Was ging bei ... Kollegah?

Marius Notter & Marius Buhl

Bitches, Butler Frederik und ein Riesen-Fail: Wie Kollegah am Sonntagabend für einen kurzen Moment komplett versagte und am Ende dennoch überzeugte:



Die Crowd

Genau wie erwartet und eben so gar nicht wie erwartet. In der Schlange vor dem Eingang steht ein Pärchen, das wirklich jede Erwartung an ein Kollegah-Konzert erfüllt. Er hat überdimensionale Oberarme, sein Boxerschnitt ist gegelt, die trainierten Beine stecken in einer ausgewaschenen G-Star-Hose. Sie trägt tatsächlich High-Heels, eine kleine Plastikhandtasche unterm Arm und eine gebleichte Miss-Sixty-Jeans mit Kronen-Stickerei am Hintern. Direkt neben ihnen steht der Gegenpart: Papa mit Sohn und Kumpel, alle im normalen Freiburg-Sonntagabend-Look.

Vor der Bühne ist es zwar dunkel, dennoch sieht man recht schnell, dass sich hier extrem viele Mädels tummeln – sogar Groupies, in weißem Kollegah-Shirt mit Ahornblatt auf der Brust und Jeans-Hotpants sind da. Geschätztes Durchschnittsalter: 16. Ob sie wissen, dass Kolle seit Jahren vergeben ist?

Sonst ist da die erwartete Menge Halbstarker in Trainings-Unterhemden, silbernen Panzerketten und Basecap. Darauf häufig zu lesen: "Party & Bullshit". Überraschend: Auch ein Rasta-Mann ist gekommen.



Track-Check

In den eineinhalb Stunden Konzertzeit spielt Kollegah fast sein ganzes Platin-Album 'King', sogar "Balladen" wie 'Regen' und 'Du bist Boss' finden Platz in der Setlist. Für die Gangster ist 'Dynamit' vom Kollabo-Album mit Farid Bang dabei" oder "Bossaura" vom letzten Album. Vermisst wird an diesem Abend der epische Doubletime-Track 'Mondfinsternis'. Ob Kollegah konditionelle Probleme hatte?

Stattdessen gibt es zum Abschluss des Konzerts die drei Fun-Tracks 'Vom Salat schrumpft der Bizeps', "Was ist denn los mit dir?' und 'Das hat mit Hiphop nichts zu tun'.



Kolles Outfit

Der Boss erzählte vor dem Konzert am Telefon noch, wie sehr er die Hipster und deren Outfits hasst. "Sollen die sich in ihre engen Hosen die Eier abquetschen, für den Boss ist das nichts". Ein wenig geflunkert hat der Boss: Auf der Bühne trägt er selbst eine durchaus enge, schwarze Hose, die mit Baggy nichts zu tun hat. Dazu kombiniert er ein hautenges Shirt und eine Weste, die ihn ziemlich klein und gedrungen wirken lässt. Auf der Boxernase sitzt die obligatorische Ray Ban, die er während des ganzen Konzerts nicht ausziehen wird.

Fail

An einer Stelle hat Kollegah gestern so richtig verkackt: Mehrfach wollte er das Publikum animieren noch mehr mitzumachen, leider verwechselte er da was: "Heidelberg, alle Arme nach oben!" rief er den Freiburgern zu - und erregte deren Zorn. "Freiburg, Freiburg"-Rufe hallten schon kurz darauf durch die große Rothaus-Arena. Lauter wurde es an diesem Abend nicht mehr. Als Kolle das merkte, war er aber nicht im Geringsten geschockt, "das könne doch mal vorkommen, bei so vielen Gigs." Naja. Ich würde gerne sehen, wie Kollegah einer fiktiven Sexpartnerin Maria den Namen Jennifer ins Ohr flüstert. Definitiv ein Fail!

Geil

Das Lied "Du bist Boss". Kollegah stellt sich ja gerne als Vorbild und Motivator der Jugend dar, was bei seinen oft frauenfeindlichen Aussagen (Bitch, Bitch, Bitch) aber nach hinten losgehen dürfte. In "Du bist Boss" zeigt er aber Ziele auf, an denen Jugendliche sich vermutlich wirklich orientieren können. Motivationsrap ist das, auch zum Pumpen sehr nice. Das Publikum dankt's und rappt mit.

