fudder-Interview

Warum am Samstag eine Spur am Schlossbergring für Fahrräder geöffnet war

Anna Castro Kösel

Am Samstag war erneut die östliche Spur des Schlossbergrings für Autos gesperrt, um die Fläche für Radfahrende und Fußgänger zugänglicher zu machen. Über die Aktion der Popup-Bikelane hat fudder mit Jörg Isenberg von Greenpeace gesprochen.

Wie ist die Aktion zur PopUp-Bikelane am Samstag gelaufen?

Jörg Isenberg: Wir haben die Aktion durchgeführt, aber zeitlich verkürzt, da wenig Radfahrer, aufgrund des Wetters,die neu gewonnene Fläche genutzt haben. Es war aber auch eher eine symbolische Aktion. Deswegen glaube ich, das es insgesamt ein Erfolg war, da wir zeigen konnten, was möglich ist, wenn Flächen wieder für Menschen und nicht nur für Autos nutzbar sind.

Wieso braucht Freiburg eine PopUp-Bikelane?

Am Schlossbergring haben wir aktuell die Situation, dass es vier Autofahrspuren gibt. Auf der östlichen Fahrspur Richtung Herdern existiert nur ein schmaler Radweg zwischen einer Betonwand und der Straße. Wenn man auf einem sehr engen Radweg zwischen Betonwand und einem LKW fährt, kann das durchaus Angst machen. Das hat zur Folge, das viele Freiburger nicht mehr dort lang fahren. Daher ist unsere Forderung: Sichere Radwege und auch gefühlt sichere Radwege an dieser Stelle.
PopUp-Radweg

Ein kurzfristige und vorübergehend eingerichteter Radweg, der plötzlich auftaucht und vorübergehend ein Bild davon vermittelt, wie Radfahrende Menschen auch unterwegs sein könnten. Letztendlich soll die Aktion für mehr Sicherheit durch veränderte Rahmenbedingungen sorgen.

Was stört Sie noch?

Inakzeptabel ist außerdem, dass am östlichen Schlossbergring faktisch für Fußgängerinnen und Fußgänger kein Platz übrig geblieben ist. Das hätten wir gerne anders. An dieser Stelle sind wir ja direkt am Rand der Freiburger Innenstadt sowie am attraktivsten Naherholungsgebiet der Stadt: dem Schlossberg. Vernünftigerweise müssten dort eigentlich eine Fußgängerzone und Cafés liegen, aber das ist natürlich nicht realistisch. Realistisch ist hingegen, was der Fuß- und Radentscheid Freiburg, bei dem wir von Greenpeace Bündnispartner sind, fordert: Die östliche Fahrbahn komplett für Radfahrende freigeben.

Ist das denn realistisch, dass das passiert?

Uns ist klar, dass das nicht von heute auf morgen geht, aber auch eine kurzfristige Maßnahme, wie eine PopUp-Bikelane, kann zu einer langfristigen werden. Berlin hat das relativ unkompliziert umgesetzt. Was gut funktioniert, kann ja beibehalten und was nicht gut funktioniert, modifiziert werden. Das Problem ist die Geschwindigkeit, mit der in Freiburg Fahrradwege gebaut und Verkehrsraum umverteilt wird. Das muss sich beschleunigen, wenn wir unsere Klimaziele einhalten wollen. Das muss auch nicht immer mit riesigen Umbauten verbunden sein. Wenn die Stadt wirklich will, kann das auch sehr schnell gehen. Den Innenstadtring haben wir uns näher angeguckt. Mindestens 80 Prozent unserer Vorstellungen eines fuß- und fahrradfreundlichen Innenstadtrings sind mit Verkehrsschildern, Farbe und Pollern umsetzbar.

Wie steht die Stadt dazu?

In Gesprächen, die wir mit der Stadt als Fuß – und Radentscheid geführt haben, geht es mehr um unsere Forderungen für das Bürgerbegehren, die eher mittelfristig sind. Wir haben nächste Woche wieder ein Gespräch, in dem wir nochmal darüber sprechen werden. Eine offizielle Position, wie die Stadt zu einer PopUp-Bikelane am Schlossbergring steht, ist mir noch nicht bekannt. Ich habe aber gehört, dass sich die Stadt durch solche kurzfristigen Maßnahmen nicht von ihrem ursprünglichen Programm ablenken lassen möchte. Im Verkehr steigt der CO2 Ausstoß in Freiburg in den letzten Jahren (vor Corona) wieder an.Viel Platz für Autos bedeutet eben auch viel motorisierter Verkehr. Wenn man Verkehrsraum umverteilt, wird sich das ändern. Die Stadt hat sich entschlossen, innerhalb der nächsten zehn Jahre den CO2- Ausstoß um 60 Prozent gegen über 1992 zu verringern. Dann muss man auch entsprechend planen und sich politisch dazu entscheiden, die dazu passenden Verkehrsmittel attraktiv und andere unattraktiver zu machen.
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Könnte sich Freiburg andere Städte zum Vorbild nehmen?

In den Niederlanden gibt es viele Städte, die Vorbilder sind. Zum Beispiel investieren Utrecht und Groningen sehr stark in den Fahrradverkehr: In Gronnngen kann man mit dem Auto in Viertel rein- und rausfahren, aber nicht durch. Das geht nur zu Fuß und mit dem Rad. Dort wurden dadurch Schleichwege, wie in Freiburg die Mozartstraße, Lorettostraße, Haslacherstraße, Carl-Kistner-Straße und so weiter verhindert. In diesen Städten wurde die Verkehrsstruktur geändert. Da hat jemand klar gesagt: "Ich will etwas ändern". Das muss auch in Freiburg passieren.

Wie haben die Menschen auf die Aktion reagiert?

Bei Regen war das schwer zu sehen. Negative Reaktionen kriegt man meistens mit, die, die es okay fanden, eher nicht. Für eine Aktion im Verkehrsbereich waren die Reaktionen aber normal.Wenn man in der Kaiser-Joseph-Straße auf ein Problem aufmerksam macht, für das am besten noch andere Menschen auf einem anderen Teil der Erde verantwortlich sind, finden es alle toll etwas zu ändern. Wenn man aber dazu aufgefordert wird, konkret an seinem eigenen Leben etwas zu ändern, dann finden das sehr viel weniger Leute toll – vor allem bei der Verkehrspolitik. Aber was sollen wir machen? Zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels müssen wir alle beitragen, wir können das nicht nur von den USA, China oder Brasilien fordern.

Wie ist allgemein die Resonanz in der Freiburger Stadtbevölkerung für mehr Fuß – und Radverkehr am Schlossbergring?

Ich glaube, dass es eine schweigende Mehrheit gibt, die begriffen hat, dass wir so nicht weitermachen können und die ihr Verhalten ändern möchte. Dafür müssen aber auch attraktive Alternativkonzepte angeboten, Verkehrsnetze umgebaut, im Allgemeinen sehr viel mehr getan und eine höhere Geschwindigkeit im Bau von Fuß – und Radinfrastruktur an den Tag gelegt werden. Die Möglichkeiten, die wir in Freiburg haben, wo wir es mit geringem Aufwand sowohl Autofahrenden, wie Fußgängerinnen und Fußgängern und Radfahrenden Recht machen können, haben wir weitestgehend ausgeschöpft. Jetzt ist es an der Zeit, Stellen wie den Schlossbergring in Angriff zu nehmen, die zwar unter Umständen mehr Konfliktpotenzial bergen, aber unerlässlich für eine Verkehrswende in Freiburg sind.

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