Interview

Verein will Vereinte-Nationen-Planspiel nach Freiburg holen

Greta Zieger

Wie geht Diplomatie? Wie fühlt es sich an, ein Land zu vertreten? Das können Schülerinnen und Studenten bei dem Planspiel "Model United Nations" simulieren. Ein Freiburger Verein will eine solche Konferenz nach Freiburg holen.

Wie funktioniert Diplomatie bei den Vereinten Nationen (UN)? Das Planspiel "Model United Nations" (MUN) gibt Antwort: Auf Schul- oder Universitätsniveau treffen sich Interessierte und simulieren Gremiensitzungen der UN. Dafür debattieren sie in der Heimatstadt, bei bundesweiten oder sogar internationalen Konferenzen. Auf einer dieser Treffen in Karlsruhe haben die Freiburger Politikwissenschaft-Studierenden Samira Merenz (24) und Lukas Gaulard (21) ihre Begeisterung für das Planspiel entdeckt. Um dieses auch in Freiburg zu etablieren, gründeten sie im Frühjahr den gemeinnützigen Verein FREIMUN. Nun wollen sie die erste MUN-Konferenz nach Freiburg holen. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Was genau macht ihr in eurem Verein?

Merenz: MUN-Vereinsarbeit ist auf drei Säulen aufgeteilt: Zum einen führen wir wöchentlich unsere "Weekly Debates". Sie sind ein Angebot für alle Interessierten und werden, wie alle unserer Veranstaltungen, auf Englisch gehalten.
Gaulard: Dafür treffen wir uns mittwochs um 20.15 Uhr im Übungsraum 2 (KG 4) und diskutieren zu einem bestimmten Thema, das unser Debatten-Team vorbereitet hat. Zu diesem Thema werden Info-Blätter ausgeteilt, sodass jeder alle nötigen Informationen besitzt. Dann bekommt man ein Land zugewiesen, das man vertritt. Die Debatte kann sich über mehrere Meetings ziehen, wie auch im echten Leben, bis man im Glücksfall zu einer Übereinkunft kommt oder nicht.

Merenz: Zum Zweiten verschicken wir Delegationen. Wir bieten Interessierten die Möglichkeit, im In- und/oder Ausland Konferenzen zu besuchen. Das Dritte ist, dass wir im nächsten Jahr selbst eine solche Konferenz veranstalten wollen.

"Wir wollen, dass ein Großteil der Reisekosten zu anderen Unistädten durch Fundraising und Spenden finanziert wird." Lukas Gaulard

Könnte man nicht einfach individuell zu diesen Konferenzen gehen? Warum braucht es euren Verein? Nur, um hier in Freiburg eine Konferenz zu veranstalten?

Gaulard: Nein. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, inklusiv zu sein, wenn es um die finanziellen Aspekte beim Reisen geht. Gerade nach Covid ist es für mich persönlich sehr bereichernd, Leute aus anderen Ländern kennenzulernen, zu reisen, Freundschaften zu schließen und dabei noch diese Debatten zu führen, die mir sehr viel Spaß und Wissen bringen. Wir wollen, dass ein Großteil der Reisekosten zu anderen Unistädten durch Fundraising und Spenden finanziert wird. So arbeiten wir als Team daran, dass sich Studierende, unabhängig von ihren finanziellen Kapazitäten, sondern aufgrund ihrer Motivation die Reise ermöglichen können.
Merenz: Inklusiv sind wir also zum einen dadurch, dass wir Leute nicht aufgrund ihres Portemonnaies und ihrer finanziellen Kapazitäten mitnehmen, sondern aufgrund ihrer Motivation und Kompetenz. Zum anderen geben wir Leuten, die ihren Zugang zu Politik nicht nur durch ihr Studium haben, sondern einfach interessiert sind, einen Ort, wo sie dieses Interesse, ihr Hobby, ausleben können. Es ist eine Struktur, die man nutzen kann, ohne, dass man sich selbst alles erarbeiten muss.

