Erfahrungsbericht

Was ich tat, als meine Corona-App rot leuchtete

Anika Maldacker

Bisher war die Corona Warn-App von Digitalredakteurin Anika Maldacker immer grün. Das änderte sich am Wochenende, als die App rot wurde und vor einer Begegnung mit zwei Corona-positiv getesteten Personen warnte.

Mehr als 20 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App schon heruntergeladen. Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland nutzen sie aktiv, also etwa 19 Prozent der Bevölkerung – auch ich. Und für mich war es schon zur Normalität geworden, dass eine, zwei, drei, vielleicht sogar vier Risiko-Begegnungen in der Corona-Warn-App gemeldet wurden. Drüber stand "Niedriges Risiko. Am Anfang hat mich das besorgt. Dann habe ich nachgeforscht und herausgefunden, dass eine grüne Anzeige kein Grund zur Besorgnis ist. Der Abstand zur infizierten Person sei dann sehr wahrscheinlich zu weit gewesen, die Dauer des Treffens wohl zu kurz, um sich anzustecken. In der Theorie jedenfalls.


Aber natürlich war so ein Blick in die App immer auch Warnung, sich am Riemen zu reißen. Abstand halten, Kontakte reduzieren und vulnerable und älter Gruppen zu schützen. Und: Die App war eine Warnung an einen selbst: Auch dich kann es erwischen. Außerdem bildete sie ab, dass das Infektionsgeschehen wieder zunahm. Denn seit Oktober verging bei mir keine Woche ohne Risiko-Begegnung – und das obwohl ich meine Kontakte reduziert hatte.

Meine Corona-Warn-App hat bis zum Wochenende stets grün geleuchtet. Das änderte sich am Samstagabend. Ich habe gerade genüsslich eine südkoreanische Trash-Serie gebingt und wollte nur flüchtig auf mein Smartphone schauen. Dann verkündete die App mit rotem Hintergrund ein "Erhöhtes Risiko". Vor fünf Tagen sollte ich mindestens einer nachweislich Corona-positiv getesteten Person über einen längeren Zeitraum und mit geringem Abstand begegnet sein. Keine schöne Meldung. Hat es mich nun erwischt, frage ich mich? Kratzt mein Hals nicht schon ein bisschen?

Und was mache ich nun? Eine böse Stimme in mir rät für einen winzigen Moment: Ignorieren. Es niemandem sagen. Aber das wäre grob fahrlässig und wirklich asozial. Ich kontaktiere die Leute, mit denen ich in den letzten fünf Tagen zu tun hatte – deren App ist aber grün. Ich überlege, welche Situationen in Frage kommen. Büro? Kaum möglich. Restaurant? Dann würden meine Begleiter ja auch gewarnt werden. Das einzige was mir einfällt: Geschäfte, Supermärkte. Ich habe also keine Ahnung, wer die Corona-positive Person in meiner Nähe war.

Die gute Stimme in mir siegt. Am Sonntag bleibe ich zuhause. Am Montag werde ich Gesundheitsamt oder Arzt kontaktieren. Denn ich habe keine Ahnung, was ich nun tun muss. Testen oder nicht? Soll ich vorerst daheim bleiben? Symptome habe ich keine. Und beim Essen konzentriere ich mich nun immer besonders auf den Geschmack und auf Gerüche. Klappt alles noch. In der App steht, ich solle zuhause bleiben, Abstand einhalten und mich mit Gesundheitsamt, kassenärztlichem Bereitschaftsdienst oder Hausarztpraxis in Verbindung setzen.

Am Montagmorgen rufe ich sofort um 8 Uhr die drei Stellen im Wechsel an – und hänge in Warteschleifen oder fliege sofort raus, weil alle Leitungen besetzt sind. Zweieinhalb Stunden später erreiche ich das Gesundheitsamt. Dort sagt man mir, ich könne schon allein durch die Warnung der App einen Test an der Messe machen oder bei einer Hausarztpraxis, die sich aufs Testen spezialisiert hat. Ich fahre also nach Lehen zu einer Hausarztpraxis, die das anbietet. Dort warten schon drei andere Menschen draußen, bei denen nach und nach auch Abstriche genommen werden. Nach einer halben Stunde warten, nimmt der Arzt den Abstrich bei mir vor – es ist so unangenehm, wie man hört – und mir wird gesagt, dass ich in Quarantäne bleiben solle, bis ich das Ergebnis habe. Das könne ein bis drei Tage dauern. Zwei Bekannte, die sich auch zu der Zeit testen ließen, hatten ihre Ergebnisse aber schon einen Tag später. Es besteht Hoffnung. Ich mag mein Zuhause wirklich, aber ich bin nicht der Home-Office-Typ. Mein Plan war es bisher nicht, von zuhause aus zu arbeiten, auch wenn ich das für nachvollziehbar halte. Im Büro kann man aber gut Abstand halten. Und mir fehlt das Rauskommen und der geregelte Tagesablauf.

Auch am Dienstag bin ich im Home Office geblieben und arbeitete von meinem kleinen 13-Zoll-Laptop – und öffne mindestens jede halbe Stunde meine Corona-App. Aktualisiere. Aktualisiere nochmal. Und da steht schlussendlich: "Testergebnis negativ."