Visual Kei: Anders sein - ohne abzuschrecken

Amelie Herberg

Mimi Hachimitsu (21) aus Freiburg ist es gewohnt, die Blicke anderer auf sich zu ziehen, in ihrem auffälligen Petticoat, mit ihren rosafarbenen Haaren und ihrem stark geschminkten Gesicht. "Wenn mich das stören würde, würde ich damit aufhören. Aber es stört mich nicht." Denn Mimi hat ein ausgefallenes Hobby, eigentlich fast schon mehr als ein Hobby, vielmehr eine Lebenseinstellung. Sie ist Teil der Jugendkultur "Visual Kei".



Dabei ist Mimi Hachimitsu nur das Pseudonym der jungen Freiburgerin – unter ihrem echten Namen kennt sie in der Visual-Kei-Szene niemand und den will sie auch lieber für sich behalten.

Seinen Ursprung hatte Visual Kei in Japan bereits in den 1970er Jahren. Übersetzt bedeutet es so viel wie „visueller Stil“ und beschreibt zwar nur ein, aber dafür wohl das auffälligste Element der Jugendkultur: ihr äußeres Erscheinungsbild. Die Haare der „Visus“ –  so nennen sie sich selbst –  sind entweder kunstvoll zusammengesteckt oder wild antoupiert, die Augen stark geschminkt, ihre Kleidung eine Mischung aus Punk und Glam und nicht zu wenig Schmuck – um den Hals, an den Fingern und an den Armen. Da passiert es ganz automatisch, dass Mimi und ihre Freunde auffallen, wenn sie gemeinsam mitten am Tag unterwegs sind.

Auf den ersten Blick erinnern sie an eine Mischung aus Punk, Gothic und Rockabilly, mit einem Hauch Science-Fiction. Denn der Kleidungsstil von Visual Kei orientiert sich an Mangas und Anime-Filmen, vor allem aber an japanischen Rockbands. Die meist männlichen Sänger wirken durch ihr starkes Make-up und ihren androgynen Stil allerdings oft eher wie Frauen.

Geht es nach Mimi, soll einer, der ihnen auf den ersten Blick ganz ähnlich sieht, jedoch nicht dazu gehören. Bill Kaulitz, der Sänger der Band Tokio Hotel, trägt ebenfalls lange antoupierte Haare, eine schwarze eng anliegende Lederkluft und erinnert optisch stark an den Stil von Visual Kei. „Bill hat mit uns aber überhaupt nichts zu tun. Der trägt nur die Klamotten, sonst aber auch nichts.“ Auch als „Emos“ (siehe  Glossar), lassen sich Mimi und ihre Freunde nicht gern bezeichnen.



Ihre Liebe zu der außergewöhnlichen Kultur hat sie mit 14 Jahren durch eine CD mit Anime-Liedern entdeckt. Zuerst hörte sie nur die Lieder, später kamen auch die Kleidung und die Treffen mit Gleichgesinnten dazu. „Ich habe sogar selbst nähen gelernt, damit ich mir meine Kleider selber machen kann“, erzählt sie. Den Rest kauft sie in Freiburger Läden wie Polltäx oder im Internet. Visual Kei ist dabei nur einer von mehreren Kleidungsstilen, die durch die japanische Kultur geprägt sind. Wenn sich Mimi Hachimitsu mit ihren Freunden trifft, kommen davon viele zusammen.

Die Übergänge von Visual Kei zu „Cosplay“ hin zu „Gothic Lolita“ oder „Sweet Lolita“ scheinen für Außenstehende fließend, Mimi kennt die Unterschiede allerdings ganz genau. „Der Stil von Visual Kei ist eher punkig, der Lolita-Look in vielen Farben auch mal mit rosa und eher schicker“, erklärt sie.

Ihre ausgefallene Garderobe trägt sie meistens nur bei gemeinsamen Visual-Kei-Treffen. „Ich nutze die Klamotten auch privat, aber dann nicht ganz so aufgestylt“, sagt sie. Regelmäßig fährt sie quer durch Deutschland oder organisiert selbst gemeinsame Nachmittage wie Anfang März in Freiburg.

