Konzert

Was ging bei … Deichkind in der Sick-Arena?

Felix Klingel

Konzert oder Tanztheater? Deichkind lieferten am Mittwochabend in der Sick-Arena beides ab. So harmonierte die perfekt einstudierte Choreographie der Band mit der unkontrollierbaren Feierei des Publikums.

Die Stage

Riesige Säulen fahren auf der Bühne umher, immer wieder verändert sich der Hintergrund der Stage, Bandmitglieder fahren auf Podesten rein und wieder raus: Hier hat sich ein Bühnengestalter richtig ausgetobt!

Die Show

Ist das ein Konzert oder eine Theater-Tanzperformance? Egal, denn Deichkind liefert eine bombastische Show ab! Die Choreographie ist minutiös durchgetaktet, zu fast jedem Lied gibt es ein eigenes Outfit, einen eigenen Tanz, eine kleine Theatereinlage oder ein Event auf der Bühne. Mal performt Deichkind einen ganzen Song mit großen Babyköpfen auf dem Körper, dann schießen sie mit einer riesigen Flak-Kanone T-Shirts in die Menge oder fahren mit einem überdimensionierten Bierfass durchs Publikum. Zu Beginn ist die Show so einnehmend, dass das Publikum fast das Feiern vergisst. Erst ab dem vierten oder fünften Song kommt Bewegung in die Menge. Dann aber richtig.

Die Crowd

Hat sich in Schale geschmissen! Viele haben Deichkind-Dreiecke auf dem Kopf, Neon-Sonnenbrillen scheinen auch wieder ein Ding zu sein. Einige haben sich im Gesicht bemalt oder kommen gleich im Deichkind-Ganzkörperanzug. Andere haben sich richtig Mühe gegeben: Ein Typ trägt einen Hut, aus dem Seifenblasen kommen, sein Kollege einen auffälligen weißen Pelzmantel mit Beleuchtung. Es ist ein bunt gemischtes Publikum in der Sick-Arena: Studierende und Leute aus dem Umland, ein paar Schweizer und Verwirrte vom Bodensee, die den Weg zur Messe nicht finden. Außerdem Eltern mit Kindern und Erwachsene, die noch Kinder sind, oder für einen Abend wieder sein wollen.

Track-Check

Hits! Hits! Hits! Deichkind spielen alle Single-Auskopplungen des aktuellen Albums ("Kein Party", "Wer sagt denn das", "Richtig Gutes Zeug", "Dinge"), außerdem die alten und ganz alten Hits ("Arbeit nervt", "Bück dich hoch", "So ne Musik", "Limit", "Komm Schon"). Dazwischen gibt’s ein paar weniger bekannte Songs mit allerdings einschlägig bekannten Thema ("1000 Jahre Bier", "Roll das Fass rein"). Auch allen klar: Bevor Remmidemmi nicht kommt, ist das Ding hier nicht durch.

Fail

Ein Typ manövriert sich mit drei Plastikbechern randvoll mit Bier mitten in einen sich anbahnenden Pogo. Der Drop kommt, es geht los, am Ende steht er mit leeren Händen da.

Geil

Ein anderer Typ wird von seinen Kollegen auf den Kopf gestellt und applaudiert mit seinen Füßen … okay?

Sekundenschlaf

Zwischen den Lied-Blöcken gibt es hin und wieder kurze Einspieler, die mit einem Beamer an den geschlossenen Vorhang der Bühne projiziert werden. Etwa: Lars Eidinger wie er nackt in einen Farbtopf getaucht wird, oder die verwackelten Szenen einer zerstörten Partylocation. Die Szenen sind ein bisschen artsy-fartsy und gefühlt einen Ticken zu lang. Kurze Einnickgefahr!

Kassensturz

50 Euro kostete das Ticket – das scheint erst einmal viel Geld zu sein. Dafür bekommt man aber etwas geboten: Eine extrem aufwendige Show, perfekter Sound, die Band hat Bock und spielt mehr als 2 Stunden. Andere Bands stellen sich für 50 Euro lustlos auf die Bühne, lassen sich von drei Scheinwerfern anstrahlen und sind nach einer Stunde plus Zugabe durch. Von daher: Preis/Leistung absolut fair. Nur die Getränkepreise sind happig. Ein Wasser (!) kostet 5,50 mit Pfand.

An der Tanke

Was trinken Deichkind-Fans, während sie "1000-Jahre Bier" grölen? Es ist tatsächlich – Überraschung! – hauptsächlich Bier. Kleiner Wermutstropfen: Die 2 Euro Pfand auf den Plastikbecher nerven. Großer Wermutstropfen: Die Band schenkt ans Publikum kein Bier aus, sondern ein undefinierbares und brutal süßes Getränk. Das strömt zumindest aus den Deichkind-Dreiecken, die gegen Ende der Show mit einer Art Angel über den Köpfen der Zuschauer schweben. Mit Bechern in den hochgestreckten Armen versuchen die Fans etwas davon einzufangen – das meiste landet auf den Köpfen.

Schwitzfaktor

Je nach Stehplatz: extrem hoch (ganz vorne) oder sogar fast etwas kalt in der großen Halle (ganz hinten).

Der beste Artikel am Merch-Stand

Ist leider unverkäuflich: Ein lustig hin-und-her wippender "Dinge"-Schriftzug. Sonst gibt’s hauptsächlich T-Shirts und Pullis. Die Band ist auf ihr Publikum eingestellt: Es gibt auch Kindergrößen.

Pauschalurteil

Show 10/10, Musik 9/10, Stimmung 7/10.