Also handelt es sich um ein Hobby – ihr wollt nicht alle Delegierte werden? Was ist dann der Sinn des Spiels?

Gaulard: Nein, wir sind ja nicht für eine Berufsausbildung da. Wir sind eine interdisziplinäre Gruppe, die Spaß und Interesse an internationalen Beziehungen hat. In unseren wöchentlichen Debatten können sich interessierte Studierende Wissen aneignen oder weiter vertiefen. Gleichzeitig erfahren sie, wie das in den Ausschüssen der UN und in Gremien der internationalen Politik läuft. Dieses gesammelte Wissen wenden wir an, wenn wir als Gruppe auf Konferenzen im In- oder Ausland fahren.

Merenz: Da man in den Debatten nie sein eigenes Land vertritt, lernt man, für andere Interessen zu stehen und sich in diese reinzudenken. Schließlich geht es nicht um die eigene Meinung, sondern um das Vertreten einer Agenda, die von der Regierung vorgegeben wird. Es geht also auch darum, den eigenen Horizont zu erweitern und ein Verständnis für internationale und komplexe Auseinandersetzungen zu entwickeln. Außerdem funktionieren die UN wie auch die MUNs mit bestimmten "Rules of Procedure", die vorgeben, wie die Diskussion strukturiert und gerahmt wird. Wenn internationale Politik mehr so wie die UN gestaltet wäre, dann hätten wir vielleicht geregeltere und gleichberechtigtere Kommunikation und Kooperation. Denn es bedarf Diplomatie, Austausch und Zusammenarbeit, um internationalen Frieden aufrecht zu erhalten.

"Wir wollen, dass FREIMUN über unsere Zeit hinaus existiert." Samira Merenz

Wie bereitet ihr euch auf eine Konferenz vor? Habt ihr Vorgesetzte, die euch anleiten?

Merenz: Vorgesetzte in dem Sinne nicht. Aber wir haben und nutzen die Möglichkeit, uns mit Leuten von anderen MUNs, die schon etabliert sind und Erfahrung haben, auszutauschen, wenn es um das Vereinswesen geht. Auf Konferenzen bereitet man sich mit Position Papers vor, bei denen man selbst die Recherche betreibt. Wie man so ein Paper oder eine Resolution schreibt, lernt man bei unseren "Weekly Debates".
Gaulard: Da wir interdisziplinär sind, belegen wir auch keine Kurse oder Seminare, die verpflichtend sind. Wenn wir auf eine Konferenz fahren, dann setzen sich alle, die mitfahren, als Team zusammen, um gemeinsam zu recherchieren und uns vorzubereiten. Dabei orientieren wir uns vor allem an den Resolutionen der UN und den Dokumenten der Auswärtigen Ämter, die öffentlich einsehbar sind. Eine Konferenz soll schließlich auf zweifache Weise schön sein: Einerseits mit jungen Menschen aus verschiedenen Ländern in Kontakt kommen, aber auch andererseits in der Debatte Erfolg haben.

Was sind eure Ziele?

Gaulard: Bisher waren wir in London, Maastricht, Mannheim und Karlsruhe. Nächstes Jahr wollen wir unsere eigene Konferenz veranstalten – wir wollen die erste MUN nach Freiburg bringen. Außerdem sind Reisen nach Israel und in die Schweiz geplant. Vor allem ab dem nächsten Semester wollen wir darauf aufmerksam machen, dass es uns gibt und dass jeder bei uns willkommen ist. Wir können jetzt, mit der Basis, die wir uns seit Ende vergangenen Jahres aufgebaut haben, so richtig anfangen.
Merenz: Grundsätzlich geht es uns aber auch darum, eine langfristige Struktur aufbauen. Das heißt, wir wollen, dass FREIMUN über unsere Zeit hinaus existiert und die Vereinskultur weiterwächst.

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