Digitaler Dschungel

Wann ist mein Kind alt genug für ein eigenes Smartphone?

Michelle Gänswein

Michelle Gänswein schreibt auf ihrem Blog "Im Digitalen Dschungel" über digitale Medien in Kinderhänden. Sie macht dies nicht als Mutter, sondern als Digital Native mit einer 7-jährigen Schwester. Folge 1 dreht sich um die richtige Zeit fürs Smartphone.

Eine der Fragen, die wohl alle interessiert: Wann ist mein Kind alt genug für ein eigenes Smartphone?
Doch bevor wir uns der Auseinandersetzung mit dieser Thematik widmen, würde ich gerne für ein Umformulieren der Frage plädieren. Und zwar in: Wann ist mein Kind reif genug für ein eigenes Smartphone? Denn es hat nichts mit dem Alter zu tun, wann das Kind bereit ist für den Besitz eines Smartphones.


Statt uns nach einem festgelegten Alter zu richten, können wir mehrere verschiedene Faktoren in der Entscheidung berücksichtigen. Diese Faktoren können sein:
  • Habe ich mein Kind ausreichend über Risiken und Gefahren im Internet aufgeklärt? Wurde ausreichend darüber gesprochen und sensibilisiert und wurden Regeln festgelegt?
  • Wie reif ist mein Kind? Ist es stark genug, auch mal "Nein, da mache ich nicht mit!" zu sagen, wenn andere Kinder sich ein verstörendes Video angucken?
  • Nutzt das Kind für den Schulweg öffentliche Verkehrsmittel? Wäre es vielleicht praktisch, telefonieren zu können, wenn der Bus verpasst wurde oder Verspätung hat?
  • Wie ist die Situation in der Klasse? Wie viele Kinder haben schon ein eigenes Smartphone? Wird Druck ausgeübt oder erfahren die Kinder ohne Smartphone eine starke Ausgrenzung?
Aus der KIM-Studie* 2018 geht hervor, dass 50 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren ein eigenes Handy oder Smartphone besitzen. Leider gibt es keine klarere Altersunterteilung, also wie viele 6-Jährige und wie viel 13-Jährige anteilig in diesen Prozentsatz reinfließen.

Nun möchte ich aber etwas konkreter werden: Ein eigenes Smartphone – wann ist der richtige Zeitpunkt?

Kindergarten:

Ein eigenes Handy oder Smartphone: Auf gar keinen Fall. Allerhöchstens mal in seltenen Fällen als Ergänzung zu anderen Spielsachen, wenn es wirklich nicht vermeidbar ist. Nicht zu vermeiden wäre es beispielsweise, wenn es ältere Geschwister gibt, die schon im Kontakt mit digitalen Medien sind. Klar, dass da auch das Interesse des jüngsten Kindes geweckt wird.

Beispiel: Als meine siebenjährige Schwester noch jünger war, und ich ein Foto von ihr oder uns gemacht habe, wollte sie auch mal auf den Auslöser drücken und war total fasziniert davon, sich selbst zu sehen. Wichtig bei diesen ersten Berührungspunkten ist dann aber, dass wir immer mit dabei sind, damit wir uns mit den Kindern direkt über Gesehenes austauschen können und auch, weil es leider viele Inhalte im Internet gibt, die für Kinderaugen nicht geeignet sind.

Grundschule:

Es kann Sinn machen, schon in der Grundschule über ein Tastenhandy nachzudenken, wenn der Schulweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt werden muss. Mal wird der Bus verpasst oder er hat Verspätung oder der Anschlusszug wird nicht erreicht. Da ist es für Eltern und Kind praktisch, wenn man kurz telefonieren kann und sich somit niemand sorgen muss.

Ein eigenes Smartphone ist in der Grundschule laut Experten nicht empfehlenswert. Aber: ich finde durchaus, dass Grundschulkinder langsam aber sicher schon an digitale Medien herangeführt werden sollten. Gemeinsam verbrachte Zeit vor dem Bildschirm, bei der das Kind nach und nach wertvolle Werkzeuge und eine umfangreiche Aufklärung vermittelt bekommt, um später dann ein verantwortungsvoller Smartphone-Besitzer zu werden.

