Was ging bei... Tocotronic auf dem ZMF in Freiburg

Bernhard Amelung

Bedingungslos vor der Sommerhitze, Freiburger Fahrradfahrern oder lärmempfindlichen Anwohnern kapitulieren: Das passt nicht zu Tocotronic. Die Hamburger Band um Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow spielte im Zirkuszelt ein großes Konzert - und ließ pure Vernunft nicht siegen.



Der erste Eindruck

“In den Bergen hängt Gewitter und die Hitze dauert an.” So singt es die Hamburger Band Kante. Deren ausführender Produzent Tobias Levin hatte auch Hand angelegt an das selbstbetitelte Album von Tocotronic aus dem Jahr 2002. So schließt sich der Kreis auf dem Zelt-Musik-Festival an diesem Samstagabend. Über Kaiserstuhl und Tuniberg hängt Gewitter, im Zirkuszelt dauert die Hitze an. Der Schweiß rinnt in Strömen von der Stirn, die Weißweinschorle literweise die Kehle der Konzertbesucher hinab.

 

Der zweite Eindruck

 

Drei Mal schlägt der Gong. Dennoch bleiben die Ränge des Zirkuszelts leer. Boshafterweise könnte man sagen, der Freiburger gehöre zu einer nachtragenden Spezies. Schließlich gibt es ja diesen einen Song, mit dem Tocotronic ihr Album “Digital Ist Besser” aus dem Jahr 1995 eröffnen. Doch das ist Spekulation. Von Lowtzows Hass auf Fahrradfahrer, Backgammonspieler und Tanztheaterkünstler ist doch nur eine Chiffre für bräsig-satte Selbstzufriedenheit.

 

Die Setlist

 

Zu Sergei Prokofievs berühmtem “Tanz der Ritter” aus seinem Ballett “Romeo und Julia” betreten Arne Zank (Schlagzeug), Jan Müller (Bass), Rick McPhail (Gitarre) und Dirk von Lowtzow die Bühne. Sänger und Gitarrist von Lowtzow hebt und senkt die Arme. Aus der Ferne wirkt die Geste wie der majestätische Flügelschlag eines Adlers. Dann geht’s auch gleich los.

Tocotronic beginnen das Konzert - passend - mit “Prolog” vom neuen Album, das schlicht “Das Rote Album” heißt. Es folgen (chronologisch): “Ich öffne mich” (Das Rote Album / 2015), “Du bist ganz schön bedient” (Nach Der Verlorenen Zeit / 1995), “Ich will für dich nüchtern bleiben” (Wie wir leben wollen / 2013), “Hi Freaks” (Tocotronic / 2002), “Die Erwachsenen” (Das Rote Album / 2015), “Aber hier leben, nein Danke” (Pure Vernunft Darf Niemals Siegen / 2005), “Samstag ist Selbstmord” (Digital Ist Besser / 1995), “Die Grenzen des guten Geschmacks” (K.O.O.K / 1999), “Rebel Boy” (Das Rote Album / 2015), “Zucker” (Das Rote Album / 2015), “Mach es nicht selbst” (Schall und Wahn / 2010), “This boy is Tocotronic” (Tocotronic / 2002), “Jungfernfahrt” (Das Rote Album / 2015), “Freiburg” (Digital Ist Besser / 1995).

Zugaben: “Mein Ruin” (Kapitulation / 2007), “Let there be rock” (K.O.O.K. / 1999), “Explosion” (Kapitulation / 2007), “Kapitulation” (Kapitulation / 2007).

 

Die Musik

 
Warme Gitarrenakkorde, leicht verzerrt und mit Halleffekten weichgezeichnet, melodische Bassläufe, zartes Drumming: Auf ihrem aktuellen Album, schlicht “Das Rote Album” genannt, bewegen sich Tocotronic entlang einer Grenze, die nüchtern kühlen Indierock von episch-manieristischem Pop trennt. Doch diese Grenze ist nicht hermetisch dicht. Sie lässt einen Austausch zwischen beiden Genre zu. Opulente Soundcollagen der Marke Radio treffen auf melancholische, bisweilen ablehnend wirkende Melodieskizzen. So deutlich zu hören auf “Ich öffne mich”, dem zweiten Song ihres Konzerts im Zirkuszelt.

