fudder-Serie

Was denken junge Menschen im Stühlinger über die Landtagswahl?

Vera Tolksdorf

Am Sonntag ist Landtagswahl. Was denken junge Freiburgerinnen und Freiburger darüber ? Wem wollen sie ihre Stimme geben? fudder hat verschiedene Stadtteile besucht, um die Stimmung vor der Wahl einzufangen. Dieses Mal: Stühlinger.

"Der sympathischste Freiburger Stadtteil", "hier fühlt sich’s richtig nach Stadt an", "ich wohne hier halt schon immer": Die Liste der Gründe, aus denen die Leute gerne im Stühlinger sind, ist lang und genauso bunt durchmischt wie der Stadtteil selbst. Gilt das gleiche für die Meinungen der jungen Menschen im Stühlinger zur Landtagswahl?

Bolzplatz

"Schau mal, da ist noch eine!" Adam Schmieding sitzt neben dem Volleyballfeld beim Sport Bohny. Im Hintergrund spielen zwei Jungen Fußball, aus dem Gebüsch nahe der Bahnschienen riecht es nach Gras. Eigentlich ist Adam zum Volleyballspielen verabredet, bis dahin will er aber noch ein bisschen für seine Klausur in der nächsten Woche lernen – und Mauereidechsen beobachten. "Das ist hier ein ganz einzigartiges Habitat, mitten in der Stadt", sagt Adam. Er studiert Umweltnaturwissenschaften im zweiten Semester, davor hat er eine Ausbildung zum Forstwirt gemacht. Deswegen ist für ihn Klima – und Umweltschutz auch ein wichtiges politisches Thema. Nur – bei der Landtagswahl wählen kann er nicht: Er ist erst im Februar aus NRW nach Freiburg gezogen und damit zu kurz in Baden-Württemberg gemeldet, um seine Stimme abgeben zu dürfen.

Wenn er wählen dürfte, würde er sich vielleicht noch einmal genauer mit der Klimaliste auseinandersetzen, sagt Adam, da sprechen ihn die Plakate besonders an. "Ich kann mir aber nicht vorstellen, mal so komplett hinter einer Partei zu stehen, dass ich da beitreten würde. Das finde ich fast ein bisschen schwierig, sich so ganz einer Linie zuzuordnen", sagt Adam und zieht nachdenklich an seinem Zigarillo. Auf die Frage nach seinen Herzensthemen erklärt der Student dem Fahrrad seine Liebe: "Das ist auf jeden Fall die Zukunft." Sonst noch was? "Ja! Ich plädiere stark für Fleisch aus Petrischalen."
fudders Stadtteilbesuche zur Landtagswahl 2021
Am Sonntag, 14. März ist Landtagswahl in Baden-Württemberg. fudder hat verschiedene Freiburger Stadtteile besucht und mit verschiedenen jungen Menschen über ihre Gedanken dazu gesprochen. In dieser Woche veröffentlichen wir jeden Tag einen neuen Stadtteilbesuch zur Landtagswahl.
Übersicht: Alle bisher erschienen Texte zur fudder-Serie

Stühlinger Kirchplatz

Im Stühlinger Kirchplatz sitzen vereinzelt Grüppchen und unterhalten sich, neben dem Brunnen singt ein Mann laut. Gil Goshen wählt gerade seine Kurse für das nächste Semester Liberal Arts and Sciences, Umweltschwerpunkt. "Ich bin wahrscheinlich die schlechteste Person, für so einen Text", lacht er auf die Frage, ob er schon weiß, was er bei der Landtagswahl wählen wird. Gil ist in Israel aufgewachsen. Weil die Großeltern seiner Mutter aus Deutschland geflohen sind, hat er aber einen deutschen Pass und ist wahlberechtigt. Er werde sich wohl in den Tagen vor der Wahl irgendwann mit seiner WG zusammensetzen: "Ich sage ihnen was ich wichtig finde und dann schauen wir zusammen, was am besten passt", erklärt der 27-Jährige. Am Ende fällt die Entscheidung wahrscheinlich zwischen den Linken und den Grünen, vermutet Gil. Besonders wichtig sind ihm dabei Umwelt- und Migrationspolitik.

Die drei Sozialarbeiterinnen Marie Mastall, Mia Unverzagt und Sandra Neul sitzen im Eschholzpark und Frühstücken. Die Sonne ist rausgekommen, es ist viel los. "Ich finde es besonders wichtig, dass Parteien die soziale und die ökologische Krise in Kombination denken", sagt Marie Mastall, "und meiner Meinung nach werden die Grünen dem im Moment nicht gerecht". Deswegen tendiert die 25-Jährige dazu, die Linke zu wählen. Von strategischem Wählen hält sie nichts, genau wie Sandra Neul: "Ich glaube, dass viel zu viele Menschen strategisch wählen und nicht das, wo sie wirklich hinterstehen". Die 23-Jährige findet es außerdem schade, dass sich der Wahlkampf kaum um Migrationsthemen zu drehen scheint. "Da würde ich mir eine klarere Positionierung wünschen." "Zum Beispiel zur Situation in der LEA", stimmt ihr Marie Mastall zu.

Mia Unverzagt ist noch unentschlossen, was sie wählen soll. Sie schwankt zwischen den Linken und den Grünen. Dabei findet sie es schade, dass es in Baden-Württemberg bei der Landtagswahl nur das Einstimmenwahlrecht gibt: "Sonst hätte ich vielleicht mit der Erststimme Links und mit der Zweitstimme Grün gewählt". Besonders wichtig sind der 25-Jährigen konsequenter Umweltschutz und mehr Unterstützung für die ökologische Landwirtschaft.

Eschholzstraße

Auch die Bäckerei Grossmann an der Eschholzstraße ist an diesem Vormittag gut besucht. Sulaiman Tadmory trinkt mit Freunden einen Kaffee. Eigentlich wohnt der 32-Jährige in Hamburg, wo er als Journalist arbeitet. Bei der Landtagswahl könnte er also sowieso nicht wählen. Allerdings ist er auch sonst nicht wahlberechtigt: Sulaiman ist vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen und bisher kein deutscher Staatsbürger. Dass er deswegen noch nicht wählen durfte, findet er eigentlich gut, sagt er. Weil man am Anfang keine Ahnung habe, wie das politische System funktioniert und welche Partei wofür steht. Als er gerade in Deutschland angekommen war, erzählt Sulaiman, hätte er wahrscheinlich CDU gewählt: "Weil ich dachte Merkel ist cool und links." Aber vor Kurzem habe er mal eine Rede von Friedrich Merz gesehen: "Da war ich schon überrascht was der sagt, so frauenfeindliches und kapitalistisches Zeug". Auch sein Freund Mamdouh stimmt ihm zu, er ist kürzlich eingebürgert worden: "Ich finde man sollte erst einmal ein paar Jahre die politische Lage verstehen und mitwirken, bevor man wählen darf. Zum Beispiel wenn man eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommt."

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