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Was macht den Reiz der App Clubhouse aus?

Nicole Kauer

Seit Januar macht die App mit dem verheißungsvollen Namen Clubhouse von sich reden. fudder-Autorin Nicole Kauer nutzt die App seit drei Wochen und beschreibt, warum die App fasziniert – aber dort auch viel reflektiert wird.

In die meisten Freiburger Clubs komme ich als weiße, junge Frau im halbwegs nüchternen Zustand ohne Probleme rein – wenn nicht gerade eine globale Pandemie deren Schließung erzwingt. Anders ist der Weg zur App Clubhouse, die in den vergangenen Wochen besonders um den thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und seiner Vorliebe zu Candy Crush für medialen Wirbel gesorgt hat.


Was ist Clubhouse überhaupt?

Clubhouse ist eine Social-Media-App aus den USA, die 2020 im April gestartet und seit Anfang Januar in Deutschland populär geworden ist. Die App kann man sich vorstellen wie eine Reihe von Talkshows. Dabei sitzen die Gäste nicht in einem ausgeleuchteten Studio, sondern in virtuellen Audio-Chaträumen, in denen Gespräche zu vorher festgelegten Themen geführt werden. Die App funktioniert live und rein auditiv, lediglich Profilbilder sind zu sehen. Gespräche dürfen nicht aufgezeichnet werden und sollen eine vertraute Atmosphäre, der Eckkneipe gleich, erzeugen. Das funktioniert zum Teil auch zu gut, wie eben jener thüringische Ministerpräsident zu spüren bekam, als er unglücklicherweise von der Kanzlerin als "Merkelchen" gesprochen hat und über seine Vorliebe zu Candy Crush während der Ministerpräsidentenkonferenz plauderte.

Anders als bei einem Podcast können die Zuhörerinnen und Zuhörer, die in dem virtuellen Club sind, eine Hand heben und auf das Panel geholt werden, Fragen stellen und mitdiskutieren. Diese Funktion wird auch eifrig genutzt und ermöglicht beispielsweise, dass man beim "Mittag im Regierungsviertel" mit Katharina Barley sprechen oder in der morgendlichen Zeit-Online Konferenz Themen anregen kann. Diese partizipative Stärke der App wird jedoch stark eingeschränkt.

Apple-User only

Wie im VIP-Bereich eines echten Clubs ist Clubhouse sehr eingeschränkt zugänglich. Denn nur wer ein Smartphone mit angebissenem Apfel besitzt, hat überhaupt die Möglichkeit die App zu nutzen. Und dann ist da noch die Sache mit den Einladungen. Clubhouse ist nicht wie üblich in einem App-Store zum Download verfügbar, sondern nur wer über eine persönliche Einladung mit den Worten "Hey – I have an invite to Clubhouse and want you to join" erhält, kann die App nutzen. Diese künstliche Verknappungsstrategie wirkt. Das Gefühl von Exklusivität, Zugang zu einem Raum zu haben, zu dem nicht alle Zutritt haben, ist, wenngleich unangenehm zuzugeben, doch reizvoll. Wer schon einmal auf der Gästeliste eines Clubs stand, an der Warteschlange vorbei ins Innere eintritt, kann das vielleicht nachempfinden. Dieses Gefühl wird verstärkt durch die Gesellschaft, die sich durch die Clubs bewegt: Thomas Gottschalk, Dunja Hayali, Joko Winterscheidt und zahlreiche andere Prominente, Medienschaffende, Politikerinnen und Politiker, Influencer und Influencerinnen. Wer einmal in Clubhouse angekommen ist, hat selbst die Möglichkeit, anderen den Zugang zu dem virtuellen Club zu bieten, indem man zwei Einladungen verschicken kann.

Worüber wird in den Clubs überhaupt gesprochen?

Zuallererst über sich selbst. Die App ist wohl das selbstreflektierte Medium, das ich in den vergangenen drei Jahren als Studentin der Medienkulturwissenschaft kennengelernt habe. Zahlreiche Clubs, in der es um die App und Kritik an derselben geht. Ein Hauch von Ironie wohnt dem ganzen bei, wenn sich auf Clubhouse über die Exklusivität von Clubhouse unterhalten wird und damit jene Kritik selbst reproduziert wird, denn auch dieses Gespräch bleibt schließlich exklusiv auf Clubhouse. Ansonsten gibt es Themen unterschiedlichster Couleur. Eine Berliner Freundin organisierte mit ihrer Schwester einen Abendtalk in kleiner Runde, parallel diskutiert Dunja Hayali mit fünf Gästen vor einem virtuellen Publikum von über 1500 Zuhörerinnen und Zuhörer über Rassismus. Regelmäßige Formate wie ein Twitter-Quiz mit ZEIT-Feuilletonisten oder "Mittag im Regierungsviertel", wo man mit Bundestagsabgeordneten über deren Mittagessen schnackt und all das, was politisch so in der Luft liegt, sind dabei sich zu entwickeln und unter uns, zu hören, dass auch Abgeordnete Pizza vom Vortag essen, erheitert mich schon.

Fazit nach drei Wochen Clubhouse

Trotz gerechtfertigter Kritik an Datenschutz und Exklusivität lässt die App konstruktive Diskussionen zu und ermöglicht für all jene, die Zutritt haben, größere Partizipation bei den Gesprächen. Hin und wieder stoße ich auf inspirierende Talks, Gespräche, die mich laut auflachen lassen oder deren Poesie mich berühren und das während so viele andere, unerwartete Gespräche ausbleiben müssen. Aber seid versichert, wenn der Tag kommt, wo die Freiburger Clubs wieder aufmachen, werde ich mich mit großem Vergnügen brav in die Warteschlange vor dem Puzzles einreihen – und die App fürs Erste wieder schließen.