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Thomas Krohn vom Freispiel: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Anika Maldacker

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 12: Thomas Krohn vom Freispiel im Stühlinger.

Thomas Krohn, 38, ist Geschäftsführer des Spielecafés "Freispiel" in der Lehener Straße im Stühlinger. Zusammen mit Florian Högner hat er das Spielecafé mit Laden im September 2017 eröffnet. Die beiden haben dreieinhalb Jahre nach einem passenden Ort für ihr Freispiel gesucht. Zuvor waren sie Angestellte im ehemaligen "Spiele am Münster", das im Winter im Eiscafé Lazzarin einzog.

Thomas, wie geht’s dir?

Mir geht’s super. Klar, die Einschränkungen waren schwierig. Mein Sohn, der sonst in einer anderen Stadt lebt, war zwei Monate am Stück bei uns. Meine Frau und ich wohnen in einer WG. Das war schon ungewöhnlich, immer daheim aufeinander zu hocken. Meine Frau ist Lehrerin und musste sich quasi einen neuen Beruf aneignen und digital lehren. Ich hab viel mehr Sport als vorher gemacht. Jetzt habe ich mir angewöhnt zu sagen: Es ist egal, es ist ein Virus. Wir können nichts daran ändern. Eine weltweite Forschungsgemeinschaft sucht nach einem Impfstoff. Die werden das schon hinkriegen. Ich werde mich nicht über die Regeln aufregen, wir wollen kreativ damit umgehen. Es ist toll, wie viel Kreativität das alles freigesetzt hat.

Kann man von einem Revival der Brettspiele in der Corona-Krise sprechen?

Ja, aber das hat schon vor Corona begonnen. Die Brettspielbranche wächst schneller als die Gesamtspielbranche. Sie ist ein Motor in der Spieleindustrie. Wir haben das Gefühl, dass Corona das Ganze verstärkt hat. Der Puzzle-Verkauf beispielsweise ist im März und April um 60 Prozent gestiegen. Das kann man daheim allein spielen. Wir verkaufen zwar keine Puzzle und so ein starkes Wachstum haben wir nicht, aber doch ein Wachstum.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?"

Wie geht’s dem Freispiel derzeit?

Der Spielbetrieb hat langsam wieder begonnen. Es kommen wieder einige Leute. Natürlich haben wir weniger Gewinn als vergangenes Jahr, weil unser Gastro-Anteil stark zurückgegangen ist. Andererseits haben wir aber viel mehr verkauft als im Vorjahreszeitraum. Einerseits, weil wir viel Stammkundschaft haben, die uns unterstützen und unser Überleben sichern will. Andererseits, weil die Leute daheim eingesperrt waren und Dinge gebraucht haben, mit denen man sich daheim beschäftigen kann.

Wie hast du den Lockdown erlebt?

Es war schon verrückt. Plötzlich hieß es freitags, die Läden sind ab Montag zu. Wir wussten, dass es irgendwann kommt, aber nicht wann. Also haben wir hektisch versucht, auf unserer Website einen Online-Shop zu etablieren. Oder mit den Ämtern telefoniert und abgeklärt, ob wir einen Lieferservice anbieten dürfen. Was uns aber genervt hat: die Kommunikation. Teils wurde ziemlich kurzfristig kommuniziert. Die genaue Verordnung kam oft nur Stunden vor Inkrafttreten. Wir haben eine spezielle Situation, weil wir einen Mischbetrieb von Verkauf und Gastronomie haben. Vor anderthalb Monaten haben wir wieder eröffnet. Wir merken immer wieder, dass die Leute bei den Corona-Regeln nicht mehr durchblicken. Viele dachten lange, dass sie nicht mit mehr als einem Haushalt bei uns spielen dürfen. Das hat sich aber vor über einem Monat geändert.

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Ich bin überrascht, was alles geht. Jahrzehntelang wurde uns erzählt: Das geht nicht, dass Leute von daheim arbeiten. Und dann ging es plötzlich. Das wird mir im Kopf bleiben. Gegruselt haben mich die vielen Verschwörungstheorien. Aber darüber will ich nicht zu viel nachdenken. Ich finde es aber beeindruckend, wie die Menschen mit dieser unvorhersehbaren Situation umgehen. Wie viel Kreativität entstanden ist.

Worauf bist du stolz?

