Meine Meinung

Warum wir ausgerechnet jetzt über Mental Health sprechen müssen

Enya Steinbrecher

Es ist Januar, Winter und Pandemie. Zeit also, über mentale Gesundheit zu sprechen. Ein Thema, das in unserer Gesellschaft immer noch zu wenig Beachtung findet. Das sollten wir ändern, findet Enya Steinbrecher.

Den wenigsten fällt es leicht, darüber zu sprechen: Auch heutzutage noch ist die mentale Gesundheit ein Thema, über das zu sprechen schwierig ist. Mal fehlt das Vertrauen zum Umfeld, mal geht es um Stigmatisierung. Doch warum ist es für uns so einfach, uns wegen eines Schnupfens oder einer Magen-Darm-Grippe krank zu melden, während wir psychische Probleme lieber verschweigen?

Häufig ist da die Angst, als schwach zu gelten und der Fakt, dass psychisch Erkrankte noch immer diskriminiert werden. Wer eine Psychotherapie gemacht hat, wird schneller von Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen abgelehnt. Einer Verbeamtung legt eine Therapie Steine in den Weg und wehe, psychische Probleme – seien sie auch überwunden – werden im Rahmen eines Sorgerechtsstreits bekannt. Auch in verschiedenen Berufen ist eine längere Krankschreibung aufgrund der Psyche ein Ausschlusskriterium. Dabei ist es jetzt wichtiger denn je, dass wir das Tabu brechen.

Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch

Lang und breit wurde über die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie diskutiert. Welche psychischen Auswirkungen auf Menschen aller Altersklassen diese jedoch hatte und noch immer hat, findet in den Köpfen der Menschen nur wenig Bedeutung. Dabei sind gerade jetzt psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch: Die Pandemie triggerte dabei neben Depressionen vor allem auch Angststörungen – besonders betroffen waren dabei laut einer Studie aus der Schweiz Kinder und Jugendliche.
Hilfsangebote

Studien zeigen, dass es nach Berichterstattung über Suizide oft Nachahmungstaten gibt. Deswegen berichten wir in der Badischen Zeitung in der Regel nicht über Selbsttötungen – außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie sich in einer akuten persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter den kostenlosen Rufnummern Tel. 0800/1110111 und Tel. 0800/1110222 oder an eine der anderen Hilfsstellen.

Dass das Thema nicht neu ist und sich durch alle Bevölkerungsschichten zieht, zeigt in Blick in die Vergangenheit: In Deutschland begingen laut Statista.de im Jahr 2016 rund 10.000 Menschen Suizid. Weltweit waren es 2016 fast 800.000. In den Fokus der Öffentlichkeit rutscht das Thema regelmäßig auch durch Suizide von Prominenten. Ob Kurt Cobain, Chester Bennington oder Robin Williams – Depressionen und daraus resultierende Suizide sind längst keine Seltenheit. Doch warum ist das Thema in der Gesellschaft so tabuisiert?

Der Werther-Effekt

Die gesellschaftliche Ächtung psychischer Probleme und ihrer Folgen blickt auf eine lange Geschichte zurück. Schon im Mittelalter wurden Suizidanten aus der Gesellschaft ausgestoßen, wenn sie ihren Suizidversuch überlebten. Überlebten sie ihn nicht, waren die Familienangehörigen bemüht, die Todesursache zu verheimlichen – sonst wurden sie nicht nur um das Erbe gebracht, sondern oft ebenfalls aus der Gesellschaft ausgestoßen.

Ein Grund, der auch heute noch häufig zu wenig Beachtung findet, wenn es um Suizide geht, ist der Werther-Effekt, benannt nach einer Häufung von Suiziden nach dem Erscheinen von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", dessen Protagonist im Verlaufe der Geschichte Suizid begeht. Auch in der Moderne sind solche Fälle nicht unbekannt: Zum Beispiel nach dem Tod des Fußballspielers Robert Enke 2009. Ein Grund, das Thema weiterhin aus unserer Kommunikation zu streichen?

Nach den Mitmenschen schauen

Bestimmte Themen können durchaus triggernd auf manche Personen wirken. Diese Themen aber deswegen zu verteufeln, kann andere Personen in gefährliche Zwiespälte stürzen – nämlich die Personen, die Hilfe brauchen und auch annehmen möchten, aber nicht wissen, wie sie sie bekommen können. Gerade in einer Zeit, in der Abstand und Isolation unseren Alltag prägen, ist es wichtiger denn je, nach unseren Mitmenschen zu schauen, uns zu informieren, wie es ihnen geht, und mögliche Warnzeichen zu erkennen.

Zieht sich eine Person immer stärker zurück, wirkt lustlos und antriebslos oder verliert scheinbar die Freude an Dingen, die ihr zuvor Spaß gemacht haben, ist Achtung geboten. In einer Pandemie sind diese Zeichen vielleicht schwieriger zu erkennen. Ein offenes Ohr und Toleranz ohne zu verurteilen, wird aber dafür sorgen, dass die Bereitschaft, über die eigenen Probleme zu sprechen, steigen wird – und das bedeutet, dass immer mehr Personen auf die Frage "Wie geht es dir?" nicht mit "Gut", sondern mit der Wahrheit antworten.

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