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Türchen 10: Was kann die Politik an Weihnachten tun?

Johannes Breuninger

Politik und Weihnachten treffen sich eigentlich nur in den alljährlichen Weihnachtsansprachen der Kanzlerin. Aber die folgende wahre Begebenheit versucht die Schnittmenge der beiden Bereiche aufzuzeigen: die Begegnung mit unseren Mitmenschen. Türchen 10: Ein Essay.

Wilhelm Müller sitzt nach dem Weihnachtsgottesdienst zufrieden in seinem Sessel. Seine Frau zieht ihre Jacke noch aus, er hat seine noch an. In seiner rechten Hand hält er seinen Gehstock. Er lächelt, denn er ist zufrieden, auch wenn er schon in einem Alter ist, in dem man nicht mehr viel lächelt. Er hat einer Person, die er nur einmal im Jahr sieht, wieder die Hand geschüttelt, ihr ein frohes Fest und ein frohes neues Jahr gewünscht. Wilhelm Müller und diese Person, ein Mann seines Alters im Rollstuhl, sind keine Freunde, sie sind auch keine alten Arbeitskollegen. Sie pflegen eine Beziehung, in der es selten zu einem persönlichem Kontakt kommt. Der Mann im Rollstuhl ist in der Regierung und Wilhelm Müller gehört zu den Regierten.

Die meisten Menschen stellen in der Kirche nur flüsternd fest, dass der Mann im Rollstuhl mal wieder den Weg in den Gottesdienst gefunden hat. Doch Wilhelm Müller lässt sich diese jährliche Gelegenheit nicht entgehen, seinem Altersgenossen seinen Dank in Form von guten Wünschen für das Neue Jahr auszudrücken.

Seine Frau leistet ihm im Wohnzimmer inzwischen Gesellschaft. In seinem Sessel faltet er die Hände und denkt zurück an seine erste Begegnung mit dem Mann im Rollstuhl, der damals noch nicht im Rollstuhl saß. Eine Bekannte hatte ihn für Bürgersprechstunde mit dem Abgeordneten aus Offenburg angemeldet. Die Sprechstunde war eine seiner überschaubaren Möglichkeiten, seine Familie wieder zusammenzuführen und seine Tochter nach Jahren der Trennung wieder in seine Arme nehmen zu können. Ihr war es noch nicht gelungen, den Eisernen Vorhang zu überwinden.

Wilhelm Müller ist nicht in Deutschland geboren, sondern in einer deutschen Kolonie in Georgien, dass damals noch zu einem anderen Staat gehörte. Ein Staat, der nicht für seine Wertschätzung der Freiheit des Einzelnen bekannt war. Sein Vater starb in einem Arbeitslager, seine Mutter an Hunger, da war Wilhelm Müller noch keine zehn Jahre alt. Bei Ausbruch eines Krieges wurde er über Meer und Wüste in ein anderes Land verfrachtet. Der Sturm des Jahrhunderts verwandelte sein Leben ebenso wie das Leben all seiner Landsleute. In Steppe und Kälte überlebte Wilhelm Müller den Krieg.

Von den Schwierigkeiten, ein Deutscher in der Sowjetunion zu sein

In der Sprechstunde beginnt Wilhelm Müller dem jungen Abgeordneten, der heute der Mann im Rollstuhl ist, diese Geschichte zu erzählen. Er versucht auf hochdeutsch zu reden, aber als das will nicht gelingen. Der junge Abgeordnete beginnt auch Dialekt zu sprechen. Wilhelm Müller ist erleichtert. Ein bisschen der Barriere zwischen Regierenden und Regiertem ist abgebaut. Der junge Abgeordnete notiert was Herr Müller zu erzählen hat.

"Herr Schäuble, wissen Sie… ", setzt Wilhelm Müller immer wieder an, um die Unterschiede zwischen seinem Leben, hier in Deutschland und seinem Leben in Kasachstan zu verdeutlichen. Der junge Abgeordnete bleibt aufmerksam und unterbricht ihn nicht, auch wenn er viel von dem weiß, was ihm erzählt wird. Das Gespräch der beiden Männer geht weiter, die Nachkriegszeit bricht an. Wilhelm Müller erzählt von den Schwierigkeiten, ein Deutscher in der Sowjetunion zu sein, ein Besiegter, ohne jemals für Nazis gestimmt zu haben. Er erzählt, wie er Gertrud heiratet und sie eine Tochter bekommen und er erzählt, wie er ein Bein beim Holzfällen verliert. Der junge Abgeordnete weiß an diesem Tag noch nicht, dass er später einmal der Mann im Rollstuhl sein wird.
"Meine Tochter ist noch drüben. Das ist der Grund, Herr Schäuble, warum ich heute bei Ihnen bin. Ich brauche ihre Hilfe."

Und dann beginnt Wilhelm Müller von seinem Wunsch zu erzählen, auszuwandern, von unendlichen Gängen zu Behörden und dem Druck der Freunde und Bekannten, die nicht verstehen, warum er das Land der ewigen Solidarität verlassen will. Vom "wie" ganz zu schweigen. Über einen Kontakt nach Deutschland gelingt schließlich die Ausreise und Wilhelm Müller und seine Frau können in ein Land ausreisen, in dem Autos ohne Bedenken auf der Straße über Nacht stehen gelassen werden können.

Er teilt nun sein Anliegen. "Meine Tochter ist noch drüben. Das ist der Grund, Herr Schäuble, warum ich heute bei Ihnen bin. Ich brauche ihre Hilfe." Der junge Abgeordnete sieht sich mit einer großen Bitte konfrontiert. Er blickt von seinen letzten Notizen auf sein Gegenüber und bleibt verdutzt. Er sieht einen Mann seines Alters, doch er sieht keine gemeinsamen Erfahrungen. Kein Abitur, kein Wehrdienst, kein verlebtes Wirtschaftswunder. Doch er sieht seine Sorgen.

"Herr Müller, ich schaue was ich machen kann", sagt der junge Abgeordnete auf die Schnelle. Wilhelm Müller nickt. "Vielen Dank, Herr Schäuble." Die beiden Herren geben sich die Hand und blicken sich ein letztes Mal für diese halbe Stunde in die Augen. Dann stützt sich Wilhelm Müller auf seinen Gehstock und verlässt hinkend das Zimmer.

Was kann nun Politik? Willy Brandt hat eine treffende Antwortet darauf.

"Die ganze Politik kann sich zum Teufel scheren, die den Menschen das Leben nicht leichter zu machen sucht. "
Hintergrund

Im Jahr dieses Gespräches durften infolge diplomatischer Verhandlungen 500 Menschen aus der Sowjetunion nach Deutschland ausreisen. Unter ihnen Nelli Bauder, ihr Mann und ihre beiden Söhne. Sie ist seine Tochter, das Anliegen wurde erfüllt. Wilhelm Müller weiß weder, was in den Wochen nach der Bürgersprechstunde zwischen Berlin und Moskau passiert ist. Noch weiß er, welche Rolle der junge Abgeordnete in dieser Angelegenheit spielte. Was er aber weiß, er ist dem Mann im Rollstuhl bis heute dankbar, dass er ihm zugehört hat. Der Mann im Rollstuhl erinnert sich nicht mehr an die Sprechstunde. Dafür ist seine Zeit in Berlin zu lange. Er weiß nur, dass jedes Jahr an Weihnachten dieser Bürger ihn mit Neujahrswünschen und einem Händedruck bedenkt.

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