Ich bin einerseits darauf stolz, wie unsere Angestellten das alles gemanagt haben. Wir haben so ein tolles Team. Ich bin auch auf uns zwei Geschäftsführer stolz, weil wir es irgendwie hingekriegt haben, dass unsere drei Festangestellten nicht in Kurzarbeit geschickt werden mussten. Eine unserer Aushilfen hat auch durchgearbeitet, weil er darauf angewiesen war. Trotz Lockdown waren wir viel beschäftigter mit dem Verkauf als sonst. Man musste viel mehr am Telefon oder per Mail beraten, die Spiele verpacken, zur Post bringen, Social Media bedienen, die Website auf Vordermann bringen. Das war alles ziemlich zeitaufwendig.

Was hat sich bei euch im Laden geändert?

Beim Spielen muss man keine Maske tragen, beim Aufstehen schon. Wir veranstalten wieder Turniere, beispielsweise für Magic. Da müssen die Leute aber Maske tragen. Leider dürfen wir nicht mehr so wie früher die Spielregeln erklären. Laut Corona-Regeln müssen wir den Kontakt zu den Tischen auf das Nötigste reduzieren. Wir können also nur kurz und mit Abstand erklären. Wir halten uns streng an die Regeln, weil wir einerseits nicht wollen, dass uns das Amt den Laden zumacht und andererseits, dass die Kunden sich bei uns sicher fühlen.

Ist das Freispiel in Gefahr?

Nein. Wir haben Rücklagen, die uns in dieser Zeit geholfen haben, auch die Corona-Soforthilfe hat uns sehr geholfen. Das ging auch wirklich sehr schnell und da muss ich auch eine Lanze für die Behörden brechen. Die Miete wollten wir eigentlich stunden. Für unseren Vermieter war das kein Problem. Die Miete konnten wir dann trotzdem zahlen. Wir hatten dann ein Minus am Ende, aber ein verkraftbares Minus. Falls das Land nochmal Geld ausschüttet, hoffe ich, dass sie sich andere Leute anschauen: Gastronomen, freie Künstlerinnen, Schausteller. Die trifft es wirklich hart. Falls eine zweite Welle kommt wie die erste, sehe ich auch weiter nicht schwarz für uns. Aber klar, wenn sich dieser Zustand dauerhaft fortführt, dann müssten wir gravierende Änderungen vornehmen, um nicht schließen zu müssen. Ich habe ja gesehen, wie sich die Zahlen von Amazon im Lockdown entwickelt haben. Konkurrenz für uns sind auch Ketten oder große Buchhandelsketten, die auch immer mehr in den Spielemarkt drängen.

Was hast du in der Krise gelernt?

Ich habe meine Konsumverhalten überdacht. Ich habe schon immer lokal eingekauft, höchstens zwei oder drei Mal in meinem Leben online bestellt. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel keinen Spargel gegessen, wegen der Vorkommnisse um den verstorbenen Erntehelfer. Ich finde es erschreckend, was es für Zustände in der EU gibt und will das nicht mehr unterstützen. Ich esse auch kaum Fleisch. Auch im Geschäft unterstützen wir gerne Verlage, die bei ihren Spieleverpackungen wenig Plastik nutzen, wie Board Game Circus aus Bad Krozingen.

Wie geht’s jetzt weiter? Wie siehst du die Zukunft des Freispiel?

Wir haben ein bisschen Angst vor dem Herbst. Ich halte eine zweite Welle für wahrscheinlich. Wir verstetigen Denkprozesse, die wir uns im Lockdown angeeignet haben, weil wir nicht wissen, was im Herbst passiert. Im Moment steht unser Dienstplan nur zwei Wochen im Voraus fest. Wir sind drauf vorbereitet, dass sich von heute auf morgen wieder alles ändert. Es gibt ja keine krassere, gesellschaftliche Veränderung – außer Krieg – als eine Pandemie und das Herunterfahren des gesamten gesellschaftlichen Lebens.

Im September gibt es euch drei Jahre im Stühlinger. Wie lautet dein Fazit?

Wir haben uns in der Lehener Straße etabliert. Die Nachbarn sagen, wir seien ein Gewinn für das Viertel. Die Leute kennen das Freispiel. Früher hieß es, "in der Nähe vom Ariana", nun sagen die Leute: "in der Nähe vom Freispiel". Tatsächlich suchen wir gerade aber größere Räume, weil wir für den Laden und die Gastronomie mehr Platz brauchen. Wir glauben, wir sind die Zukunft. Die Kaufhäuser sterben ab. Ich glaube, es wird in Zukunft Online-Handel und den kleinen Fachhändler geben. Ich glaube die Leute wollen das Einkaufen als Quality-Time erleben. Wir könnten uns gut vorstellen, mit anderen, inhabergeführten Händlern in große Räume zu gehen. Wieso nicht ein Spielecafé, ein Fahrradhändler, ein Café, ein Eisladen und ein Klamottenladen zusammen in einem Ort?

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