Soundcity Freiburg

Thorsten Leucht über das Nachtleben: "Es ist eine existenzbedrohende Situation"

Gina Kutkat

Ein Festival für aktuelle Musik mit Künstlern aus Freiburg – und das mitten in der Pandemie. Warum die "Soundcity Freiburg" jetzt ein Signal setzen will und wie es der Nachtleben-Szene geht, erzählt Festival-Veranstalter Thorsten Leucht.

Thorsten, du bist der Kenner des Freiburger Nachtlebens und seit Jahrzehnten in der Stadt unterwegs. Was haben die vergangenen Monate mit dir gemacht und wie beurteilst du die aktuelle Lage?

Thorsten Leucht: Mir fehlt sehr die Energie, die Inspiration, die Lebensfreude und Ablenkung, die ich aus Kultur- und Musikveranstaltungen schöpfe. Die sozialen Kontakte natürlich auch schon. Die Work-Nightlife-Balance droht zu kippen. Nicht nur für uns als hauptberuflich Kreativ- und Kulturschaffende ist es eine existenzbedrohliche Situation.

Einerseits gehe ich davon aus, dass aus Freiburg keine relevanten Innovationen zu erwarten sind, die dem Nachtleben zu einer Renaissance verhelfen werden.
Andererseits vermute ich, dass die Kernzielgruppe den Shutdown nicht in vorfreudiger Abwartshaltung verbringt, sondern sich bereits alternative Strukturen angeeignet hat. Was natürlich dem postcoronalem Clubgeschehen nicht unbedingt zuträglich sein wird. Von daher würde ich in dieser Branche momentan keine Aktien kaufen.

Die Clubs haben noch geschlossen und wann sie aufmachen, ist nicht klar. Dafür findet jetzt ein von Euch organisiertes Festival statt. Was ist die "Soundcity Freiburg"?

Leucht: Ursprünglich war die Veranstaltung ja geplant als interdisziplinäres Sub-, Club- und Popkultur Festival mit Fokus auf der regionalen Musikszene. Momentan natürlich unrealisierbar. Nun haben wir die drei Säulen des Events separiert und werden diese zeitversetzt stattfinden lassen. Zentraler Bestandteil wäre die Kombiticket-Party auf 20 Tanzflächen gewesen. Diese haben wir erstmal verschoben auf nächstes Jahr. Den Musikspielstättenkataster, ein Internet-Register als Bestandsaufnahme von Mietlocations sowie aktuell aktiven Clubs, Discos und Bühnen rollen wir zeitgleich zur Wiedereröffnung der Spielstätten aus. Das Rahmenprogramm findet jedoch größtenteils wie geplant am 10. Oktober 2020 statt. Schön wäre, wenn wir mit diesem Festival eine überfällige Konstante im Freiburger Eventkalender etablieren könnten.
Hinter "Soundcity Freiburg" steckt das Subculture-Team, bestehend aus Anke Huber, Matthias Boksch und Thorsten Leucht.

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Was wünschst Du dir für das Freiburger Nachtleben?

Leucht: In Freiburg gibt es Festivals für Blues Musik, für Jazz Musik, es gibt die musikalische Freiluftsaison des Kulturamts mit Konzerten im Stadtgarten, am Waldsee und auf der Seebühne im Seepark und auch ein Festival für Rahmentrommeln gibt es. Wir würden gerne ein Festival für aktuelle Musik mit Künstlern aus Freiburg etablieren. Wir wünschen uns insgesamt mehr zur Verfügung gestellte Freiräume. Wir wünschen uns frühzeitige Berücksichtigung bei Stadtplanungsmaßnahmen und Kiez-Schutz bei Nachverdichtung. Und wir wünschen uns stadtseitige Akzeptanz von Musikspielstätten als Kultureinrichtungen. Und wir wünschen uns die Würdigung der Nachtökonomie als relevanten Wirtschaftsfaktor, Indikator für Urbanität sowie als relevanten Standortfaktor.

"Als Idealisten und Kulturereignisschaffende würden wir gerne ein kleines Signal setzen."

Ursprünglich war geplant, das Festival im Rahmen der 900-Jahrfeier von Freiburg zu veranstalten. Wie sehr hat Corona die Planung verhagelt?

Leucht: Die Veranstaltung ist nach wie vor Bestandteil des Stadtjubiläums. Und wir sind auch sehr dankbar für die Unterstützung. Betriebswirtschaftlich betrachtet macht es natürlich absolut keinen Sinn, unter aktuellen Gegebenheiten Events durchzuführen. Als Idealisten und Kulturereignisschaffende würden wir aber gerne ein kleines Signal setzen. Zeigen, dass man sich auch für die Clubkultur einsetzen sollte, wenn’s gerade mal nicht so gut bestellt ist um Rahmenbedingungen und Feierlaune. In guten wie in schlechten Zeiten eben.

Highlight des Programms ist eine Ausstellung, die Flyer, Plakate und Fotos aus dem Freiburger Nachtleben von 1970 bis 2020 zeigt. Was bedeutet dir dieser Blick auf die vergangenen 50 Jahre Clubkultur?

Leucht: Wir sehen das Nachtleben im Allgemeinen und die Clubkultur im Speziellen als Projektionsfläche, Inspiration und Auftraggeber für Musik, Kunst und Kultur. Diese umfangreichen, heterogenen Themen lassen sich innerhalb einer Ausstellung natürlich nur fragmentarisch abbilden. Wir zeigen einerseits kulturhistorische Ansätze und statistische Aufarbeitungen. Andererseits emotionale Momentaufnahmen und den ästhetischen Wandel im Laufe der Zeit. Es würde uns freuen, wenn wir mit dieser Ausstellung auch nur ansatzweise für die vielen Ursprünge und Perspektiven sensibilisieren könnten, deren Motor das Nachtleben war beziehungsweise ist. Die Exponate stammen zum größten Teil aus der eigenen Sammlung. Wir haben uns aber auch über einige Leihgaben und Überlassungen zur Ergänzung unseres inoffiziellen Archivs der Freiburger Jugendkulturen freuen dürfen.
Galerie: Das Freiburger Nachtleben von 1970 bis 2020
Wo: Offspace, Karlsruher Straße 52, 79108 Freiburg
Wann: Samstag, 10. Oktober 2020, 17 bis 22 Uhr (Eröffnung), Sonntag, 11. Oktober 2020, 14 bis 20 Uhr, Freitag, 16. Oktober, 16 bis 22 Uhr, Samstag, 17. Oktober, 14 bis 22 Uhr, Sonntag, 18. Oktober, 14 bis 18 Uhr
Anmeldung/Kosten: keine vorherige Anmeldung nötig, der Eintritt ist frei, bitte Mund-Nasen-Schutz mitbringen

Die große Party ist auf 2021 verschoben. Wie gewährleistet ihr, dass die kleine Version corona-konform abläuft?

Leucht: Jede Veranstaltungsstätte für sich hat ein individuelles und bereits erprobtes Konzept. Die Kapazitäten sind bis zur Unrentabilität begrenzt und das Programm lädt nicht unbedingt zum Hopping ein.
Thorsten Leucht, geboren und wohnhaft in Freiburg. Kultur- und Kreativschaffender, DJ und Plattensammler seit 1986. Selbstständig mit Verlag/Agentur subculture urban media seit 1996.

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