Dieser und die weiteren Songs des Roten Albums unterstreichen, was bereits die Vorgängeralben “Wie wir leben wollen” und “Schall & Wahn” gezeigt haben: Das Do-it-yourself-Gefühl der Neunzigerjahre ist vorbei. Etwas, das man Dirk von Lowtzow und seinen Bandmitgliedern Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail gar nicht mehr abnehmen würde. Es sind ja alles Mittvierziger, die auf der Bühne des Zirkuszelts stehen. Irgendwann hat auch die Berufsjugendlichkeit ein Ende.

Harten, kalten Indierock, Gitarrenakkorde, die sich zu dronig-noisigen Klangwänden aufschichten: Dass Tocotronic sowas immer noch draufhaben, zeigen sie eindrücklich in der Überleitung zu und Aufbau von "Freiburg", vielleicht ihrem bekanntesten Song im Breisgau. Da rauschen, zischen und brummen die Gitarren minutenlang, und aus dieser akustischen Ursuppe formen sie ihr Protestlied gegen blinde Selbstzufriedenheit. Danach kann eigentlich nur noch Stille kommen. Doch das Publikum fordert Zugaben. Und bekommt gleich deren vier.

Bei diesen Temperaturen durchaus unvernünftig. Doch was Tocotronic predigen, halten sie auch ein: Pure Vernunft darf niemals siegen.



Das Publikum

 

Tief ausgeschnittene Oberteile, bunt bedruckt oder schwarz, T-Shirts mit V-Ausschnitt, Blumenkleidchen, wallende Pumphosen, Turnbeutel in Neonfarben oder schwarz, mit weißen Dreiecken bedruckt: Die Kleidung verrät das durchschnittliche Alter des Publikums. Jungs und Mädels zwischen 18 und 35. Tocotronic ist immer noch - oder wieder - Teil einer Jugendbewegung.

Entsprechend steil geht die Party unmittelbar vor der Bühne. Wer dort nicht stampft, springt, oder die Arme empor schwingt, verliert. Diskursrock-Veteranen, die die Anfangszeit der sogenannten Hamburger Schule bewusst erlebt haben, halten sich dagegen am Rand der durcheinander wogenden Menschenknäuel auf - und filmen das Konzert mit ihren Smartphones.

 

Typisch Freiburg

 

“Macht mal lauter”, rufen ein paar Konzertbesucher, nachdem die letzten Takte von “Die Grenzen des guten Geschmacks” verhallt sind. Dirk von Lowtzow greift ihren Wunsch auf und bittet die Technik, diesem entgegen zu kommen. Gehe nicht, dürften sie nicht, geben sie zu verstehen. Er wiederholt: “Darf er nicht. C’est Fribourg-en-Brisgau”. Recht hat das Publikum. Recht hat von Lowtzow. Rockmusik klingt wirklich nur dann gut, wenn sie laut gespielt werden kann.

 

Verhörer des Abends

 

“Vielen, vielen Dank. Dankeschön, ihr Lieben. Freiburg, mon amour”. So viel oberflächlicher Pathos aus dem Mund eines Dirk von Lowtzow. Das kann doch nicht sein. Oder etwa doch? Schließlich wird er nicht müde, in Interviews zu betonen, wie sehr er kitschige Sounds und affektierte Arrangements schätze. Warum dann nicht auch einmal verbalen Zuckersirup über seinem Publikum ausgießen.

 

Was in Erinnerung bleibt

 

Mittlerweile sind Tocotronic, die Lieblinge des deutschen Pop-Feuilletons, weit davon entfernt, Konzerte in sauerstoffarmen Kellern mit anarchischem Flair zu geben. Solches kommt im Zirkuszelt jedoch auf, sobald die vier Hamburger Musiker Klassiker wie “Let there be rock” und “Explosion” spielen. Nass geschwitzte T-Shirts, feuchte Haare, rote Wangen sind die Folge. Schön.

 

Fazit

 
Große Band, große Songs, großartiges Konzert.

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  [Foto: Jonas Ehrhardt]

Fotos: Jonas Ehrhardt

 
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