"Kultur_Los!"

Was Freiburger Kunstschaffende zur Kampagne des Kulturamtes sagen

Angela Woyciechowski

Eine aktuelle Kampagne des Kulturamtes möchte die Sichtbarkeit und Relevanz Kulturschaffender in den Fokus rücken. fudder hat vier Künstler*innen gefragt, was sie von der Kampagne halten.

Saskia Kaiser, Musikerin, Bildende Künstlerin und Dozentin: "Mit Vollgas gegen die Wand"

"Ich dachte lange Zeit, dass sich die Pandemie auf mein Berufsleben nicht so negativ auswirken würde, da ich eine Anstellung als Kunstpädagogin an einer renommierten Schule hatte. Diesen Job habe ich mittlerweile verloren. Auch meine freie Arbeit als Kunst-Dozentin ist sehr beeinträchtigt und dass auch meine Konzerte abgesagt werden mussten, erklärt sich von selbst. Drei Jobs im künstlerischen Bereich, die bis zu Beginn der Pandemie eine solide Lebensgrundlage für mich bildeten, sind nun in Frage gestellt oder schon nicht mehr existent. Ende letzten Jahres habe ich meine EP veröffentlicht, die es seither zu präsentieren gilt – aber wie kann ich die Menschen erreichen, wenn ich keine Konzerte spielen kann? Da fährt man mit Vollgas gegen die Wand.

Ich weiß auch aus meinem künstlerischen Bekanntenkreis, dass es viele sehr schwer haben, da die ausbezahlten Nothilfen nicht ausreichen. Falls man sie erhält, denn in meinem Fall hätte ich nicht einmal Ansprüche. Das sind staatliche Konzepte, die es dringend zu überarbeiten gilt. Daraus resultieren jedoch auch wichtige und nachhaltige Initiativen der Kunstschaffenden – so wurde nun beispielsweise der deutsche Verband "Pro Musik" gegründet, damit die Musiker und Musikerinnen eine Lobby und auch im politischen Bereich eine Stimme haben. Die Kampagne "Kultur_Los!" ist eine gute Initiative, weil sie darauf aufmerksam macht, dass Kunst und Kultur einfach wichtig sind. Ich würde sogar sagen, dass sie existenziell sind! Das wurde bereits vor der Pandemie unterschätzt und ich hoffe, dass die Menschen durch derartige Aktionen für die Relevanz der dazugehörigen Berufszweige sensibilisiert werden und ihre Künstler*innen mehr unterstützen."
Ein hartes Jahr ohne Arbeit: Wie es Kulturschaffenden aus Freiburg geht

Luka Fritsch, Tänzerin und Choreographin: "Wenn nicht wir, wer dann?"

"Jedes Mal auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich die Plakate zur Kampagne Kultur_Los! mit der Frage: "Wer werden wir gewesen sein?". Das hat mich jedes Mal zum Nachdenken gebracht. Ich finde es gut, diese Frage den Bürger*innen zu stellen, sodass sich jeder damit beschäftigen kann. Was ich mich vor allem frage, ist: Was kann ich zurzeit machen und wer werde ich denn gewesen sein? Deshalb ist die Frage der Kampagne wie eine kleine Motivationsspritze für mich.

Ich glaube, die Kampagne ist ein guter Anfang. Der Ansatz sollte nicht sein, darauf aufmerksam zu machen, dass es der Kulturbranche schlecht geht, sondern zu fragen: Was können wir machen? Was kann die Bevölkerung – auch in solchen Zeiten – für sich machen? Denn ich finde, es ist wichtig im Dialog zu bleiben mit dem Publikum.

Ich habe das Gefühl, viele Kulturschaffende geben gerade die Hoffnung auf und machen einfach nichts mehr. Und da lohnt es sich, weiterhin in Kommunikation zu treten und sich darüber auszutauschen. Ich zum Beispiel hätte keine Arbeit, hätten wir aufgehört zu überlegen: Was machen wir jetzt? Ich finde, es ist gerade auch unsere Aufgabe als Kulturschaffende nach Lösungen zu suchen, Lösungen anzubieten und zu schauen, wie kann man die umsetzen statt vorschnell aufzugeben. Wenn nicht wir, wer dann?

