Verborgene Theken: Uhrencafé in Waldkirch

Stephan Elsemann

Uhren und Café – wie geht das zusammen? Eigentlich praktisch: Die Uhr zum Reparieren abgeben und bei Kaffee und Kuchen darauf zu warten, bis sie fertig ist. Sabine Dinter hat es in die Tat umgesetzt. Das Uhrencafé in Kollnau ist vor allem die Quintessenz der ungewöhnlichen Biographie einer resoluten Berlinerin. Alle Wände hier sind mit Uhren behängt. Wer hier nicht mitbekommt, was die Stunde geschlagen hat, dem ist nicht mehr zu helfen.



Ambiente

Bitte nach hinten durchgehen. Immer geradeaus, der Musik nach. Hinten, da ist die Werkstatt von Sabine Dinter.  Aus dem Ghettoblaster krächzt breitwandiger Gitarrensound von Deep Purple. Highway Star, "Made in Japan" 1972 – lange nicht mehr gehört. Manchmal braucht sie das, sagt Sabine Dinter. Wenn's ihr gegen den Strich geht.

Sabine Dinter hat einiges erlebt und oft ist ihr was gegen den Strich gegangen. Mit vier Kindern und Mann verließ sie die DDR im Juni 1989 – gerade mal fünf Monate vor der Maueröffnung. Ihr Haus musste sie "umschreiben lassen". Das war dann weg. Es ging ins Badische, nach Neuenburg zuerst. Später arbeitete sie einige bei der Stoppuhrenfirma Hanhart in Gütenbach. 2004 begann die Selbstständigkeit, schleichend, wie bei vielen, die es aus einer gesicherten Existenz heraus, doch ohne Kapital versuchen. Ein paar private Reparaturen für Freunde, dann auch für die Freunde der Freunde und bald wurden ganze Arbeitstage daraus.

Vor drei Jahren tat sich die Gelegenheit auf, in die ehemalige Tierhandlung einzuziehen. Da war viel zu tun. Denn der Vorbesitzer hatte einfach nur die Tür hinter sich zugemacht. So hatten sich die Überbleibsel der Tierhandlung verselbständigt und eine umfassende Renovierung wurde nötig. Es gab reichlich Platz für ein Café und so kam es zum Zwitter aus Handwerk und Gastronomie. Einen Meister als Uhrmacherin hat sie nie gemacht. In der DDR, wo sie das Handwerk erlernte, hätte sie dazu in die Partei eintreten müssen. Das wollte sie nicht.

Ihre dauerhafte Skepsis zum Regime hat vermutlich ein einschneidendes Erlebnis in der Kindheit mitbewirkt: der Mauerbau. Sabine Dinter ist alt genug, nicht nur den Fall der Mauer sondern auch deren Errichtung miterlebt zu haben – 1961 als kleines Kind. Sie wuchs in Rangsdorf im Süden von Berlin auf und erinnert sich noch genau an den 13. August. Auf einmal fuhren alle S-Bahnen leer in Richtung Berlin. Polizisten standen auf den Bahnsteigen und ließen niemanden mehr einsteigen. Das war's dann.

Familientreffen wurden von da ab zu komplizierten Ereignissen, denn man musste immer außen herumfahren, um nach Ostberlin zu gelangen. Dort traf man sich bei einem Freund des Opas, einem Uhrmacher, dessen Werkstatt für die kleine Sabine zu einem faszinierenden Spielplatz wurde, ein Impuls, um später das Uhrmacherhandwerk zu erlernen. So war die Uhrmacherei für sie von Anfang an mit dem Wunsch nach Freiheit verknüpft. "Als ich klein war, dachte ich immer, ich möchte ein Vogel sein."



Auf der Speisekarte

Im Uhrencafé werden Kaffee und Kuchen auf prunkvollem gesammelten Geschirr serviert. Das macht es natürlich gleich viel gemütlicher. Ein Stück Torte bekommt man für 2,70 Euro. Ein Stück Kuchen kostet 2,40 Euro. Den hausgemachten Marmorkuchen bekommt man für 1,50 Euro. Belegte Brötchen sind für 2,20 Euro zu haben.



Kaffeepreis

Eine Tasse Kaffee kostet 1,80 Euro, ein Espresso 1,90 Euro. Cappuccino bekommt man für 2,20 Euro, einen Latte Macchiato für 2,70 Euro. Alle Tees kosten 1,90 Euro. Ein kleines Mineralwasser bekommt man für 1,70 Euro (0,25l), eine Bionade kostet 2,60 Euro.

Das Besondere

Sabine Dinter veranstaltet in ihrem Café auch Single-Abende für Menschen ab 40 – jeden ersten Samstag im Monat ab 20 Uhr. Ein Pianoplayer sorgt dabei für den nötigen Schmelz in der Seele. Speed-Datings gab es auch schon. Die Uhrendoktorin ist stolz darauf, dass sich schon einige Paare gefunden haben. An jedem Donnerstagabend gibt es einen Frauenstammtisch, wo sich dann trefflich das Wohl und Wehe der erfolgten Anbandelungen diskutieren lässt – unter anderem natürlich.



Wegbeschreibung

Vom Hauptbahnhof fahren Züge nach Kollnau im Halbstundentakt. Dort vom etwas erhöht liegenden Bahnhof herunter zur Hauptstraße laufen und geradaus über die Brücke. Das Uhrencafé folgt gleich hinter der Brücke an der rechten Seite. 400 Meter sind es vom Bahnhof.

Adresse

Uhrencafé
Hauptstraße 41
79183 Waldkirch-Kollnau
07681.4936065
info@das-uhrencafe.de
Web: Uhrencafe

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag
10 bis 13 und 14.30 bis 18 Uhr

Samstag und Sonntag
14 bis 18 Uhr

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Foto-Galerie: Stephan Elsemann