Ideen

Was wir statt des Freiburger Stadtjubiläums machen sollten

Maria-Xenia Hardt

Das Stadtjubiläum ist verschoben. Corona ist Schuld. Aber: Es ist nicht schlimm, dass "Freiburg 2020" ausfällt, findet fudder-Autorin Maria-Xenia Hardt – und schlägt vor, was wir stattdessen machen sollten: Ein Fünf-Punkte-Plan.

Corona interessiert es nicht, dass Freiburg 900 wird – das Jubiläumsjahr fällt flach. Schade? Na ja. Das ursprünglich geplante Programm war insgesamt nicht wirklich aufregend oder gar zukunftsweisend. Dass "Freiburg geht Golfen" ebenso abgesagt wurde wie "Günterstal von den Anfängen bis 1945" wird kaum jemanden in Verzweiflung stürzen. Und: In weiten Teilen hat die städtische Projektgruppe den Etat von 1,5 Millionen Euro an erschreckend viele Institutionen vergeben, die schon gefördert werden und exponiert sind: Städtische Museen, das Planetarium, das Stadttheater, den SC Freiburg. Das Jubiläumsjahr wäre einfach mehr vom selben Brei der letzten 900 Jahre geworden. Den müssen wir jetzt nicht auslöffeln. Gut so!

So ist’s richtig!

Das Freiburger Stadtjubiläum fällt nicht aus, sondern pausiert erstmal bis September. Wenn der Gemeinderat in seiner Sitzung am 30. Juni zustimmt, läuft das Jubiläum bis Juli 2021. Es gibt einige Veranstaltungen und Aktionen, die derzeit stattfinden. Unter anderem eine Ausstellung im Augustinermuseum "freiburg.archäologie. 900 jahre leben in der Stadt", die Ausstellung "StadtWaldMensch - 900 Jahre Wald für Freiburg" im Waldhaus Freiburg oder die Zeitschiene an der Haltestelle "Stadttheater". Alle Aktionen unter 2020.freiburg.de.

Auf der "Freiburg 2020"-Webseite steht: "Daher soll das Stadtjubiläum jetzt erst recht Gelegenheit sein, sich gemeinschaftlich einzubringen und zusammenzuhalten." Schön, dass die Stadt noch drauf gekommen ist, denn darum hätte es beim Stadtjubiläum von vorneherein gehen sollen! Die Corona-Krise ist wie eine Lupe, die uns zeigt, was im Argen liegt, wo echtes Potential ist, was wirklich wichtig ist. In diesem Sinne, statt Sekt und Schulterklopferei: fünf Ideen für Freiburg 2020.

Mehr Mitgefühl und Teilhabe

Einige Gruppen sind von der aktuellen Situation stärker betroffen als andere – zum Beispiel Alte, Arme und Alleinerziehende. Es ist schön, dass nachbarschaftliche Netzwerke ihnen derzeit unter die Arme greifen, aber darüber dürfen wir nicht vergessen: Nach Corona werden diese Menschen immer noch alt, arm und alleinerziehend sein, und auch wenn die Hilfsbereitschaft einzelner toll und wichtig ist, müssen sich die politischen Akteure der Stadt mehr und stärker dafür einsetzen, benachteiligten Gruppen institutionell zu helfen.

Bezahlbare Unterstützung in der Kinderbetreuung ist für Alleinerziehende nicht nur wichtig, wenn sie nebenbei noch ein Home Office wuppen müssen. Altenpflegeheime waren schon vor Corona prekäre Orte und werden es auch nach Corona noch sein – was kann die Stadt als Träger solcher Institutionen tun, damit Menschen in Würde altern können und alle, die dort arbeiten, nicht auf dem Zahnfleisch gehen? Eine Stadt, vor allem eine, die so verdammt teuer ist wie Freiburg, braucht mehr institutionelle Programme und Maßnahmen, damit alle, die finanziell oder sozial eingeschränkt sind, trotzdem am Leben teilhaben können und nicht an den Rand gedrängt werden.

