempfehlungen ableiten. In meiner Forschung "leben" wir diesen Austausch und den so wichtigen Perspektivenwechsel über die verschiedenen Disziplinen hinweg in unserem BrainLinks-BrainTools Zentrum.
Im Rahmen des Freiburger Wissenschaftsmarktes findet mit Thomas Stieglitz ein Kurzvortrag mit anschließender Diskussion am Donnerstag, den 24. Juni um 17 Uhr statt.
Mehr Informationen unter https://freiburger-wissenschaftsmarkt.de/programm/