fudders Adventskalender

Türchen 23: Weihnachten – das Fest der Einsamkeit?

Florian Schmieder

Weihnachtscountdown mit fudder: Jeden Tag verbirgt sich hinter unseren Türchen eine gute Geschichte, ein wertvoller Tipp oder eine schöne Idee. Öffnet mit uns heute Türchen 23: Einsam sein an Weihnachten.

Zu keiner Zeit im Jahr wird das stereotype Bild einer vereinten, glückseligen Familie so sehr bedient wie um Weihnachten. Und das obwohl sich die Lebensumstände in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt haben – mit Patchworkfamilien, Kindern die weit entfernt von ihren Eltern leben und einer erhöhten Anzahl an autonomen Single-Haushalten. Beim Blick in Filme oder Werbung, die zur Weihnachtszeit immer wieder laufen, schaut man jedoch vielmehr in längst veraltete Vorstellungen von familiärem Zusammenleben. Selbst "Kevin - Allein zu Haus", der vom Zerwürfnis des frechen, kleinen Jungen mit der eigenen Familie lebt, endet mit dem friedvollen Wiedersehen am Weihnachtstag (ein Spoiler-Alarm ist hier wohl wirklich nicht nötig).

Rund um das Fest der Liebe herrscht plötzlich eine deutlich radikalere Erwartungshaltung und selbst eigentlich zufriedene, alleinlebende Menschen werden in dieser Zeit auf eine harte Probe gestellt. Es wird vorausgesetzt, dass Weihnachten mit der Familie gefeiert wird. Alleinsein an diesem besonderen Tag erscheint vielen als unmöglich und traurig. Aber sogar beim Feiern mit der Familie kann man sich einsam fühlen, schließlich gelten auch gerade für das gemeinsame Feiern gewisse gesellschaftliche Vorgaben, die erfüllt werden müssen. Ein gutes Essen, harmonische Gespräche und natürlich auch die richtig ausgewählten Geschenke. Sieht man dies nicht erfüllt, kann man auch in einem vollen Haus ein Gefühl von Distanz spüren, das einsam macht.

Einsamkeit und soziale Isolation sind verschiedene Dinge

Denn Einsamkeit ist genau das: ein subjektives Empfinden, in dem sich die gewünschten sozialen Interaktionen von der Realität unterscheiden. Wichtig ist hierbei, klar zwischen Einsamkeit und sozialer Isolation zu unterscheiden, letztere ist manchmal sogar gewünscht und förderlich. Einsamkeit hingegen kann selbst in Gemeinschaft gefühlt werden. Und letztlich befinden sich Menschen in diesem Fall häufig in einem Teufelskreis mit für sie selbsterfüllenden Prophezeiungen, wenn es schwer fällt, aktiv zu werden und sich somit die Annahme der Einsamkeit bestätigt. Das kann auf Dauer große Schäden für Körper und Geist nach sich ziehen. Laut Psychologin Annegret Wolf von der Universität Halle-Wittenberg wirkt chronische Einsamkeit wie 15 Zigaretten am Tag und doppelt so stark wie Übergewicht. Die Folgen sind ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Alzheimer oder Krebs. Einsame Menschen sterben demnach früher.

Dies gilt natürlich in der Schwere nicht zwangsläufig für die wenigen Wochen Ende Dezember. Allerdings fühlen sich in Deutschland zehn bis 20 Prozent häufig einsam, bei den unter 40-Jährigen ist es sogar fast jede vierte Person. Das Bild der gebrechlichen Oma, die traurig am Fenster sitzt und auf die schneemannbauenden Kinder der Nachbarsfamilie schaut, ist zwar leider immer noch sehr real, bildet aber die Wirklichkeit bei Weitem nicht in Gänze ab. Ein Fest der Erwartungen, auf das von vielen bereits Monate zuvor hingefiebert wird, kann bei einem erheblichen Anteil der (jungen) Bevölkerung die oben genannten Effekte noch verstärken.

Stigma der Einsamkeit enttabuisieren

Dabei ist es natürlich nicht hilfreich, dass eine Pandemie die sozialen Kontakte nun bereits seit weit über anderthalb Jahren stark beschneidet und speziell jetzt zur Weihnachtszeit die Einschränkungen durch die vierte Welle wieder verstärkt werden. Wie auch in Bezug auf alle anderen Aspekte der Corona-Krise gilt es deswegen, nach links und rechts zu schauen. Auch in seinem kleinen privaten Bereich kann man ein Gefühl der Offenheit schaffen, in dem Sorgen und Ängste mitgeteilt werden können und das Stigma der Einsamkeit enttabuisiert wird.

Betroffene sollten sich dessen bewusst sein, dass es nicht den einen Ansatz gibt, der ihnen auf jeden Fall helfen kann. In Bezug auf Weihnachten kann es etwa hilfreich sein, zu überlegen, was einem selbst in diesen Tagen wichtig ist. Und was davon möglicherweise auch allein gelebt werden kann. Die Gefühle anzunehmen und sich anderen Menschen damit zu öffnen, ist ein zusätzlicher wichtiger Schritt. Auch der Gedanke, sich nicht allein in dieser Situation zu befinden, kann heilvoll sein. Um Gedankenspiralen zu durchbrechen, hilft es sich zu fragen, was man an anderen Tagen richtig macht, um sich weniger einsam zu fühlen.

Es gibt einige Strategien gegen Einsamkeit

Zudem können sich einsam fühlende Menschen bereits im Vorfeld Strategien entwickeln, wie sie über die Feiertage kommen. Zum Beispiel auf eine Feier mit Freunden und Freundinnen ausweichen, quasi der selbst ausgesuchten Familie. Und es helfen bereits profane Dinge wie vereinbarte Telefonate oder der All-Time-Favorite psychischer Beratung: rausgehen und sich in der Natur oder unter Menschen bewegen. Zusätzlich gibt es natürlich besonders in der Weihnachtszeit die Möglichkeit, sich gemeinnützig zu engagieren und dort neben sozialen Interaktionen auch Dankbarkeit zu erfahren. Sollte dies alles nicht helfen, sind glücklicherweise auch viele Telefonseelsorgen über die Feiertage besetzt, bei denen ein unverbindliches und anonymes Gespräch möglich ist.

Es ist wunderschön, wenn man wirklich nach der besinnlichen Adventszeit an Heiligabend bei seiner Familie an den Tisch sitzen und angenehme Tage in Harmonie verbringen kann. Leider fühlt es sich für viele Menschen nicht so an oder sie haben nicht einmal die Möglichkeit dazu. Einsamkeit ist ein Arschloch und wir können ihr begegnen, indem wir unser Bestmögliches tun, Menschen das Gefühl von Nähe zu geben und Erwartungsdruck zu nehmen. Wenn dieser Jesus richtig gelesen wurde, dessen angeblichen 2021. Geburtstag nun immerhin gefeiert wird, kann man wohl unmöglich ein perfektes Weihnachtsfest feiern, wenn es Menschen unter uns gibt, für die es mehrere Tage voller Einsamkeit bedeutet. Amen.
Telefonseelsorgen:
  • Weihnachtstelefon der Erzdiözese Freiburg: 0761/5144500 (vom 24. Dezember bis 2. Januar täglich von 16 bis 22.30 Uhr
  • Telefonseelsorge Freiburg: 0800/1110111 und 0800/1110222 (rund um die Uhr)

Mehr zum Thema: