Ausmoderiert

Viel Hass, wenig Lob: Theodor Lammich hört als Administrator bei "Netzwerk Freiburg" auf

Anika Maldacker

Drei Mal Danke in sieben Jahren: Als Administrator von Freiburgs größter Facebook-Gruppe bekam Theodor Lammich viel Gegenwind und selten Lob. Nun will der 25-jährige Jura-Doktorand aufhören.

Noch ist Theodor Lammich als Administrator der Facebook-Gruppe "Netzwerk Freiburg" aufgeführt. Dabei hat er dort Anfang Oktober eröffnet, mit dem, wie er es nennt, Ehrenamt aufzuhören. Zu viele persönliche Angriffe – politisch oder religiös motiviert, Attacken, die sogar in Lammichs Privatsphäre hineinreichten. Nun reicht es dem Jurist, der derzeit an seiner Dissertation schreibt. "In sieben Jahren habe ich drei Mal ein ’Dankeschön’ gehört", sagt er, "vielleicht waren es auch vier". Er erwartet zwar keinen Dank, dafür gab es aber viele Beleidigungen. Das geht nicht spurlos an einem vorbei.


Fast 35.000 Mitglieder, circa 15 Beitrittsanfragen und rund fünf Meldungen pro Tag von heiklen Inhalten: "Netzwerk Freiburg" ist die größte Facebook-Gruppe mit Freiburg-Bezug. Eine Art digitales Schwarzes Brett im Sozialen Netzwerk – mit Direktkommunikation. Wo kann man in Freiburg gut essen gehen? Wo ist die Frau, die mir morgens auf der Stadtbahnbrücke den Kopf verdreht hat? Fährt die Straßenbahn nach Haid wieder? Jede und jeder kann die lokale Schwarmintelligenz befragen. Nicht alle Postings sind friedlich. Immer wieder werden Verschwörungstheorien verbreitet, rassistisch gehetzt oder Diskussionen arten unter den Beiträgen aus.

Als Gruppenadministrator macht man sich auch viele Feinde

In solchen Fällen greift Theodor Lammich ein. Seit Tag 1 ist er Administrator der Gruppe. Er moderiert und blockiert Nutzer. Gibt es verfassungsfeindliche, hetzende, vorsätzlich diffamierende oder rassistische Inhalte, löscht er sie. Auch, wenn ein Risiko besteht, dass solche Kommentare oder Posts geschrieben werden, kann er eingreifen, sprich löschen. Lammich hat der Facebook-Gruppe Regeln verpasst. Wie in einem Kleinstaat. Acht Paragrafen sind am rechten Rand der Gruppe aufgelistet. Lammich hat sie selbst aufgeschrieben. "Ich habe mich dabei an den Werten unserer Verfassung und gesetzlichen Regelungstechniken orientiert", sagt er. Gewollt ist: Freiburger Nutzerinnen und Nutzer zusammenzubringen, Informationen auszutauschen, anderen helfen. Nicht gewollt: Verkaufen, Wohnungsgesuche, politische Beiträge ohne Bezug zur Stadt, kommerzielle Post.

Mit dem Kurshalten einer Gruppe nach seinen Vorstellungen macht man sich auch viele Feinde. Fast 2000 Nutzerkonten hat Lammich bei "Netzwerk Freiburg" blockiert. Einige von ihnen schrieben ihn danach privat an, fragten nach den Gründen für den Rausschmiss. "Ich habe immer versucht, meine Entscheidungen ausführlich zu erklären", sagt Lammich. Oft, wenn die Verstöße nicht zu gravierend waren, habe er eine zweite Chance gewährt. Andere Nutzer hätten ihn beleidigt oder bedroht. An einen krassen Fall, den er nicht öffentlich erwähnen will, erinnert Lammich sich noch heute. Was ihm auch ab und an, auch von blockierten Nutzern, vorgeworfen wurde: dass er als stellvertretender Kreisvorsitzender der Jungen Union seine Position ausnutze. Lammich winkt ab. In den wenigen Fällen, in denen er mitkommentiert hätte, hatte er immer gekennzeichnet, ob er in der Rolle als Administrator oder Privatperson schreibe. Und über politische Vielfalt in der Gruppe habe er sich immer gefreut. Rollentrennung sei ihm sehr wichtig. "Das Vertrauen in die Überparteilichkeit des Administrators ist das Fundament für das Vertrauen der Nutzer in die Regeln", sagt er. Für seine Überparteilichkeit, so erzählt er, hätten ihn schon andere Lokalpolitiker verschiedenster Fraktionen gelobt.

