Interview

Warum Menschen die Corona-Krise ernster nehmen als die Klimakrise

Anna Castro Kösel

Warum ist die Bereitschaft, sich wegen des Coronavirus drastisch einzuschränken, so hoch und bei der Klimakrise deutlich geringer? Welche psychologischen Faktoren stecken dahinter? fudder hat den Umweltpsychologen Gerhard Reese gefragt.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum die Menschen bei der Corona-Krise die Lage eher ernst nehmen als bei der Klimakrise?

Das ist eine sehr spannende Frage, die mich und viele andere sehr umtreibt. Das erstaunliche ist, welche große Akzeptanz die Ausgangssperre besitzt und wie viele Menschen sie für eine wichtige Maßnahme halten. Bei der Klimakrise ist das nicht so – viele Menschen sind nicht bereit, sich derart einzuschränken, obwohl die Klimakrise auch globale und schwerwiegende Folgen haben wird. Erstens spielt das Distanzproblem eine große Rolle. Die Klimakrise ist noch ein sehr abstraktes Problem, mit dem man scheinbar nicht immer unmittelbar in Kontakt kommt. Bei der Covid-19-Erkrankung ist das viel, viel konkreter. Man hört von Fällen im Bekanntenkreis oder ist von Ausgangssperren direkt selbst betroffen, da man sich nicht mehr frei bewegen oder man steht auf einmal vor leeren Regalen und ist somit mit der Krise konfrontiert. Das führt dann dazu, dass man das Problem automatisch ernster nimmt und sich ein Gefühl der Betroffenheit einstellt. Bei der Klimakrise ist es auch gut möglich, dass es bestimmte Produkte wie Kaffee oder Kakao nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt geben wird, aber da das alles sehr schwer absehbar ist, ist es auch viel einfacher das Problem zu verdrängen. Das spiegelt sich auch in der Risikowahrnehmung wider.

Wieso ist das so?

Bei Corona ist ganz klar, was die Konsequenzen sind, wenn man sich und andere nicht schützt – nämlich, das Virus breitet sich aus und es gibt Kranke und unter Umständen sogar Tote. Auch die Maßnahme gegen Covid-19 sind viel konkreter. Eine konkrete und sehr einfach umsetzbare Maßnahme ist das Zuhause bleiben. Bei der Klimakrise gibt es zwar viele und auch erdrückende Zukunftsszenarien – dennoch lässt es sich nicht hundertprozentig vorhersagen, wie stark die Auswirkungen der Klimakrise sein werden. Das wirkt sich auf die Maßnahme aus. Ich kann zwar jahrelang vegan gelebt und mich ökologisch verhalten haben, aber der Beitrag, den ich geleistet habe, ist viel unsichtbarer und schwer messbar. Dadurch ergibt sich schnell die Haltung: "Es bringt ja eh nichts, wenn ich was tue".

Welche Faktoren wären entscheidend dafür, dass Menschen den Ernst der Lage auch bei der Klimakrise begreifen?

Da die Konsequenzen eher schleichend sind und schwere Stürme und Hitzewellen als Wetter abgetan werden, wird es dauern, bis sich eine psychische Akzeptanz einstellt. Es muss ein Prozess sein, der sich häufig wiederholt, dass zum Bespiel Felder nicht bestellt werden können, Nahrungsmittel knapp werden, und so weiter. Sobald es spürbar wird, über einen längeren Zeitraum, kann das Bewusstsein kippen. Das Schwierige bei der Klimakrise ist ja, dass es anders wie bei der Corona-Krise keinen Plan oder Regeln gibt, wie das Ganze eingedämmt werden kann. Außerdem sind Menschen meist nur für lokale Probleme wachzurütteln. Globale, große Herausforderungen anzugehen ist schwierig und anstrengend für uns.
Zur Person:
Prof. Dr. Gerhard Reese ist Umweltpsychologe und Leiter des Studiengangs "Mensch und Umwelt: Psychologie, Kommunikation, Ökonomie" an der Universität Koblenz-Landau.

Was muss sich in der Psyche ändern, damit Menschen aufhören, die Klimakrise zu verdrängen?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Mit Menschen in Kontakt treten, die zeigen, dass jeder etwas tun kann. Neulich war ich im Supermarkt und habe alles in meine Stoffbeutel gepackt, während ein Familienvater mit drei Kindern nur in Plastik verpackte Ware gekauft hat, weil er einfach nicht den Kopf dafür hatte, sich um Alternativen zu kümmern. Deswegen ist die Politik gefragt, umweltgerechte Entscheidungen zu ermöglichen. Wir müssen es schaffen, von einem ausschließlich auf Konsum fokussierten Wirtschaftssystem Abstand zu nehmen. Das wird nicht einfach, da wir alle mit der Erzählung aufgewachsen sind, dass Wirtschaftswachstum ausschließlich gut sei. Ein Weg, sich selbst zu motivieren, wäre etwa eine Selbstverpflichtung, indem man mit Leuten darüber spricht, dass man jetzt umwelt- und klimafreundlicher leben möchte, oder sich an eine Pinnwand einen Plan hängt, um sich genau auszumalen, wie man das umsetzen möchte.

Kann man alle Menschen damit erreichen?

Ich glaube, dass mindestens 20 Prozent der Leute nicht erreicht werden können. Auf die muss man sich nicht fokussieren, auch in der ehemaligen DDR, sind nicht alle montags auf die Straße gegangen. Viel stärker müssten etwa akademische Gruppen, die über die Klimakrise Bescheid wissen, in die Verantwortung gezogen werden, da diese häufig zu dem geringen Prozentsatz der Vielflieger gehören, da sie die finanziellen Mittel besitzen. Häufig müssen wir uns selber an die Nase fassen.