Wohnen, wo andere Urlaub machten

"Schöne möblierte Ferienwohnung zum Aktionspreis temporär zu vermieten", steht da plötzlich in der Kategorie "Wohnung" auf "WG Gesucht": Das Ausbleiben von Besuchern hat Wohnungen zu Tage befördert, die sonst im dunkelgrauen Loch von Airbnb & Co. verschwinden. Es geht nicht um die Abschaffung von Tourismus, aber: Wenn Investoren ganze Häuser aufkaufen, herrichten und mit dubiosen Geschäftsmodellen auf Airbnb vermieten und so eh schon knappen und teuren Wohnraum noch knapper und teurer machen – das ist eine Sauerei. Diese illegale Zweckentfremdung von Wohnraum muss so konsequent nachverfolgt und geahndet werden, dass es den "Vermietern" auf lange Sicht nicht mal die rund sechs- bis siebenmal so hohen Einnahmen im Vergleich zu "normaler" Vermietung wert ist.

Umverteilung öffentlichen Raums

Überall auf der Welt haben Städte Corona-bedingte Abstandsregeln zum Anlass genommen, Rad- und Fußwege breiter zu machen oder gar ganze Straßen für den Autoverkehr zu sperren. In Freiburg hat Greenpeace mit einem "PopUp Radweg" am Schlossbergring darauf aufmerksam gemacht, dass gerade im Bereich Innenstadt noch viel Luft nach oben für ein Rad- und Fußgänger-freundlicheres Verkehrskonzept ist. Statt vom Luftschloss Dreisam-Boulevard zu fantasieren, sollte die Stadt weiträumig mehr Auto- zu Radspuren machen. Die Umverteilung öffentlichen Raums betrifft nicht nur Verkehr, sondern auch Freizeit: Wenn alles geschlossen hat, ist die Natur immer noch offen. Noch nie waren so viele Leute draußen. Oft wird es nun eng entlang der Dreisam, im Stadtgarten, am Baggersee. Wir brauchen Ideen und Konzepte, wie "Draußen-Plätze" für alle sicher und zugänglich sein können – denn ein Garten ist ein Privileg, das nicht jeder genießt.

Der Freitag der Zukunft

Plötzlich waren die Schulen zu. Das stellt zwar alle Beteiligten vor große Herausforderungen, zeigt aber auch: Lernen ist mehr als Stundenplan. Deshalb: Statt sich über Eigeninitiative junger Menschen zu echauffieren, sollten wir Schüler*innen in Zukunft einfach mehr zutrauen und den Freitag Stundenplan-frei machen. Die Schulen haben dann trotzdem offen, damit die Betreuung aller Schüler*innen sichergestellt ist, aber auf dem Stundenplan gilt eben: Leere statt Lehre. Ob der Freitag dann für Projektarbeit in der Schule genutzt wird, oder für digitales Lernen daheim, oder eben für Fridays for Future, das kann jede*r selbst entscheiden.

Fest für alle

Irgendwann, wenn das alles vorbei ist, dann feiern wir auch noch ein Fest. Wir sperren alle Straßen für Autos. Wir kommen mit dem Rad oder mit der Bahn. Wir klingeln vorher noch bei der älteren Dame im ersten Stock und fragen, ob sie mitkommen mag. Das Fest geht den ganzen Tag, ach was, das ganze Wochenende. Es ist wie Fasnet und CSD und SC-Aufstieg und dein achter Kindergeburtstag, alles in einem, bunt und laut und ausgelassen, draußen und mit allen zusammen. Jeder fragt mindestens eine fremde Person mit ehrlichem Interesse, wie es ihm oder ihr während und nach Corona so ergangen ist. Vielleicht können sich sogar die Jungen verkneifen ins Bächle zu pinkeln, und die Alten rufen dafür nicht gleich die Polizei, wenn nachts halt mal noch was los ist in der Stadt. Kurz: Alle sind einfach mal wirklich tolerant.

Und egal, ob du dann abends im zehn ins Bett gehst oder morgens um sechs, kurz bevor dir die Augen zufallen, denkst du noch: Freiburg, beste Stadt. Nicht nur, weil sie auf Postkarten verdammt schön aussieht, weil das Wetter gut ist und Spätzle lecker sind, sondern auch, weil wir so mutig waren fundamental darüber nachzudenken, wie wir eigentlich leben wollen: in bezahlbaren vier Wänden, nachhaltig und offen, innovativ und sozial. Weil wir uns auf das konzentriert haben, was unser Leben wirklich prägt: Stadt statt Jubiläum.