Victoria Bellatrice Violet, eine Drag Queen aus Freiburg

Marina Korn

Laut, schillernd und frech: das ist die Drag Queen Victoria Bellatrice Violet, wenn sie im Freiburger Nachtleben unterwegs ist. Verkörpert wird sie durch den 23-jährigen Kunstgeschichtsstudenten Roman. Ein Abend mit der einzigen Drag Queen der Stadt.



Samstagabend im Freiburger Waldsee. Es ist Schwul-Les-Dance, eine der größten schwul-lesbischen Partys in Südbaden. Die Menge auf der Tanzfläche tanzt und singt zu Icona Pops „I Love it“.
Zwischen den Partygästen in Jeans und Sneakers hebt sich eine  Frau deutlich ab. Sie fährt sich mit der Hand durch ihre blonde Afromähne, klimpert mit geschminkten Wimpern und lächelt mit pinkfarbenen Lippen. Ihr langes Kleid im Giraffenmuster ist hochgeschlossen und liegt durch einen Gürtel eng um die Hüfte. Geschmeidig bewegt sie sich auf ihren High Heels. Das ist Victoria Bellatrice Violet, auch Vicky B Violet oder einfach nur Vicky genannt.

Sechs Stunden vor der Party gibt es Vicky noch nicht. Roman, Student aus Freiburg, erschafft die Diva mit Make-up, Kleidung, Attitüde. „Vicky erfordert viel Übung“, sagt Roman. „Ich sah am Anfang schrecklich aus. Es dauerte schon eine Weile, bis ich mich richtig schminken und auf hohen Schuhen laufen konnte.“

Der 23-Jährige sitzt im Wohnzimmer seiner WG an einem Tisch, vor ihm ein Spiegel, drumherum ein Chaos aus Make-up, Pinseln, Schwämmen, Lidschatten und Lippenstiften. Eigentlich macht er sich alleine als Vicky zurecht, doch heute sind einige seiner Freundinnen dabei. Obwohl sie Roman gut kennen und ihn als Vicky auch schon öfters auf Partys begleitet haben, dürfen sie heute zum ersten Mal die Verwandlung verfolgen.



Roman hat sich  rasiert und die Augenbrauen gezupft. Die Brusthaare dürfen diesmal dranbleiben, denn das Kleid, das er heute als Vicky tragen will, hat keinen weiten Ausschnitt. Er zieht noch einmal an der Zigarette, dann  kann die Verwandlung beginnen. Roman verteilt die erste Schicht Foundation auf seinem Gesicht, es folgen drei weitere, bis seine Haut ebenmäßig hell und kein Bartschatten mehr zu sehen ist. Er pinselt sich gekonnt braunen Lidschatten über Wangenknochen, Nase, Hals und Stirn, um sein Gesicht schmaler erscheinen zu lassen. Dann Puder, Lidschatten, Wimperntusche, Lippenstift und Lipgloss. Schließlich sprüht er sich Haarspray ins Gesicht, um das Kunstwerk zu fixieren.

Zwei Stunden braucht Roman für das Vicky-Make-up, die restlichen Vorbereitungen gehen schnell. Ein BH, gefüllt mit zwei aus Nylonstrümpfen selbst gemachten Reissäckchen als Brüste, Strumpfhose, Kleid, Perücke, Pumps, dazu auffälligen Schmuck. „Ziiiipp!“ –  eine Freundin schließt den Reißverschluss des Kleides. Aus Roman ist jetzt Vicky geworden. Die dreht sich um und flüstert lasziv: „The Bitch is born.“

Die Freundinnen, die hinter Vicky auf dem Sofa sitzen, klatschen begeistert. Sobald die optische Verwandlung  vollbracht ist, legt sich bei Roman im Kopf der Schalter um. Jetzt ist er „in character“ und in die Rolle der Vicky geschlüpft.  „Man muss schon schauspielern können“, sagt er. „Sonst ist man ja nur ein Bengel im Kleid. Bewegung, Sprechweise und Mimik sind entscheidend.“

Roman ist eine Drag Queen, kein Transsexueller. Während Transsexuelle das Gefühl haben, im falschen Körper geboren worden zu sein und ihr Geschlecht verändern wollen, genießen Drags lediglich das Spiel mit der Verkleidung und den Geschlechterrollen. Drag Queens ahmen Frauen und ihr Verhalten nach - bevorzugt Diven und Dramaqueens, gerne auch mit derber sexueller Sprache. Drags wollen nicht nur auffallen, sondern auch provozieren.

