Von Freiburg nach Dar es Salaam: Kulturschock umradelt

Minh Duc Nguyen

Zusammen mit seinem Freund Martin Schumacher ist Andreas Drews aus Freiburg im November 2008 nach Tansania gefahren. Mit dem Fahrrad. 5589 Kilometer haben sie in acht Monaten zurückgelegt und dabei Erfahrungen fürs Leben gesammelt. Ein Reisebericht.



Zwei Monate sind vergangen, seit Andreas Drews wieder in Freiburg ist. Er hat sich rasiert und die Haare kürzen lassen. Eigentlich ist Andreas ein ganz normaler Student im sechsten Semester, Studiengang Mikrosystemtechnik, wenn er nicht vor einem Jahr auf die Idee gekommen wäre, mit dem Fahrrad nach Tansania im Südosten Afrikas zu fahren, zusammen mit seinem Freund Martin Schumacher.

Angefangen hat alles mit Andreas' Engagement bei Ingenieur ohne Grenzen, einer regierungsunabhängigen Hilfsorganisation (NGO). Ziel dieser Organisation ist es, die Entwicklung in ärmeren Ländern durch Technologie- und Wissenstransfer zu fördern.

Im Laufe seines Engagements stellt sich Andreas die Frage: Wie und wo ist die Entwicklungsarbeit sinnvoll? So entsteht die Idee, eine Radtour nach Afrika zu unternehmen, um vor Ort eine Antwort zu finden.

Zusammen mit Martin beginnt er, die Tour zu planen und nach Sponsoren zu suchen: Sechs Monate auf dem Fahrrad in Richtung Tansania, durch die Schweiz, Italien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Sudan, Äthiopien und Kenia. Das Ziel: Dar Es Salaam, die inoffizielle Hauptstadt Tansanias. Insgesamt wollen die beiden 5589 Kilometer zurücklegen.

„Wir haben zwei Monate lang auf unsere Felge gewartet“

Die Tour beginnt am 12. November 2008. Mit 111 Kilogramm Gepäck, einer kleinen Kamera und diversem Equipment starten sie in Richtung Afrika. Außerdem im Gepäck: ein Projekt namens Linux4Afrika, von dem noch die Rede sein wird.



Die beiden fahren durch die Schweiz und queren Italien südwärts. Nach einer Woche erreichen sie Palermo. Fährtransfer nach Afrika. In Tunesien dann die erste Panne: Knapp 300 Kilometer vor der libyschen Grenze reißt eine Hinterradfelge. Da die Felgen für schwere Last konstruiert wurden, sind sie mit 32 Löchern versehen. Es beginnt eine lange Suche. In den meisten afrikanischen Fahrradgeschäften gibt es nur Felgen mit 36 Löchern. „Wir haben mehr als zwei Monate lang auf die Felgen gewartet“, sagt Andreas. Die Ersatzteile wurden aus Deutschland eingeschickt.

An der Grenze von Tunesien und Libyen lässt der Tourguide, den Andreas und Martin übers Internet gebucht haben, sechs Stunden lang auf sich warten. Als er endlich erscheint, teilt er den beiden mit, dass sie die Grenze Libyens nicht passieren dürfen. „Die Stimmung hat sich geändert, ich werde mich aber bei euch melden.“ Die beiden müssen mal wieder warten.

Das sterbende Schaf

Es gilt, einen geeigneten Platz zum Zelten zu suchen, wo sie schlafen können. Denn irgendwie wollen sie am nächsten Tag ja weiter, nach Libyen. Bei einer Straßensperre werden sie schließlich von der tunesischen Nationalgarde aufgenommen und bekommen die Erlaubnis, in der Kaserne ihre Zelte aufzuschlagen. Was sie am nächsten Morgen beim Aufwachen sehen, glauben sie zunächst nicht: Soldaten in kurzen Hosen versammeln sich vor der Kaserne, tanzen und singen. Im Hintergrund stehen zwei Schafe, die geopfert werden sollen. Denn es ist Ende November, Zeit für das Opferfest im islamischen Kalender.



Ein paar Männer halten das Schaf fest, ein Stich, ein letztes Mäh, dann nehmen die Soldaten das Tier aus. Ein Anblick, den Andreas nicht vergisst. „Für mich als Stadtmensch war diese Erfahrung etwas ganz Neues“, sagt er so leise, als müsse er sich für seine Unwissenheit entschuldigen. Für ihn komme das Fleisch aus der Theke. Trotzdem haben beide vom Schaf gekostet, als sie von den Soldaten zum Frühstück eingeladen wurden.

