Urlaubsgrüße aus der Sprühdose: Orange in Albanien

Manuel Lorenz

Die einen fahren in den Urlaub, um Tauchen zu gehen, die anderen, um Graffitis zu sprühen. Den Sommer über erzählen uns Freiburger Sprüher und Street Artists, an welchen Orten der Welt sie gerade gewesen sind und welche Spuren sie dort hinterlassen haben. Die zweite Folge stammt von Orange, der im Mai Bunker in Albanien besprüht hat - zum dritten Mal.



Im Mai war ich in Albanien: in Tirana und Durrës, aber auch im Norden. Meine Frau ist Albanerin, und so bin ich innerhalb der letzten zwei Jahre viermal da gewesen, dreimal zum Sprühen. Ich liebe das Land ohne Ende. Ein chaotisches Kleinod, ein Paradies.

Unter der Herrschaft des Diktators Enver Hoxha sind in Albanien Hunderttausende von Bunkern entstanden. Hoxha litt unter Verfolgungswahn, dachte, die gesamte Welt will sein Land erobern und hat die ganze Bevölkerung zu seiner Verteidigung verpflichtet. Die Bunker sind überall: in den Städten, in den Bergen, an den Stränden. Es gibt sie in klein, mittel und groß. Insgesamt hab ich 21 von ihnen besprüht, mittlerweile fast in ganz Albanien.

Einer der Bunker, die ich im Mai besprüht habe, liegt in Tirana, direkt gegenüber vom Regierungssitz. Das Teil war dermaßen verdreckt, dass ich’s erst mal richtig säubern musste. Dann hab ich’s gestrichen und besprüht. Die Albaner hassen ihre Bunker. Die standen nur da und guckten. Und fragten sich: Was zum Geier macht der da? Packt ’ne Sprühdose aus und schreibt ‚Orange’ auf ’nen Bunker, und ‚Portokalli’, also Orange auf Albanisch. Am Schluss haben sich alle drüber gefreut.



In Albanien kannst du fast überall sprühen. Du musst nur aufpassen, dass du keinen Privatbesitz erwischst. Sonst kann’s dir passieren, dass der Besitzer rauskommt und mit seiner Schrotflinte winkt. Man kennt Graffiti dort noch gar nicht richtig. Die guten Sachen stammen alle von Ausländern – zum Beispiel vom italienischen Street Artist Blu.

Als ich 2010 das erste Mal da war, musste ich erst mal schauen: Wo krieg ich überhaupt Dosen her? Wo ein Auto? Die Leute vom Hostel, in dem ich gewohnt hab’ – und das ich dann auch besprüht hab’ –, haben mir dabei geholfen. Sie haben mir einen Farbenladen um die Ecke empfohlen, wo eine Dose 250 Lek kostet, das sind umgerechnet keine zwei Euro; mittlerweile bin ich da schon Customer of the Year, da kosten sie 230 für mich. Die Caps musst du dir halt aus Deutschland mitnehmen. Die von dort taugen nichts. Dementsprechend sieht das Gesprühte da auch aus.

Ich hab mir einen blauen Chevrolet Aveo gemietet. Und weil den in Albanien auch die Polizei fährt, hab ich immer wieder für Verwirrung gesorgt. Man stelle sich vor: Ein Polizeiauto fährt vor, hält an, ein Typ steigt aus – Glatze, Brille, Bart –, geht zum Kofferraum, öffnet ihn, holt Sprühdosen raus und fängt an rumzumalen.



Einmal hat mich dann auch tatsächlich die Polizei angesprochen. Die war misstrauisch geworden, weil ein Ausländer – ich – an einem Neuwagen rumhantiert hatte. „Open the trunk“, meinte einer der beiden Polizisten. Ich wurde nervös, weil der gesamte Kofferraum voller Sprühdosen war. Egal. Ich geh’ also an den Kofferraum, öffne ihn, die Polizisten schauen rein, sehen die Dosen, nicken und sagen „Okay!“ Ich hab dann noch ’ne Kippe mit ihnen geraucht – und das war’s.

Die jungen Leute finden’s eh alle klasse. Aber auch die älteren. Einmal hab ich einen Bunker am Ohridsee besprüht, da kommt ein 50-Jähriger auf mich zu und bedankt sich bei mir. „Du hast ein Stück meines Lebens verschönert“, sagt er. „Das hier ist mein Arbeitsweg. Hier komm’ ich jeden Tag vorbei. Ich werde mich jeden Tag über den bunten Bunker freuen.“ Ein anderer hat mich in den Arm genommen und gesagt: „Tu’s nicht nur für dich, tu’s für uns, für Albanien.“ Das hat mich beflügelt.

Aber nicht alle sind begeistert. Eine alte Frau in einem erzkonservativen Dorf hat richtig drauflos gewettert: „Was soll das eigentlich? Du gibst da Geld aus für so einen Scheiß-Bunker! Geh nach Hause, mach' Kinder, bau' ein Haus, gib' dein Geld dafür aus.“

Der holländische Fotograf David Galjaard hat ein Bunkerbuch mit dem Titel ‚Concresco’ rausgebracht, in dem auch einer meiner Bunker abgebildet ist. Im Mai hab ich eine Ausstellung gehabt, im 'Tirana Ekspres' in Tirana, einer Art Kulturbahnhof mit vielen Konzerten, DJs, verschiedenen Ausstellung. Dort hab' ich all' die Schablonen gezeigt, die ich mitgenommen hatte.

Im Dezember will sich ein Kulturverantwortlicher von Tirana mit mir treffen – und eine große Zeitung ein Interview mit mir machen. Die Macher der Ausstellung ‚Concrete in Common – Albania's Bunker Legacy’ im Basler Kunst-Raum-Riehen hab ich zwar kennengelernt, aber knapp verpasst, sodass es leider keiner meiner Bunker in ihre Ausstellung geschafft hat.

Als nächstes ist Georgien dran. Nach Tiflis fliegen, ein paar Dosen kaufen, ein Auto mieten, durch die Gegend fahren – und sprühen.

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[Fotos: Orange / Aufgeschrieben von Manuel Lorenz]

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