Visum

Wenn die Altenpflege-Ausbildung die letzte Chance zum Bleiben ist

Lisa Göllert

Paloma L. ist Brasilianerin und macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Gezwungenermaßen – denn hätte sie die Ausbildung nicht angefangen, hätte sie Deutschland verlassen müssen.

Zwölf Tage bevor ihr Visum ablief, unterschrieb Paloma L. * den Vertrag für eine dreijährige Berufsausbildung als Altenpflegerin. Notgedrungen – sonst hätte sie Deutschland verlassen und wieder nach Brasilien ausreisen müssen. Denn Paloma hatte nur ein Visum zur Arbeitssuche, was in ihrem Fall bedeutete, innerhalb von sechs Monaten einen Job finden zu müssen. Ansonsten wäre sie illegal in Deutschland gewesen. "Meine größte Motivation, die Ausbildung fertigzumachen, ist nicht die Arbeitsmöglichkeit, sondern die Möglichkeit, in Deutschland zu bleiben", schildert sie.


Erstmals nach Freiburg kam sie im Frühjahr 2018 für einen Deutschkurs und wanderte im Herbst im gleichen Jahr dann endgültig nach Deutschland aus. "Ich hab mich sofort in die Stadt verliebt", schwärmt Paloma. "In Brasilien hatte ich viele Probleme. Seit zwei Jahren ist es wirklich gefährlich. Das Land ist viel gefährlicher geworden, besonders für Frauen." Das liege vor allem auch an der Politik, erzählt sie. "Und dann dachte ich, das Leben ist zu kurz, um hier zu bleiben." Auf Englisch sagte sie: "I had nothing to lose."

Täglich zwei bis drei Bewerbungen

Für die Altenpflege wird Paloma sofort genommen. Den Ausbildungsvertrag unterschrieb sie im April 2019 – nachdem sie bereits knapp sechs Monate vergeblich nach einem Job gesucht hatte. Die 23-Jährige hatte in Brasilien Germanistik und Portugiesisch studiert und als Sprachlehrerin gearbeitet. Ihr Visum sah vor, dass sie in dem Bereich, in ihrem Fall also im Sprachenbereich, in Deutschland eine Arbeit finden musste. Täglich verschickte sie mindestens zwei bis drei Bewerbungen, bewarb sich bei allen Sprachschulen in Freiburg. Häufig bekam sie gute Rückmeldungen – man finde sie sympathisch, allerdings gebe es aktuell keine freien Stellen oder sie wollten eine Muttersprachlerin in Deutsch. "Alle haben gesagt: So bald wir so einen Kurs haben, werden wir uns melden – ich warte bis heute."

Paloma probierte es auch in internationalen Kindergärten oder im Sekretariat von Sprachschulen – nichts klappte. Im Hinterkopf die Angst der Ausreise, vor dem Zurück nach Brasilien. "Ich habe immer nur "Nein Nein Nein" bekommen und ich dachte, vielleicht sollte ich meinen Bereich ändern." Auf die Frage, wie sie dann auf Altenpflege gekommen sei, antwortete sie schlicht: "Mir wurde gesagt, Deutschland braucht Altenpfleger."

Das Visum wurde sofort genehmigt

Daraufhin bewarb sie sich bei einem Altenheim auf einen Ausbildungsplatz in der Altenpflege. Nach Abschicken der Bewerbung am Freitag, wurde sie bereits am Montag zum Interview eingeladen, machte eine Eignungsprüfung an der Schule und unterschrieb alle Verträge. Das alles dauerte nicht mal eine Woche.
Erst stellten sich die Behörden quer, ihr Visum zu verlängern, da sie keinen Job im Bereich ihres Studiums gefunden hatte. Aber als Paloma vorweisen konnte, dass sie eine Ausbildung als Altenpflegerin mache, ging alles schnell und das Visum wurde sofort genehmigt, schilderte sie. "Das war pures Adrenalin."
"Ich wusste schon in der Probezeit, dass es mir keinen Spaß macht."
Zwar kann Paloma jetzt erstmal in Deutschland bleiben – allerdings zu dem Preis, dass sie eine Ausbildung macht, die sie ansonsten nicht begonnen hätte. "Ich wusste schon in der Probezeit, dass es mir keinen Spaß macht." Alle drei bis vier Wochen wechseln sich Schule und die Arbeit im Altenheim ab. Besonders Bewohner zu behandeln, sie beim Essen zu unterstützen oder ihnen bei der Fortbewegung zu helfen, bringt Paloma an ihre Grenzen. "Manchmal ist die Arbeit fantastisch und manchmal will ich in die Psychiatrie. Es gab Tage, an denen ich die Arbeit gemocht habe, ein paar Tage, aber wenn ich wieder in einem schwierigen Team arbeite, freue ich mich, wieder zur Schule gehen zu können."