Zwei Wochen sind vergangen. Mittlerweile hat sich ihr Tourguide wieder gemeldet. Sie dürfen Libyen durchqueren.

Aussicht auf Gewehrläufe

Kurz vor dem Ziel in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Andreas und Martin trinken einen über den Durst und kommen mitten in der Nacht auf die Idee, auf das Dach eines Hauses zu klettern, wegen der schönen Aussicht. Als sie oben stehen, werden sie von zwei Wächtern mit Kalaschnikows bedroht. Die Wächter sollen dafür sorgen, dass keiner Unsinn treibt. Immerhin sind sie nicht aggressiv. „Aber für uns, die wir bis dahin noch keine Erfahrung mit Waffen gemacht haben, war es schon sehr seltsame Situation.“ Es passiert nichts.



Mai 2009. Nach sechs Monaten erreichen die beiden ihr Ziel: Dar Es Salaam. Auf dem Weg dahin sind sie Opfer eines Hoteldiebstahls geworden. Bis auf die Videokamera sind alle elektronischen Geräte weg. Auch die 12-Gigabyte-Festplatte mit den Fotos. Was bleibt, sind ein paar Aufnahmen, die sie zwischendurch nach Deutschland geschickt haben. Zeit zum Nachtrauern bleibt ihnen allerdings nicht. Denn sie sind im Rahmen des Linux4Afrika- Projekts unterwegs.

Was ist Linux4Afrika?

Dieses Projekt entstand im Jahr 2006. Mitglieder des gemeinnützigen Freiburger Vereins FreiOSS e.V., der sich für die Verbreitung von Open Source einsetzt, riefen das Projekt ins Leben. Ihre Vision: Afrikanische Schulen mit Rechnern auszustatten, die in Deutschland ausgemustert wurden. „Wir sammeln alte PCs, installieren das Linux-Betriebsystem und schon laufen sie wieder flott“, behauptet Andreas. Entscheidend sei auch der Wegfall der Nutzungslizenzen bei Linux. Nur den Server müssen die Mitglieder des Vereins neu dazukaufen. So entsteht nach und nach ein Netzwerk, das den Schülern in Afrika eine neue Kommunikations- und Lernmöglichkeit bietet.

Einen Nachteil gibt es dennoch: Linux4Afrika funktioniert nur aufgrund von Vertrauensbasis, was natürlich auch ein Problem mit sich bringt. Nämlich die Zusammenarbeit zwischen Sender (FreiOSSs, was übrigens für Freiburger Open Sources steht) und Empfänger (einem IT-Fachmann in Dar Es Salaam, der die Rechner entgegennimmt, sie verwaltet und instandhält). „Zwar haben beide Seiten auf Englisch miteinander gesprochen“, sagt Andreas, aber die Erwartungen und Intentionen seien völlig unterschiedlich. „Der IT-Fachmann hat gedacht, dass bei dieser Zusammenarbeit mehr für ihn rausspringen würde.“ Dies sei aber nicht der Fall gewesen.

Daraufhin unterbrach der IT-Mann den Kontakt zu seinem Partner in Deutschland. Wenn er sich meldete, dann nur noch sporadisch. Dies war der Hauptgrund für die Reise von Martin und Andreas: Sie wollten den Mann finden und mit ihm darüber sprechen, wie es weitergeht.



Zehn Tage wollten die Reisenden in Tansania verbringen, zwei Monate werden daraus. Sie sprechen vor Ort mit dem Mann und finden heraus, welche fantastischen Gehaltsvorstellungen er hatte, als er sich auf die Zusammenarbeit mit FreiOSSs einließ.

Andreas war vom Verein beauftragt worden, in Tansania einen Ersatzmann zu finden. „Wir haben tatsächlich jemanden gefunden“, sagt Andreas. Doch ob er auch der Richtige sei für diesen Job, das wissen die beiden noch nicht. Sie können nur hoffen, dass der Neue mit anderer Motivation an die Sache rangeht.

Sieben Monate nach ihrer Abreise steigen Andreas und Martin in Dar Es Salem ins Flugzeug gen Europa. Gezwungenermaßen, denn sie wollten ursprünglich mit dem Rad zurückfahren. „Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres, als mit dem Flugzeug zu reisen“, sagt der 25-Jährige. Man steige ein, schlafe ein paar Stunden und steige am anderen Ende der Welt aus. „Anderes Klima, andere Menschen, totaler Kulturschock!“

Ein Kulturschock, den die beiden auf 5589 Kilometern elegant umfahren haben.

Mehr dazu:

  • Badische Zeitung: http://www.badische-zeitung.de titel="">Weilerin hilft den Massai in Tansania

Foto-Galerie: Martin Schumacher und Andreas Drews