Neben dem Austausch über neue Mangas und Musik steht dabei vor allem das gegenseitige Fotografieren im Mittelpunkt. In Freiburg wählt Mimi dazu am liebsten den Stadtgarten oder den Seepark aus. Dort sind die „Visus“ nahezu ungestört, ohne lästige Blicke in der Straßenbahn oder in der Fußgängerzone.

Ob mit unschuldigem oder traurigem Blick, als Gruppe oder einzeln, die Fotos werden danach ins Internet gestellt. Die Visual-Kei-Fans organisieren sich hauptsächlich online, tauschen über die Internetseite Animexx.de Neuigkeiten aus und planen gemeinsame Treffen.

Auch neue Musikvideos, Trends und Neuigkeiten über ihre Idole aus Japan erreichen die Visual-Kei-Fans in Freiburg wie in ganz Deutschland vor allem über das Internet. Vielleicht gerade deshalb hat sich die neue Jugendkultur so subtil etabliert, so leise und unaufgeregt, dass es fast niemand mitbekommen hat. Ihre Vorgänger waren lauter: Die Hippies zelebrierten öffentlich freie Liebe, die Punks gingen auf die Straße.



Und die „Visus“? Sie sind zurückhaltender, bilden ihren eigenen Kosmos, mit erfundenen Namen und mit ihrer zum Teil ganz eigenen Sprache, einer Mischung aus Japanisch und Englisch, die manchmal ein bisschen klingt wie aus „Herr der Ringe“. Wie zum Beispiel „Con-Hon“, ein Begriff für ein kleines Notizbuch, in das sich „Visus“ gegenseitig Bilder malen, quasi ein kleines Poesiealbum mit Erinnerungen an gemeinsame Treffen.

Es scheint, als grenzten sich die Fans von „Visual Kei“ bewusst ein Stück weit ab, sie wollen anders sein, auffallen, allerdings ohne abzuschrecken. Deswegen freut sich Mimi auch immer, wenn sie auf ihr ausgefallenes Kostüm angesprochen wird, statt nur verstohlene Blicke zu ernten: „Man merkt, dass die Leute schauen, sich aber nicht trauen, etwas zu sagen. Dabei erkläre ich es jedem gern, der mich fragt.“

Glossar

Visual Kei ist der Oberbegriff für eine Jugendkultur, die ihren Ursprung in Japan hat, geprägt durch die dortige Musik- und Kunstszene. Übersetzt bedeutet Visual Kei „visueller Stil“. Die Bands dieser Musikszene fallen vor allem durch ihren außergewöhnlichen Kleidungsstil und ihr Make up auf, das von ihren Fans, den „Visus“, nachgeahmt wird.

Eine dieser Ausprägungen ist die Lolita-Mode, die besonders bei weiblichen Visual-Kei-Fans beliebt ist. Je nach Farbe und Schnitt ihrer Petticoats und Kleider variiert der Begriff für ihren Stil wiederum. Gothic Lolitas tragen vor allem schwarze Kleider, Sweet Lolitas Kleider in knalligen Farben wie pink oder rosa. Nicht nur Musiker, sondern auch Mangas, also japanische Comics, bieten für Visual-Kei-Fans Inspiration für ihre Kleidung.

Beim Cosplay-Stil geht es darum, sich entsprechend einer Manga-Figur zu kleiden. Trotz einiger optischer Ähnlichkeiten wollen sich die 'Visus' bewusst von den Emos abgrenzen, einer durch amerikanische Musik geprägte Jugendkultur. Bei Visual Kei stehen vor allem die japanische Kultur und die dortige Musikszene im Vordergrund. Die Emos' beschäftigen sich vor allem mit zwischenmenschlichen Themen und Gefühlen, wie Trauer, Wut und Schmerz.

Mehr dazu:


Foto-Galerie: David Laukart

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.