Von den Sitzen geblasen

Lorenz Bockisch

Mittwoch abend, noch fast allein im Zirkuszelt. Von hinter der Bühne schallt eine einzelne Trompete, die sich mit melodischen Molltonleitern einspielt. Das erste wohlige Gefühl stellt sich ein und bereitet den Zuhörer vor auf einen Abend voller Balkan Beats at their best.



Los geht es – der tägliche Heisler bleibe hier mal beiseite – mit dem Einmarsch des ersten Trompeters von hinten, der von dort auch gleich einen warmen Schauer für alle Rücken mitbringt. Die sieben Blasmusiker stellen sich in die Zuschauerreihen und bringen die ersten Akkorde zum klingen und die ersten Fans dazu, entzückt zu tanzen.

Als dann die Wedding and Funeral Band so richtig loslegt, fängt das Zelt in den hinteren Reihen an zu beben und die Fans kommen durch die Gänge nach vorn, um zu jubeln, zu jauchzen und zu tanzen. Spätestens jetzt frage ich mich, warum überhaupt Stühle aufgestellt worden sind. Neben Goran Bregovic, der recht lässig auf seiner E-Gitarre spielt, ist der zweite Sänger beziehungsweise Schlagzeuger und Akkordeonspieler der eigentliche Star des Abends. Zusammen mit Bregovic und den beiden hübsch slawisch eingetrachteten Sängerinnen singt er wunderbar, fast muezzinartig, oft auch a capella und bringt so in die extrem schwungvollen Lieder die ein oder andere Atempause.



Bandleader und Komponist Goran Bregovic sitzt  fast die gesamten zwei Stunden nur auf seinem Platz, winkt den Bläsern im Hintergrund ab und zu ihren Einsatz zu und genießt, wie seine Musik und seine Musiker die Menge von den Stühlen fegen. Nicht nur beim slawischstämmigen Drittel des Publikums trifft er mit dieser Musik die Tanznerven. Ob es kurze Mozart- oder Ravel-Zitate sind, kleine Rhythmus- oder unerwartete Harmoniewechsel –  so perfekt umgesetzt bemerkt sie fast niemand, aber jeder spürt sie doch.

Nach einer gefühlten halben Stunde verlassen die Musiker schon wieder die Bühne, und ein Blick auf die Uhr zeigt, dass nach fast eineinhalb Stunden die angekündigte Pause angebracht wäre. Doch das inzwischen Standing Ovations trampelnde Publikum fordert eine Zugabe, die auch prompt und in mannigfaltiger Ausführung kommt.

Also doch keine Pause, sondern weiter gehts mit mehr Wedding- als Funeral-Songs (was auch meine Nackenschmerzen und den Endorphinkater erklärt). Kein Wunder, denn für fröhliche Tanzabende ist diese Band laut Bregovic für den halben Preis buchbar wie für Beerdigungsfeiern. Und das Beispiel für diese Ansage folgt sogleich mit einem Anziehen des Tempos, das aus einem Trauermarsch ein Hüpffestival macht.



Schade nur, dass nach gerade mal zwei Stunden ausgerechnet dann Schluss ist, als sogar endlich die ersten Parkettreihen mitklatschen und -tanzen und die unglaublich großartige Liveband endgültig von der Bühne geht. Obwohl sie nicht völlig live spielten, denn die Percussions und der Rhythmus kamen aus der Macbook-Konserve neben Bregovic, der ständig daran herumnestelte.

Vielleicht hätte die Gage auch noch für einen echten Schlagzeuger gereicht. Trotzdem verlassen alle das Zirkuszelt mit einem fast schon debilen Grinsen im Gesicht und dem Gedanken hinter der Stirn: "Scheiße, war das geil!"



Mehr dazu:

Goran Bregovic: Website

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