Er hat die Stürme ausgehalten. Denn die sieben Jahre Klicken durch Fake News, Hassrede und rassistische Hasstiraden, begreift er als Ehrenamt. "Das Internet ist kein rechtsfreier Raum", sagt er, was dort geschehe, sei genauso relevant wie im wahren Leben. "Ich will nicht wegschauen." Ob rechts, ob links, ob religiös fanatisch – Gewalt, sagt er, gehe im Internet von allen Seiten aus. "Wenn strafrechtlich relevante Dinge geschehen, müssen diese angezeigt werden", sagt er – das sei auch schon geschehen. In den vergangenen Jahren hat Lammich einen Anstieg von Hassrede in politischen Diskussionen wahrgenommen. Andererseits hat er auch eine allgemeine Sensibilisierung für das Thema beobachtet. "Facebook hat in den vergangenen ein bis zwei Jahren mehr Kontrollmechanismen eingeführt", sagt er. Auch in "Netzwerk Freiburg" würden nun schneller Inhalte von anderen Usern gemeldet, als noch vor wenigen Jahren.

Er kann’s doch nicht lassen

Zu Anzeigen und Verhandlungen sei es schon gekommen. Als Administrator wies Lammich auch Nutzerinnen und Nutzer daraufhin, wenn er etwas als juristisch relevant ansah. Und wenn eine Frau abends von einem anderen Gruppenmitglied im Privatchat sexuell belästigt wurde, dann war Lammich oft bereit, den Abend mit den Freunden zu unterbrechen, um sich darum zu kümmern. Ein Fulltime-Job neben Studium und Nebenjobs.

Dafür bekam er kein Geld. Aber stolz ist er auf seine Tätigkeit trotzdem. "In so jungen Jahren schon so viel Verantwortung zu tragen, war eine tolle Erfahrung", sagt er. Mit seinen knapp 35.000 Nutzern und einer Reichweite von 4000 bis 5000 Menschen pro Post hat "Netzwerk Freiburg" eine große Reichweite und auch einen bestimmten Geldwert. Bestimmte Firmen träumen von solch einer lokalen Reichweite. Aber laut Lammich wurde die Gruppe nie kommerziell genutzt. Dabei gehört sie zum Freiburger Unternehmen Visual Statements, das unter anderem mit Reichweite in sozialen Netzwerken Geld verdient. Zu ihm gehört auch die Facebook-Seite "Du weißt Du bist Freiburger, wenn". Über diese fand Lammich vor sieben Jahren seine Position – als er sich beim Seitenbetreiber beschwerte. Der bot ihm daraufhin an, die neu gegründete Facebook-Gruppe zu administrieren. Lammich, damals 18 Jahre alt, sagte zu.

Nun, sieben Jahre später, kann er es immer noch nicht ganz lassen. Unter seinem Abschiedspost sammelten sich so viele "Dankeschöns" und positive Kommentare, dass Lammich wehmütig wurde. Nach einem Gespräch mit Visual Statements will er nun wahrscheinlich weiter administrieren – aber nicht mehr mit seinem Privataccount. Dann bleibt mit Max Holm nur noch ein Administrator mit Privataccount. Knickt Lammich ein vor dem Hass aus dem Netz? Lammich sieht es nicht so. Er befindet sich auch persönlich in einer Phase des Umbruchs. Anfang des Jahres hat er sein Jurastudium absolviert. Nun promoviert er zu Straftaten in sozialen Netzwerken. Das Thema lässt ihn nicht los.