Kolumne zum Verstehen und Handeln

Was bedeutet Intersektionalität?

Oliwia Hälterlein

Über Intersektionalität wird viel gesprochen, aber was bedeutet es? Karo Czepan und Tamara Mrad von der Mobilen Jugendarbeit Weingarten-Ost erklären den Begriff und wie sie dem Phänomen bei der Arbeit begegnen.

Der Begriff Intersektionalität begegnet uns immer öfters – wie würdet ihr ihn erklären?

Karo: Intersektionalität bedeutet, ganz einfach gesagt, Verwobenheit, und zwar die Verwobenheit von mehreren Diskriminierungsformen. Eine Schwarze Frau beispielsweise, die arbeitslos und lesbisch ist, ist sowohl von Rassismus, Sexismus, als auch Klassismus betroffen. Von Sexismus ist sie in doppeltem Maße betroffen, einmal durch ihr zugeschriebenes Geschlecht als Frau, zum anderen durch ihre sexuelle Orientierung. Klassismus ist etwas schwieriger zu erklären: oft wird Klassismus nur über Armut definiert, das stimmt auch zum Teil, aber es geht noch weit darüber hinaus. Klassismus kann sich zum Beispiel auch im Bereich des Wohnraums, Bildung, Teilhabe und so weiter zeigen. Und das sind nur drei Beispiele für Diskriminierungsformen, es gibt noch viele mehr.
Tamara: Die einzelnen Diskriminierungsformen müssen immer gleichzeitig betrachtet werden und das sagt Intersektionalität aus: bei betroffenen Menschen, die Diskriminierung erleben, kann nicht direkt festgemacht werden, welche Diskriminierungsform ausschlaggebend war, weil immer mehrere gleichzeitig wirksam sind.

Was hat das mit Privilegien zu tun?

Tamara: Privilegien beschreiben das Nichtvorhandensein von Diskriminierung. Privilegiert zu sein, heißt nicht, keine Probleme zu haben, die Probleme treten jedoch nicht aufgrund einer Diskriminierungsform auf. Dabei kann jemand durchaus in einem Bereich diskriminiert sein, in einem anderen Bereich dafür aber privilegiert.

Ist Intersektionalität Inhalt des Studiums Sozialer Arbeit/Sozialpädagogik?

Karo: Im Studium läuft einem der Begriff durchaus über den Weg, entscheidend ist jedoch, was jede*r selbst daraus macht. Die Soziale Arbeit ist zwar ein weites Feld, doch in der Arbeit mit Menschen spielt Benachteiligung und Betroffenheit von Diskriminierung immer eine Rolle. Wichtig ist deshalb sich als Sozialarbeiter*in über die eigene Positionierung bewusst zu sein und dies aktiv zu tun. Selbstreflexion muss auch nach dem Studium ein zentraler Teil der Arbeit sein.

Warum muss auch in der Mädchen*arbeit Intersektionalität mitgedacht werden und die intersektionale Betroffenheiten der Mädchen* im Angebot Thema sein?

Tamara: Intersektionalität ist nicht nur in der Mädchen*arbeit, sondern grundsätzlich für die Jugendarbeit ein zentrales Thema. Zuallererst geht es darum, die Jugendlichen für Diskriminierungsformen zu sensibilisieren und ihnen Worte für ihre Erfahrungen an die Hand zu geben. Jugendliche, die Diskriminierung erleben, merken zwar, dass da was falsch läuft, können aber oft nicht einordnen, was ihnen passiert. Daher ist es wichtig ihnen aufzuzeigen, dass Diskriminierung ein strukturelles Phänomen ist und nichts mit ihnen als Person zu tun hat. Vor allem wenn eine Betroffenheit von Mehrfachdiskriminierung vorliegt.
Karo: Mädchen* sind schon aufgrund ihres zugeschriebenen Geschlechts von einer Diskriminierungsform betroffen, daher könnte eine intersektionale Betroffenheit eher vorliegen.

Wie können wir uns alle im Alltag für intersektionale Betroffenheiten von heranwachsenden Mädchen* und Frauen* sensibilisieren?

Tamara: Es müsste ein Verständnis vermittelt werden, dass Diskriminierung ein struktureller Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Es ist also kein Problem von Einzelnen, sondern in uns allen verinnerlicht.
Karo: Wenn ein Verständnis über Intersektionalität gesellschaftlich mehr verankert wäre, hätten wir auch mehr Bewusstsein für Diskriminierungsformen und deren Verwobenheiten, wodurch eine Sensibilisierung für Betroffene hergestellt werden könnte.

Wie könnte ein konkretes Handeln aussehen?

Tamara: Räume eröffnen, wo darüber gesprochen werden kann. Den Fokus auf die Betroffenen legen. Und ganz wichtig: Ihnen ihre Erfahrungen nicht absprechen. Gerade ein fehlendes Bewusstsein für Intersektionalität kann dazu führen, dass Diskriminierungserfahrungen abgesprochen werden, weil diese oft subtil erfolgen und nicht offensichtlich sind.
Karo: Und darüber hinaus Selbstreflexion, Bewusstsein über die eigene Sozialisation, verbunden mit der eigenen Positionierung in Bezug auf Privilegien und Diskriminierung.
Biographie:

Karo Czepan und Tamara Mrad arbeiten bei der Mobilen Jugendarbeit Weingarten-Ost mit einem Schwerpunkt auf Mädchen*arbeit.
Karo studiert Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg.
Tamara ist Einrichtungsleitung, studierte Islamwissenschaft und Ethnologie im Bachelor und Erziehungswissenschaften mit der Fachrichtung Sozialpädagogik im Master in Freiburg.

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