Was ist Kunst heute? Ein Besuch auf Gut Scheibenhardt

Philip Hehn

Künstler, kann man das lernen? Und was machen eigentlich Nachwuchskünstler heute so für Sachen? Gibt es überhaupt noch etwas Neues für Künstler zu tun? Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe lud in der vergangenen Woche in der Außenstelle Gut Scheibenhardt zur Sommerausstellung ein. Philip hat sich umgeguckt.

  Befürchtet man beim Betreten der Akademie eine eher trockene Veranstaltung, steht einem eine Überraschung bevor. Und befürchtet man, sich zu langweilen, wird man eines besseren belehrt. Junge Kunst ist nichts wenn nicht vielfältig. Unglaublich vielfältig. Von Raum zu Raum, teils von Exponat zu Exponat, wechseln die Stile und verwendeten Mittel. Hier hängen poppige Großformater, da hektische Bleistiftkrakel auf knittrigen Zetteln.

Ein Exponat besteht aus Fliegen, die auf einem Stück klebrigem Kunststoff verendet sind. Filz, Stoff, Papier, Wachs, Gips, Neonröhren, Leinwand, Plastikeimer, Klebeband, Plattenspieler, Holz. Fotos, Öl, Acryl, Skulpturen, Installationen, Videos, Räume. Pinsel, Brenneisen, Kugelschreiber, Filzstifte, Kameras. Mit und aus allem kann man Kunst machen, merkt man. Überall sind Dinge, die man kennt, zweckentfremdete Alltagsgegenstände, die überraschende Sinneseindrücke und optische Effekte hervorrufen. Vorkenntnisse sind unnötig, Langeweile ausgeschlossen: einfach wirken lassen.

Die Kunst ist nicht nur zum an-die-Wand-Hängen: In einen Nebenraum quetscht man sich durch einen schmalen, niedrigen Durchgang in eine Art Flur, der in ein Zimmer führt. Wände und Boden des Flurs sind mit unterschiedlichsten Holzstücken getäfelt, die unter den Füßen knarren. Er ist beleuchtet durch eine Lampe, die in einer Art Kabinett hängt. An den Wänden hängen Fotos in altertümlichen Rahmen, auf dem Boden sind Papiere verstreut. Nicht nur die Papiere verbreiten unheilvolle Stimmung: In einer Sackgasse steht eine entwurzelte Topfpflanze, das Kabinett voller Nippes wirkt nicht heimelig, sondern bedrohlich.

Am Ende des Gangs zwängt man sich durch eine verengte Tür in ein großes Zimmer. Das Fenster ist mit brauner Farbe verstrichen. Hier steht ein ungemachtes, altes, schlichtes, dunkles Holzbett, daneben ein ebenso alter Nachttisch mit einer brennenden Lampe. Die Nachttischschublade ist einen Spalt geöffnet. Was ist das? Es ist, als sei man im Alptraum eines Achtzigjährigen gefangen.

Wo Museen und Galerien zuweilen steril wirken, ist hier vieles angedeutet, ausprobiert. In der Akademie beginnen die Künstler schon, ihre Kunstwerke einzupacken, abzuhängen, zu überstreichen, von der Wand zu kratzen. Ein handgemaltes Schild verspricht "Coktails" (sic!), ein anderes verheißt Comics und Vodka im 2. Stock.



Neben den auf Kunstevents üblichen verkniffenen Schickeria-Gesichtssphinktern sind in Massen hippiemäßig oder nerdy aussehende junge Leute und ganz normale Menschen mittleren Alters und darüber vertreten. Dialekte aus Ost und Süd mischen sich, ein DJ lässt seinen Laptop stundenlang einfach unbeaufsichtigt stehen, und laut Aushang betragen die Studiengebühren 60 Euro. Idyll pur.

Ein Mittdreißiger zieht einen Dreijährigen von einer Videoinstallation weg. „Nein, komm da weg, du hast schon eine ausgeschaltet.“ Die Offenheit des Ganzen ist erstaunlich. Die Fußböden sehen aus wie Werke des „Big Dripper“ Jackson Pollock; hier wird gearbeitet, wenn nicht gerade ausgestellt wird. Hier wird auch gelebt: verstreut liegen Essensreste, Sandbänke aus Pfandflaschen, unerklärliches Gerümpel.

Hinter einer Stellwand versteckt findet sich eine grüne Leinwand in einer Fensternische, ein weißer Pappmache-Lampenschirm enthüllt, wenn man sich bückt, auf seiner Innenseite eine detaillierte Miniaturansicht eines surrealen Gebäude-Interieurs. Quadratische Löcher in der Wand verbergen ebenfalls versteckte Welten – Galerien, Treppenhäuser, Gänge.