Weiterführende Schule:

Mit dem Start der weiterführenden Schule beginnt für das Kind ein neuer Lebensabschnitt. Man könnte den Schulwechsel also an das erste eigene Smartphone koppeln. So machen das sehr viele Familien.
Wenn man dem Kind klarmacht, dass mit dem Besitz eines Smartphones auch eine große Verantwortung einhergeht, dann finde ich das ganz passend zum Beginn der weiterführenden Schule. Hierbei ist es wahrscheinlich ganz sinnvoll, dem Kind nicht wirklich zeitgleich zum Schulwechsel das Smartphone zu übergeben, sondern schon in den vorangehenden Sommerferien. Somit kann das Kind sich schon mal damit beschäftigen, wenn ausreichend Zeit ist.

Wer dem Kind nicht zur 5. Klasse, sondern vielleicht lieber erst zur 6. Klasse ein Smartphone erlauben will, der macht es meiner persönlichen Meinung nach am besten. Denn dann haben sich die, die schon früher eins bekommen haben, ausgetobt. Heißt: Pornografische Inhalte und andere verstörende Videos werden nicht mehr oder seltener herumgeschickt und auch die Menge an täglichen Nachrichten lässt nach (Quelle: bestätigt durch Eltern und Kinder in meinem Bekanntenkreis).

Elternabende, vor allem der erste an der neuen Schule, sind eine gute Möglichkeit, sich mit den anderen Eltern darüber auszutauschen, wie die es mit der "Smartphone-Thematik" handhaben und bestenfalls kann man sich sogar absprechen. Man könnte auch vorschlagen, einen Austausch zu fördern, indem man eine Eltern-WhatsApp-Gruppe eröffnet. So könnte man beispielsweise der Aussage "Aber ALLE in meiner Klasse haben schon ein Smartphone" auf den Zahn fühlen und weitere Dinge besprechen und Ratschläge austauschen. 

Man könnte sich auch überlegen, in der Smartphone-Anfangszeit einen Kompromiss einzugehen:
ein Smartphone ohne mobiles Internet, welches also nicht voll funktionsfähig ist. Das bedeutet, dass man nicht überall Internet hat (und somit wahrscheinlich gerade am Anfang das Handy gar nicht mehr aus der Hand legen würde), sondern nur da, wo es WLAN gibt, also in der Regel: zuhause. Das Kind kann zwar nicht im Unterricht am Handy sein, aber wenigstens zuhause auf Nachrichten antworten. So könnte das Kind am gemeinsamen Klassen-Chat teilnehmen, den es in so gut wie jeder Klasse gibt, und würde nicht zum Außenseiter werden.

Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz klicksafe.de sagt, dass ein voll funktionsfähiges Smartphone für Kinder unter 12 Jahren nicht geeignet ist. Auch der Medienratgeber Schau hin! empfiehlt: "Ein eigenes Smartphone eignet sich für Kinder ungefähr im Alter zwischen elf und zwölf Jahren, wenn sie schon genug Erfahrung und Reife besitzen, mit den vielen Funktionen verantwortungsvoll umzugehen."

Doch egal, welchen Zeitpunkt man letztlich für richtig hält, wichtig ist, dass wir die Kinder auf ein eigenes Smartphone und dessen Nutzung ausreichend vorbereiten, sie gerade anfangs stets begleiten und immer ein Ansprechpartner für sie sind – auch wenn sie mal gegen Regeln verstoßen oder Mist gebaut haben.
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*Die KIM-Studie wird seit 1999 alle zwei Jahre vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest erhoben. KIM steht hierbei für Kindheit, Internet und Medien. Für die Studie 2018 wurden 1.231 Kinder (deutschsprachig; auch mit Migrationshintergrund) zwischen sechs und 13 Jahren und deren Haupterzieher in ganz Deutschland von Mai bis Juni 2018 befragt. Die Befragung erfolgte computergestützt persönlich-mündlich (CAPI).

Weiterführende Links:
Michelle Gänswein

Gänswein schreibt auf ihrem Blog Im digitalen Dschungel über alles rund um das Überthema "Digitale Medien in Kinderhänden". Mit ihren 24 Jahren ist es aber nicht ihr Begehr, aus Sicht der Eltern zu schreiben. Vielmehr möchte sie die Erfahrungen eines Digital Natives mit in den Ring werfen. Sie steht zwischen den Fronten der Digital Natives und der Digital Dinosaurier, aber vielleicht liegt gerade in diesem Mittelfeld ein Vorteil. Der Vorteil, beide Seiten verstehen zu können.

Sie ist außerdem Mitglied der GMK, einem Fachverband für Medienpädagogik und Medienbildung.