Tocotronic und Eicher, das geht nicht!

Dirk Philippi & Werner

Am Sonntag lud das Lörracher "Stimmen"-Festival zum Konzert-Doppel mit Stephan Eicher und Tocotronic, einer Mischung, die nicht nur unseren fudder-Autoren Kopfschmerzen bereitete. Dirk und Werner erzählen von zwei Konzerten, die – jedes für sich – Applaus verdienten, die zusammen aber nicht funktionierten.



Man muss vermutlich schon Christoph Schlingensief heißen oder künstlerischer Leiter des Stimmenfestivals in Lörrach sein, um auf die verwegene Idee zu kommen, den frankophonen Stephan Eicher mit seinen multiinstrumentalen Begleitern und die Hamburger Diskursrocker von Tocotronic (Schlagzeug, Bass, Gitarre) innerhalb von zwei Stunden auf derselben Bühne auftreten zu lassen.

Zwei Bands als Doubleheader an einem Abend lässt eine irgendwie geartete Beziehung zwischen den beiden vermuten und erwarten. Sei es eine musikalische Weiterentwicklung oder textliche Verbundenheit oder auch bewusste und gewollte Konterkarierung der künstlerischen Richtungen, alles wäre nachvollziehbar. Eicher und Tocotronic haben aber schlicht und ergreifend gar nichts miteinander oder gegeneinander am Hut, sie passen einfach nicht zusammen.

Die tatsächliche Schnittmenge der Zielgruppen beider Bands benötigt wahrscheinlich eine weit geringere Grundfläche als den im Laufe des Abends von der Hotel-Lounge zum Rockschuppen umfunktionierten Lörracher Marktplatz.



Zahlreiche der überwiegend aus der Schweiz und dem Elsaß angereisten Eicher-Fans, die sich zunächst zu den melodiösen und träumerisch inszenierten Klängen des Berner Barden gut eine Stunde sanft im Abendwind bewegt hatten, wurden abrupt aus ihrer wonnigen Wohlfühlstimmung gerissen, als Dirk von Lotzow und Kollegen mit harten Riffs den eigenen „Ruin“ und die „Kapitulation“ verkündeten. Vor so viel deutscher Frontallyrik nahmen dann doch einige Besucher erschreckt Reißaus.

Dabei darf man sich schon die Frage stellen, inwiefern Tocotronic überhaupt etwas auf einem „Stimmen“-Festival, nicht etwa „Rock“- oder „Texte“-Festival, verloren haben. Dort, wo Stephan Eicher seine zwar nörgelige, aber doch feine Stimme zwischen Orchester-Klängen platziert, rutscht Dirk von Lotzow schon gerne einmal mit einer Inhalt-vor-Tonlage-Haltung über die satt verzerrten Gitarren. Und das ist keine Kritik, sondern gerade eine der Stärken des Offenburger in Offenburg geborenen Frontmanns.



Als Festival-Veranstalter Helmut Bürgel jedenfalls kurz nach halb zehn auf die Bühne kam, um zur Freude der 90er-Jahre-Abiturienten Tocotronic mit den Worten „Viel Spaß und ich bin mir sicher, dass die Hälfte von Euch auch für die Hamburger Schule gekommen ist“ ankündigte, dann hatte das schon etwas voraussehend Bettelndes. Doch lediglich drei Songs dauerte die Neugier der Eicher-Fans nach dessen gelungenem Konzertabend an, ehe sie vor der Lautstärke das Weite suchten.

Der Lörracher Marktplatz war plötzlich nicht mehr im Geringsten so dicht bestückt wie das, was nun von der Bühne kam, und irgendwie schienen auch die vier Indie-Pop-Rocker nicht so recht zu wissen, wie man mit der Situation umgehen solle. Funkenschlag zwischen Band und Publikum sieht jedenfalls anders aus. Doch auch Kapitulation kann schön sein und so hielt das 90-minütige Konzert (um 23 Uhr musste Schluss sein) der Konzeptmusiker aus der Hansestadt zumindest, was ihr achtes Album („Kapitulation“), das von null auf drei in die Charts sprang, musikalisch in Aussicht stellte:



Tocotronic sind so gut wie noch nie. Sie klingen so dicht und satt wie nie zuvor. Seitdem Dirk, Jan und Arne mit Kult-Figur Rick McPhail einen zweiten Gitarristen in ihren Reihen aufgenommen haben, hat sich der Tocotronic-Klang so sehr geweitet, dass aus einstigen Mitgröl-Parolen von damals nun frische Mitsing-Melodien wurden, die ohne Verquastheit reine Poesie transportieren.

Und so trieben Tocotronic in Lörrach eine bunte Mischung aus der 15-jährigen Bandgeschichte zwischen Bühne, Eiscafé und Kaffeläden hin und her und schienen doch nur einen Bruchteil des Stimmen-Publikums zu erreichen - ohne dabei allerdings jedoch ihren Spaß zu verlieren („Wenn du dir sicher bist, niemand kann dich je versteh'n - Kapitulation, ohoho!“).



Was bleiben wird, sind zwei an sich gute Konzerte, die schließlich ganz am Ende doch noch zueinander fanden – ohne dass es aber viele bemerkt hätten. Tocotronics „Freiburg“-Interpretation, eine Huldigung an Jim Morrisons Bühnenkapitulationen, das in einem bewegenden Klangorgasmus aus wabernden Rückkopplungen und Resonanzspitzen sowie einer menschenleeren Bühne endete, folgte ein Einspieler der wunderbaren Hamburger Chanson-Sängerin Ingrid Caven („Die großen weißen Vögel“).

Als „Schäumt auch die Meeresfläche wild, Gedanken formen doch ein Bild aus seiner Seele“ aus den Boxen tönte, dachten die meisten an den Heimweg und verpassten vielleicht den einzigen, gemeinsamen Moment der beiden Sonntags-Konzerte.



Mehr dazu:

Tocotronic: Website & MySpace
Stephan Eicher: Website & MySpace

Foto-Galerie: Dirk Bersch


Tipp:
Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.