Ein Crashkurs in Staunen.

Für viele Menschen ist Kunst, die nicht direkt, in Bildern oder Zeichen, eine Geschichte erzählt, etwas abbildet, zumindest schön ist, eigentlich gar keine Kunst, ist Quatsch. In einem Raum befindet sich ein Sockel, auf dem aufgeschnittenes Brot, ein Messer und ein offenes Glas Marmelade stehen. Auf einem Bord an der Wand stehen volle Marmeladengläser, auf dem Fußboden leere. Kunst? Auf dem Fensterbrett findet man Werbe-Postkarten eines Ökobauernhofs. Doch keine Kunst? Was soll das? Was bedeutet das?



Aus dem Zweifel, ob das hier nun Kunst sein soll, erwächst eine Tendenz, überall Kunst zu sehen, die Umgebung neu zu entdecken. Hin und wieder bleibt man an einem Gegenstand stehen und sucht nach dem Namensschild des Urhebers, nur um keines zu finden: Doch keine Kunst? Kunst ist das Natürlichste der Welt. „Die Kunst muss fließen“, erklärt eine Künstlerin. Texturen, Strukturen, Anblicke, Neuentdecken des Alltäglichen durch (Zweck-)Entfremdung. In diesem Tempel des Spieltriebs bricht der forschende Blick eines Kindes hervor. Der Künstler stellt hier kein Drehbuch zur Verfügung, sondern einen Schlüssel für den Kopf des Betrachters.

Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste, und vor allem die Außenstelle Gut Scheibenhardt, wo das Sommerfest stattfindet und mehrere Klassen arbeiten und ausstellen, liegen idyllisch. Die Studenten haben sich ein Mini-Fußballfeld markiert, haben eine Dusche und eine Küche, in einem Baum hängen Socken. Objekt oder schlicht Wäsche? Man weiß es nicht. „Zu idyllisch“, beschwert sich eine Künstlerin, die aus der Außenstelle Freiburg ins urbanere Karlsruhe geflohen ist, um sich hier wiederzufinden. Umgeben ist Scheibenhardt von einem Golfplatz, der mit seinem bizarr unnatürlichen plüschartigen Gras vielleicht kein Kunstwerk, aber jedenfalls unbestreitbar künstlich ist.

Die Kunst aber ist echt. Keines der Kunstwerke, stelle ich fest, ist digital, kein Computer weit und breit. Die Kunst ist hier zum Erleben gedacht, nicht auf einen Bildschirm beschränkt, sondern sie gewinnt dem Raum, in dem man sich bewegt, den Materialien, die man berührt, Neues ab. Ein Schild an der Türe eines mit ausufernden Holzkonstruktionen den Eindruck einer dringend exorzismusbedürftigen Ikeafiliale erweckenden Raumes verkündet: „Betreten erwünscht, aber auf eigene Gefahr!“

Nicht nur gewagte Holzkonstruktionen sorgen für Unruhe. In einer Scheune findet man eine Art Kuckucksuhr vor, die einen goldenen Holzrahmen auf- und abhüpfen lässt. Auf einem an Drähten von der Decke hängenden Gleisrund fährt eine Spielzeuglokomotive surrend im Kreis und bringt das Ensemble zum Schwingen. Gegen halb elf erschüttert schließlich eine Explosion die Scheune auf. Erschrockene Rufe. Einer der Nachwuchskünstler hat einen in seine Betonskulptur eingegossenen Kanonenschlag gezündet und erweitert das Spektrum künstlerischer Medien – eventuell in der Tradition des futuristischen Manifests – um die Kategorie „Schrapnell“.



Es stinkt nach Schwarzpulver, faustgroße Betonbrocken liegen in einem Dreimeterradius verstreut. Auf das Gesicht des Urhebers ist eine komplett beneidenswerte, durch nichts getrübte, ekstatische Begeisterung gemalt, die entweder von der Beschäftigung mit Kunst oder der mit Sprengstoff oder eben den beiden in Kombination rührt.

Am Schwarzen Brett auf Scheibenhardt hängt ein Aushang, der den „KarriereTruck“ der Bundeswehr ankündigt. Dieser Kunstschüler zumindest wird sich das wohl nicht entgehen lassen. Aber auch für alle anderen gibt es viel zu entdecken.

Mehr dazu:

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.