„Das Aussehen ist natürlich wichtig, aber der Charakter ist noch viel wichtiger“, sagt Roman über Vicky. „Sie ist eine richtige Rotzgöre, laut und frech.  Sie ist aber auch lieb und unterhält sich mit jedem, egal welche sexuelle Orientierung und welche Herkunft.“

Einige Stunden später auf der Party. Vicky wird umschwärmt, immer wieder kommen Männer auf sie zu, begrüßen sie mit Küsschen links, Küsschen rechts.  In einem ruhigeren Moment setzt sich ein etwas schüchterner Mann zu ihr. Er ist Anfang 20 und bittet Vicky um Tipps. Er wisse noch nicht, ob er homosexuell sei, denn er hatte noch nie einen Freund oder eine Freundin, habe aber manchmal große Lust, sich als Frau zu verkleiden. Die sonst so vorlaute Vicky erzählt ihm ruhig und verständnisvoll von ihren Erfahrungen.

„Natürlich ist es erst eine Überwindung, aber ich bin sehr froh, dass ich mich getraut habe“, sagt Roman. „Ich bin durch Drag auf jeden Fall offener und selbstbewusster geworden.“Zurzeit ist Roman der einzige, der regelmäßig als Drag Queen in Freiburg unterwegs ist. „Angefangen habe ich wie jeder zweite Schwule an Fastnacht“, sagt er. Damals, mit 18 Jahren, kaufte er sich seine ersten Pumps, acht Zentimeter hoch und mit Leopardenmuster. Heute trägt er bevorzugt High Heels um die 15 Zentimeter. Vicky entwickelte sich, als Roman vor zwei Jahren zum Strandcafé kam. Die Betreiber des alternativen Lokals auf dem Freiburger Grethergelände fragten ihn, ob er einmal im Monat ehrenamtlich als Drag Queen auftreten wolle.

Es ist kurz vor vier Uhr Morgens, als Vicky sich mit ihren Mädels von einem Taxi von der Party im Waldsee abholen lässt. Ihre Füße schmerzen. Doch eine goldene Drag-Queen-Regel lautet „Don’t take off your shoes“ – das Bild darf schließlich nicht zerstört werden. Morgen kann sich Roman von Vicky erholen, dann geht es weiter mit dem normalen Studentenalltag –  bis zur nächsten Party.



   

Video: Wie Roman zu Vicky wird

     

Vickys liebste Drag Queens

Eine richtige Drag-Queen-Szene gibt es in Südbaden nicht. Vorbilder und Idole hat Victoria Bellatrice Violet allerdings trotzdem:

RuPaul ist einzigartig. Sie ist die Drag Queen in Amerika. In ihrer Fernsehshow RuPaul’s Drag Race wird – im Stil von America’s Next Topmodel – nach der nächsten großen Drag Queen gesucht. RuPaul ist ein Multitalent: Sie singt, macht Werbung und hat auch schon in vielen Filmen mitgespielt.

Willam Belli hat an RuPauls Fernsehsendung Drag Race teilgenommen. Ich finde vor allem ihre Lieder toll. Sie hat zum Beispiel aus dem Alicia-Keys-Song ,Girl Is on Fire‘ den Song ,Boy Is a Bottom‘ gemacht. Das finde ich ziemlich witzig – und die Videos, die sie macht,  sind auch richtig  toll.

Nina Queer ist die deutsche Drag-Skandalnudel Nummer eins. Sie redet, wie ihr das Maul gewachsen ist – und hat es auch schon weit gebracht als Drag. Nina hat eine eigene Bar in Berlin und veranstaltet Partys. Bei Radio Energy  hat sie jeden Morgen eine Radiokolumne, in der es übel abgeht.

Gloria Viagra ist DJane, hat eine Band und singt auch richtig cool. Gloria ist eine politisch engagierte Drag Queen. Das ist bei Drags eher die Regel als die Ausnahme, denn politischer Aktivismus  gehört einfach dazu, vor allem, wenn man auf seiner Plattform ein großes Publikum erreichen kann. Gloria war im vergangenen Sommer in Freiburg und hat gesungen und ihre Show gemacht – das war sehr cool.

Jurassica Parka ist ein Youtube-Star. Sie hat ihre einzigartige Sendung „Attraktiv – Das Star Magazin“ , das auch super witzig ist. Es lohnt sich echt, das  anzugucken. Jurassica zieht gerne alle und alles ein bisschen durch den Kakao und macht sich vor allem über Frauke Ludowig lustig, die auf RTL „Exclusiv – Das Star-Magazin“ moderiert. Und eine super DJane ist sie auch.

Sookee ist keine Drag Queen, aber eine supertolle Frau. Sie ist Rapperin aus Berlin und hat mir den Rap wieder näher gebracht. Ich hatte nämlich absolut keinen Bock mehr auf primitive Rapper wie 50 Cent oder Sido. Sookee dagegen hat richtig coole Texte, die politisch und queer sind. Sie will sich auch frei machen von diesem ganzen Geschlechterding und rappt zum Beispiel auch über Drag.“

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Foto-Galerie: Florian Forsbach

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