fudder-Interview

Warum es so schwer ist, das richtige Geschenk zu finden

Alexander Schneider

Vorweihnachtszeit heißt Geschenkstress: fudder hat die Freiburger Psychologin Andrea Kiesel gefragt, warum es nicht immer einfach ist, das richtige Geschenk zu finden, warum wir uns beschenken und wie man Enttäuschungen vermeiden kann.

Frau Kiesel, worauf muss ich beim Schenken achten?

Beim Schenken spielen die Erwartungen des Schenkenden und Beschenkten eine wichtige Rolle. Aus psychologischer Sicht kann man sagen, immer dann, wenn Erwartungsverletzungen auftreten, kommt es zu spezifischen Emotionen. Wenn das Geschenk unter den Erwartungen liegt, kann das zu Enttäuschung führen oder wenn es über den Erwartungen liegt, würden wir erwarten, dass die Erwartungsverletzung eher zu einer Überraschung führt.

Woher kenne ich denn die Erwartungen des anderen?

Genau das ist oftmals das Problem. Man kann nicht davon ausgehen, dass der andere meine Gedanken lesen kann und meine Erwartungen kennt. Es ist ganz interessant zu sehen, wie Kinder Wunschzettel an eine fiktionale Figur wie den Weihnachtsmann schreiben. Wenn selbst eine Fantasiefigur wie der Weihnachtsmann keine Gedanken lesen kann, wie sollen dann Erwachsene ohne jegliche Kommunikation wissen, was sie sich gegenseitig schenken sollen? Heutzutage sind die Erwartungen der Schenkenden so hoch: Ihr Geschenk sollte einmalig sein, zu den Interessen passen, nachhaltig sein, dauerhaft genutzt werden. Es sind so viele Kriterien, die kaum noch erfüllbar sind. Dann kommt noch hinzu, dass der Beschenkte oft selbst nicht weiß, was er genau will.
Prof. Dr. Andrea Kiesel leitet seit 2015 die Professur für Allgemeine Psychologie am Institut für Psychologie der Albert-Ludwigs-Universität. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Erleben und Verhalten. Spezifisch arbeitet sie im Bereich Multitasking und Handlungssteuerung und an der Entwicklung neuer Methoden zur Prädiktion von Akzeptanz neuer Technologien im Umweltpsychologischen Bereich.

Wie kann ich Erwartungsverletzungen vermeiden?

Man kann seine Erwartungen ganz einfach in offenen Gesprächen abgleichen. Das muss nicht nur kurz vor Weihnachten sein, wenn man das ganze Jahr über offen miteinander kommuniziert, wird das alles viel einfacher. Oder man beobachtet den anderen einfach, manche Menschen teilen ihre Wünsche implizit mit.

"Zum Beispiel macht es viele Erwachsene glücklich zu sehen, wie Kinder sich freuen." Andrea Kiesel

Warum beschenken wir uns überhaupt?

Wie sich Schenken kulturhistorisch entwickelt hat, ist nicht einfach zu beantworten. Aber aktuell ist es einfach eine Konvention dass im Familien- oder auch Freundeskreis Geschenke ausgetauscht werden. Wenn Einzelne plötzlich aufhören würden etwas zu schenken, wäre das eine große Erwartungsverletzung, wenn das nicht im Voraus abgesprochen wäre. Es sind wahrscheinlich die sozialen Gewohnheiten, welche die Erwartungen beim Einzelnen auslösen. Schenken kann dabei unterschiedliche soziale Funktionen erfüllen. Mit Spenden kann man zum Beispiel sozial Benachteiligten helfen. An Weihnachten kann es hauptsächlich darum gehen, seine sozialen Kontakte zu pflegen, indem man seinen Nahestehenden eine Freude macht.

Zieht der Schenkende einen eigenen Nutzen aus dem Schenken?

Es kommt immer auf den Kontext an. Wenn es zum Beispiel um Arbeitskollegen geht, kann es oftmals ein gegenseitiges "Tit for Tat" sein. Das heißt, wenn man sich gegenseitig etwas schenkt, sollte es in etwa von gleicher Wertigkeit sein. Das ist aber von Person zu Person anders und hier kann man keine pauschalen Aussagen treffen. Im familiären Kontext trifft das nicht generell zu. Es geht hier nicht um einen materiellen Ausgleich, sondern darum, schöne Momente zu schaffen. Zum Beispiel macht es viele Erwachsene glücklich zu sehen, wie Kinder sich freuen.

Ist es besser jemandem nichts zu schenken, als ihm ein 0815 Geschenk zu machen, einfach weil man es muss?

Schenken kann auch als eine Art von Kommunikation betrachtet werden. Schenke ich jemandem einen Fitness Gutschein, kann derjenige das als Appell sehen, abzunehmen. Jemandem etwas zu schenken und ihm zu zeigen, dass man sich keine Mühe gegeben hat, ist keine gute Botschaft. Wiederum jemandem nichts zu schenken und nichts zu sagen, ist in gewisser Weise auch eine (negative) Aussage.

Wie wichtig ist die gute Geste des Schenkenden?

Bei Geschenken zählt natürlich nicht nur der materielle Wert, sondern auch die Verbundenheit, die durch das Geschenk ausgedrückt werden. Ich persönlich mag zum Beispiel Weihnachtskarten mit einem netten Text, das sind sehr schöne verbindende Geschenke.