Auch der Track Karate geht steil. Kollegah rappt auch Caspers Part, was eigentlich unmöglich scheint. Doch irgendwie schlägt der Boss sich ganz gut, die Crowd liebt den Song.



Kassensturz

Das Ticket kostet 30 Euro pro Nase. Dazu kommen 1,50 Euro für die Garderobe, denn erfahrungsgemäß wird es warm im Zäpfle-Club. Wer dazu noch ein Radler trinken will, muss 3,50 Euro plus Pfand auf die Theke legen. Endergebnis: 36,50 Euro für einen Platz-Eins-Künstler. Das ist vertretbar.

Schwitzfaktor

Das Kollegah-Konzert war ein klassisches Hiphop-Konzert, mit DJ und Backup-Rapper Majoe. Das ist deswegen erwähnenswert, weil Branchenkollegen wie Samy Deluxe oder Sido längst auf Band umgestiegen sind. Ein solch klassisches Hiphop-Konzert taugt nicht zum exaltierten Tanzen, es wird klassisch gebounct - also der Arm zum Beat nach oben und unten bewegt. Insofern ist verständlich, warum ich - trotz Hitze in der Halle - am Ende keinen einzigen Schweißfleck vorweisen kann. Die Fans rappten die Parts jedoch auswendig mit, nickten mit dem Kopf - am Ende sprangen sie sogar zum ironischen "Wat is denn los mit dir?". Trotzdem hat Kollegah live noch Luft nach oben.

 

Der Aggressions-Check

Eines ist sicher: Kollegah ist weit ungefährlicher wie die Gangster-Rapper früherer Tage, auch wenn ihm gerne das Gegenteil unterstellt wird. Auf der Bühne ist er eher nett, abgesehen von einigen bewusst provozierenden Taten. Einmal schießt er mit einer Fake-AK auf seinen "Butler" Frederik, einmal nennt er diesen Untermensch. Reine Show, natürlich. Bushido forderte dagegen erst kürzlich auf Claudia Roth zu schießen.

Nicht ganz so harmlos sind aber Kollegahs Aussagen "Ich hab einen jüdischen Rechtsverdreher" und "marschieren wie die Wehrmacht", weil sie bewusst Ressentiments schüren.  

Pauschalurteil

Marius Notter findet:

Kollegah spielt auf der Bühne eine hervorragende Rolle. Er überzeugt als Showman, einmal erhebt er eine Fake-AK47, beim nächsten Song raucht er eine Cohiba. Der Boss hat dieses Jahr die deutschen Charts im Sturm erobert – so ist es auch an diesem Deutschrap-Abend im Zäpfle-Club. Der Bass ist mächtig, Kollegah rappt überraschend klar und verständlich. Das ist, wie auch seine Reimstruktur und Technik, sehr schwer und eine große Kunst. Daumen hoch!
  Marius Buhl findet:

Kollegah hat einen überzeugenden, aber keinen Weltklasse-Abend hingelegt. Er hat nicht die Live-Qualitäten eines Samy Deluxe oder eines Marteria, dafür die breitere Fan-Base. Die Aussprache ist klar und verständlich, viele Double-Rhymes bringen zum Lachen. Besonders hervorzuheben sind die Videoeinspieler, bei denen er und Majoe über das Publikum reden.

Eines bleibt jedoch unverständlich: Während Kolle in 90% seiner Texte unsinnigen Luxus (Autos, Häuser, Bitches) lobpreist, konterkariert er diese Aussagen in 'Morgengrauen'. Dort rappt er: "Warum seh ich Menschen, die wie Bonzen leben, die so tun, als würds im Jenseits ein Konto geben?" Ein paar Zeilen später wettert er gegen Luxus, "der verwelkt wie eine Rose."

Mehr von diesen Liedern, und Kollegah wäre ein ernstgenommener Qualitäts-Rapper. Das Problem: Nie im Leben wäre Kollegah mit derlei Texten so berühmt geworden, wie er jetzt ist.
 

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Foto-Galerie: Florian Forsbach

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