Jan Ullmann, Musiker, Produzent und Vocal Coach: "Zwischen Biergarten und Bordell"

"Die Pandemie hat insofern Einfluss auf mein Leben, als dass mir ein großer Teil von meinem Gehalt weggebrochen ist, weil Auftritte beispielsweise wegfallen und ich zur Zeit auch keine Workshops anbieten darf. Manche Locations, in denen ich aufgetreten bin, haben zwischenzeitlich sogar schon dicht gemacht.

Die Frustration unter Kulturschaffenden ist inzwischen sehr groß und ich habe das Gefühl oft fällt Kultur in politischen Entscheidungen und Coronabedingten Regelungen einfach unten durch. Das hat man auch bei dem aktuellen Bürgerdialog zwischen Angela Merkel und den Kulturschaffenden gemerkt: Man hat den Eindruck, Kultur wird einfach nur als Spaß abgetan und läuft so auf gleicher Ebene zwischen Biergarten und Bordell. Und das im Land der Dichter und Denker! Das ist zwar etwas überspitzt formuliert, aber mich ärgert, dass die Politiker nicht erkennen, dass die Kulturbranche eben viel mehr ist. Es fehlt die Wertschätzung. Ganz nach dem Motto: Schade, dass ihr jetzt nicht mehr von eurem Hobby leben könnt. Aber dass die Kulturbranche für unsere Gesellschaft ein durchaus wichtiger Arbeit- und Sinngeber ist, wird oft nicht gesehen.

Und deswegen finde ich die Kampagne Kultur_Los! auch gut. Es ist gut, im Gespräch zu bleiben. Aber natürlich wäre es wünschenswert, dann auch finanziell etwas zu tun. Oder sich dafür stark zu machen, dass man auch wieder öffnen kann. Die Stadt könnte sich darum kümmern, dass die Live-Musiker unter coranatauglichen Bedingungen wieder auftreten können, dass Gelder da sind für Veranstalter, Lokalitäten und Musiker. Aber auch das Publikum kann Kulturschaffende unterstützen – durch Spenden oder ähnliches. Es würde mich freuen, wenn die Gesellschaft mehr Wertschätzung – ideell und finanziell leisten würde."

Jan Blaß, Bildender Künstler: "Solidarität ist nötig"

"Die Pandemie hat Negatives und Positives bewirkt: auch mein Bewegungs- und Handlungsspielraum wurde stark eingeschränkt. Andererseits genieße ich die dadurch entstandene Ruhe. Ich schätze diesen Einschnitt durch die Pandemie eher als Chance, innezuhalten und den bisherigen Lebens- und Arbeitsstil auf den Prüfstand zu stellen.
Ich persönlich habe zum Glück keine finanziellen Nöte, weil ich immer auch ein Standbein als Lehrer hatte. Aber diejenigen, die ganz auf die freie künstlerische Arbeit gesetzt haben, geraten jetzt natürlich unter immer größeren existentiellen Druck. Da ist Solidarität unbedingt nötig und die Kampagne Kultur_Los! kann vielleicht einen Beitrag zur Linderung leisten.

Sichtbarkeit und Relevanz kulturell Tätiger werden meiner Meinung nach erst durch konkrete Aktivitäten spürbar. Für die Sichtbarkeit ist also zum Beispiel #inFreiburgzuhause wahrscheinlich wichtiger. Andererseits gibt es in Freiburg ein großes Potential an Kultur-Interessierten, für die das Wesentliche von Kultur nicht erst sichtbar gemacht werden muss. Vielleicht kommt aber einiges an Geld zusammen, das Aktiven zu Gute kommen kann."

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