Paloma hat zwar keine Sprachprobleme, spürte auf der Arbeit aber bereits, was es bedeuten kann, als Ausländerin in Deutschland zu arbeiten. "Eine Bewohnerin hat so viele Fragen gestellt und mir keine Zeit gegeben, um zu antworten. Und dann sagte sie: Ach das ist egal, du bist sicher eine Migrantin. Keine Deutsche würde diese Arbeit machen." In Palomas Klasse haben von 19 Auszubildenden 15 einen Migrationshintergrund und fast alle von ihren Kollegen im Altenheim sind nach Deutschland immigriert. Einmal habe eine Kollegin zu ihr gesagt: "Ich will doch nicht für den Rest meines Lebens Arschputzen!" "Wir sagen alle nicht, dass wir den Job lieben, aber wir sagen auch nicht, dass wir es hassen. Es ist wie ein Geheimnis", verrät Paloma.

Die Altenpflege als Ausbildung ist beliebt – und dringend benötigt

Dabei ist die Ausbildung in der Altenpflege beliebt. In diesem Jahr befinden sich 68.236 Auszubildende in der Altenpflegeausbildung. Zum Vergleich: Nach dem Statistischen Bundesamt machten 2018 70.089 Personen eine Ausbildung zum Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement, was damit insgesamt die beliebteste Ausbildung in diesem Jahr war. Und die Altenpflege wachse: "Weder in der Industrie noch in der Wirtschaft gibt es höhere Zuwachsraten beim Personal als in der Altenhilfe", erklärt Dr. Ursula Kriesten, die unter anderem Mitglied des Bundesvorstandes des Berufsverbandes für Altenpflege (DBVA) ist.

Obwohl die Bewerberzahlen hoch seien, gibt es nicht genügend Ausbildungsplätze. "Wir müssten sicherlich ad hoc 30 bis 40 Prozent mehr Ausbildungsplätze schaffen, um den Bedarf zu decken", sagt sie. Denn da die Bevölkerung immer älter werde, steige auch der Bedarf nach Altenpflegekräften. "Es gibt zunehmend Agenturen, die akquirieren für Träger und auch das Trägerinteresse an Migranten steigt", schildert Kriesten. Nach den Erfahrungswerten des DBVA hätten 20 bis 30 Prozent der Auszubildenen einen Migrationshintergrund. "Wir arbeiten schon immer mit Migranten zusammen, die auch sehr wichtig in der Altenpflege sind. Das ist eine sehr gute Entwicklung."

Schichtdienst und niedrigere Bezahlung

Das Interesse ist hoch, trotz schwieriger Arbeitsbedingungen. "Sie brauchen mehr Kolleginnen und Kollegen, das ist das Entscheidende. Die Personalknappheit ist das Argument vor besserer Bezahlung und vor mehr Urlaub", schildert Ursula Kriesten. Im ersten Ausbildungsjahr verdient Paloma knapp über 1000 Euro brutto, während der weiteren zwei Ausbildungsjahre steigt das Gehalt dann noch. Aber im Job selbst verdient eine Altenpflegekraft weniger als in anderen Pflegeberufen, 2017 waren es 2746 Euro brutto. In der Krankenpflege wären es im Vergleich 3314 Euro brutto.
Vor allem der Schichtdienst macht Paloma körperlich zu schaffen. Wenn sie Frühschicht hat, hat sie das Wochenende frei. Wenn sie die späte Schicht bekommt, dann nur einmal während der Woche. "Nach dem Dienst habe ich häufig geweint. Ich dachte, mein Gott ich werde das nicht schaffen." Neben den Kollegen geben ihr auch einige Bewohner Kraft. "Es gibt echt viele nette Bewohner, die fantastisch sind und die ich echt mag."

"Ich will diese Ausbildung weitermachen bis zum Ende"

Paloma ist sich sicher, dass sie die Ausbildung trotz allem fertig machen will. "Ich will diese Ausbildung weitermachen bis zum Ende. Ich will einen Abschluss hier in Deutschland haben." Auf die Frage, ob sie denkt, das sie die Ausbildung nervlich schaffen kann, antwortet sie nur: "Wenn ich an Bolsonaro denke, ja." Palomas arbeitet mittlerweile neben der Ausbildung ehrenamtlich als Deutschlehrerin für Geflüchtete im Verein "Bildung für alle". Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung will sie nicht als Altenpflegekraft arbeiten, sondern am liebsten Deutschunterricht für Auszubildende mit Migrationshintergrund in der Altenpflege-Ausbildung geben.

*Name von der Redaktion geändert