Watcha-Clan: Ein Konzert mit Gute-Zeit-Garantie

Manuel Lorenz & Janos Ruf

Der Watcha-Clan vermischt in seiner Musik so ziemlich alle Kulturen, die seine Mitglieder als Background haben. Gestern Abend waren die Musiknomaden aus Marseille im Jazzhaus. Manuel und Janos waren für fudder mit dabei.

Den Anfang macht Suprême Clem. In weißer Kapuzenrobe schleicht sich der HipHop-Nomade auf die Bühne, stellt sich hinter einen Wall an Elektro-Gadgets und fängt an, seinen langen, dürren Körper zu imaginären Beats zu bewegen. Dann dreht er auf, lässt auch das Publikum an seinen Klängen teilhaben und gibt zu verstehen: Watcha Clan ist im (Jazz-)Haus!

Wenige Augenblicke später stürmt der quirlige Matt La Basse die Stage, greift sich seinen dick besaiteten Elektro-Stab und bereichert Clems frickelige Drums mit profunden Basstönen. Zuletzt kündigt sich mit wilden Zungentrillern jene Frau an, die den gesamten Abend dominieren wird: Karine Hallakoun a.k.a. Sista K.



Als Tochter einer litauischen Jüdin und eines algerischen Berbers vereint die Sängerin genau jene Gegensätze, welche die Multikulti-Band aus Marseille musikalisch und textlich zu überwinden sucht. Ihre massive Sinnlichkeit scheint der geheimnisvollen Magierin dabei nicht im Weg zu stehen. Zwar erinnert ihre laszive Zahnlücke auffällig an Madonna; ein glatter Popstar à la Britney Spears ist sie deshalb aber noch lange nicht, sprechen die Ränder ihrer Augen dafür doch von viel zu intensivem Leben.

Zum Glück bleibt ihr erspart, vor leerem Saal spielen zu müssen. Obwohl Watcha Clan immer noch als Geheimtipp gehandelt wird, sind genügend Neugierige gekommen, um das Kellergewölbe nicht leer aussehen zu lassen. Einerseits all jene, die ihre Klamotten auf dem Kartoffelmarkt erstehen, letztens noch durch Südamerika getrampt sind und demnächst – mal wieder – nach Thailand aufbrechen. Andererseits auch solche, denen es nichts ausmacht, noch mit 35 in einer Siebener-WG zu leben. Und natürlich die fürs Jazzhaus obligatorischen U40er – kulturell offene Bildungsbürger, die auch hier gewesen wären, stünde Kool Savas auf dem Programm.

Spätestens beim vierten Song, dem gediegenen Revolutions-Reggae „Travellin’ Shoes“, wird klar, dass solche Kategorien heute nicht zählen. Inmitten der bouncenden Crowd swingt ein älteres Ärztepaar, vom Weißwein beschwingt, zu unorthodoxen Klängen. Daneben: eine groß gewachsene Psytrancerin in schwarzem Hoodie, die sich glückselig in andere Welten tanzt und ihr Umfeld ungeniert daran teilhaben lässt.

Um Versöhnung geht es auch in der Friedenshymne „Call of Hagar“. „Salam aleikum, Schalom“, befleht Sista K Juden und Moslems gleichermaßen, sich ihres gemeinsamen abrahamitischen Ursprungs gewahr zu werden. Und führt in bauchfreiem Topp und weißen Jodhpur-Hosen Salomes „Tanz der sieben Schleier“ auf.



Auch musikalisch ruft Watcha Clan zum Dialog auf: Ein altes Gnawa-Lied wird durch Suprême Clems Akkordeon zur mitreißenden balkanische Polka („Balkan Qoulou“). Dann nimmt Sista K ein Megaphon zur Hand, brüllt dem Publikum ein halb ernstes, halb scherzhaftes „Check this out“ entgegen und stürzt sich in eine schweißtreibende Melange aus Drum ’n’ Bass und Roma-Brass („Tschiribim“).

Immer wieder überraschen die Musiker dabei mit ungewöhnlichen Instrumenten, bringen das Publikum mit marokkanischen Karkabat-Kastagnetten in heilige Trance, bringen tibetanischen Handzimbeln zum klingen und intonieren auf einem indischen Harmonium hinduistische Volkslieder. Und das auf Französisch, Englisch, Arabisch, Hebräisch und Jiddisch!

Stimmungshöhepunkt des Konzerts ist „Goumari“ – irgendwas zwischen Schrammel-House und Gnawa-Lied. Matt La Basse schnallt sich dazu eine weinrote Gibson Les Paul um, spielt darauf nordafrikanische Skalen und beendet seine Harissa-Performance mit einem Hendrix’esken Solo.

Schade, dass sich Watcha Clan bei der Modernisierung ihrer Folklore mehr an den 90ern denn an der Gegenwart orientiert hat. Wenn aber schon Drum ‚n’ Bass, Reggae und HipHop, dann bitte auch wieder die kraftvollen Raps und das melodische Toasting von Ex-Frontmann Soupa Ju. Außerdem würde ein Schlagzeug die Show aufwerten. Kommen sämtliche Beats aus der Konserve, wird’s irgendwann langweilig. Aber dafür ist wahrscheinlich genauso wenig Geld da, wie für den fehlenden Oud-Spieler.

Sei’s drum. Wer sich auf das sympathische Trio aus Marseille einlässt, begegnet Altem wieder, lernt Neues kennen und hat auf jeden Fall eine gute Zeit.



Mehr dazu:

Watcha Clan: Website& MySpace

Foto-Galerie: Janos Ruf

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