Frauen

Was bringt ein feministischer Blick auf die Corona-Krise?

Anna Lob

Gewalt, Rassismus und schlechte Bezahlung für systemrelevante Arbeit. Ein feministischer Blick offenbart Probleme, die schon lange Teil unserer Gesellschaft sind, aber in der Corona-Krise besonders sichtbar werden.

Triggerwarnung: In diesem Text geht es auch um Gewalt gegen Frauen im eigenen Haushalt. Solltest du oder eine Person, die du kennst, betroffen sein, findest du auf dieser SeiteHilfe.

Die Corona-Krise legt den Finger in die offenen Wunden der Gesellschaft. Sie zeigt die größten Schwächen des Wirtschaftssystems und legt Ungerechtigkeiten offen, vor denen man im Alltag zu gern die Augen verschließt. Ein feministischer Blick hilft diese Eindrücke einzuordnen. Feminismus bedeutet Gleichstellung für alle Menschen, unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Herkunft, Einkommen und so weiter. Dieses Ziel haben wir noch nicht erreicht. Corona beweist genau das.

Zunächst einmal wäre da der offene Rassismus, den diese Krise wieder einmal deutlich spürbar gemacht hat. Wenn der Präsident der USA von einem "chinesischen Virus" spricht, ist das Rassismus. Wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer vermeintlichen Herkunft unterstellt wird das Virus zu haben, ist das Rassismus.

In einem Artikel für Zeit Campusberichtet die Journalistin und Autorin Nhi Le von ihren Erfahrungen seit Beginn der Pandemie. Sie schreibt: "Bis heute bekomme ich fast täglich Nachrichten, in denen mir Menschen von Anfeindungen gegen sich und ihre Familien erzählen. Ich frage mich: Wo soll das alles hinführen?" Unter dem Hashtag #ichbinkeinvirus berichten Betroffene in Sozialen Medien von ihren Erfahrungen und machen auf das Problem aufmerksam. Eine gesamtgesellschaftliche Debatte über Rassismus findet nicht statt, obwohl auch der rechtsterroristische Anschlag in Hanau gezeigt hat, dass sie bitter nötig wäre.

Das eigene Zuhause ist für viele Frauen kein sicherer Ort

Alle sollten sich die Quarantäne so gestalten können, dass sie möglichst wenig psychische und physische Folgen für sich und die eigenen lieben Menschen hat. Aber genau das ist der Knackpunkt. Manche Menschen können eben das nicht. Etwa weil ihr Zuhause kein sicherer Ort ist. Weil ihnen Zuhause Gewalt angetan wird. Von ihrem Partner oder von Familienmitgliedern. In über 80 Prozent der Fälle sind die Opfer von Gewalt durch Partner oder Familienangehörige laut UN Women Germany Frauen. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch ihren Partner bzw. Ex-Partner ermordet. Diese Verbrechen erhalten dann den Namen "Familientragödie", obwohl der korrekte Begriff eigentlich Femizid lautet.

Jetzt haben betroffene Frauen deutlich weniger Möglichkeiten der Situation zu Hause zu entkommen. Zu den Risikofaktoren für Gewalt im eigenen Haushalt zählen Stress, Alkoholkonsum und finanzielle Schwierigkeiten. All das kommt in dieser Pandemie zusammen und so befürchten Expert*innen einen deutlichen Anstieg bei Gewalt gegen Frauenim eigenen Haushalt. Manche Beratungsstellen sind geschlossen und das Unterkommen bei Bekannten wird schwierig.

Systemrelevant aber schlecht bezahlt

Am 17. März war Equal Pay Day. Der Aktionstag soll darauf aufmerksam machen, dass Frauen in Deutschland im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen als Männer. In der Krise ging der Tag dieses Jahr völlig unter. Obwohl die Krise die Gründe für diese Lohnlücke offenbart. "Systemrelevant" - das sind in Zeiten von Corona Pfleger*innen, Kassierer*innen im Supermarkt und Erzieher*innen. Der Frauenanteil in Gesundheitsberufen macht weltweit Schätzungen zu Folgebis zu 70 Prozent aus.

Dabei sind es häufig diese jetzt als systemrelevant bezeichneten Berufe, die schlecht bezahlt sind. Die Menschen in diesen Berufen setzten sich einem deutlich größeren Risiko aus, infiziert zu werden. Der abendliche Applaus von Menschen die jetzt Zuhause bleiben können, ist zwar wohlwollend, hilft aber leider nicht viel.

Corona-Krise als Chance für Veränderung

Feminist*innen fordern aus diesen Gründen vor allem eins: Die Einbindung weiblicher Perspektiven in Entscheidungsprozesse. Nur so können in der Krise geschlechterspezifische Probleme berücksichtigt werden. Das Problem: 72 Prozent der Entscheidungsträger*innen im Gesundheitsbereich sind laut dem Global Health Report 50/50 2019 männlich.

Als Einzelne*r kann außerdem Solidarität ein wichtiges Zeichen sein. Hinhören, wenn es bei den Nachbar*innen Probleme gibt oder man Anzeichnen von Gewalt im Haushalt mitbekommt. Wichtig ist auch nach der Krise, weiter über die zu Tage geförderten Ungerechtigkeiten zu sprechen und den Diskurs über diese Themen nicht abbrechen zu lassen. Diese Krise wird unsere Gesellschaft verändern. Das kann auch eine Chance sein. Eine feministische Perspektive zeigt, in welche Richtung diese Veränderungen gehen könnten.
Info Box:

Für diesen Artikel haben wir uns einige Beispiele für Probleme aus feministischer Perspektive herausgesucht. Es gibt jedoch noch viel mehr, was man zu diesem Thema sagen könnte. Weiterführende Informationen findet man beispielsweise beim Centre for Feminist Foreign Policy oder beim Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung.