Hochkultur

Theaterkollektiv Mundwerk inszenieren Büchners "Leonce und Lena" in der Fistung

Viola Priss

Leere, Identität, Flucht und Sinn. Wie aktuell Büchners politischer Klassiker "Leonce und Lena" noch heute ist, zeigt die studentische Theatergruppierung Mundwerk in der Freiburger Fistung. Premiere ist an diesem Freitag.

Ein Prinz, der aus der Enge seines Elternhauses und des eigenen Lebensüberdrusses flieht. Eine Prinzessin, die ein Königreich hinter sich lässt, um sich selbst zu finden. Beide fliehen vor einer arrangierten Ehe, versuchen ihre alten Identitäten abzustreifen, um am Ende festzustellen, dass ihr Weg doch vorherbestimmt scheint. Oder ist alles Zufall? Eine wohlbekannte Story à la Kabale und Liebe, könnte man meinen. Regisseurin Katharina Kohler und Produzent Robin Haensse, aber legen den Fokus bei der Inszenierung der Studierenden-Theatergruppe Mundwerk auf genau jene Leerstellen der Figuren, die das Lustspiel zum Schauermärchen avancieren lassen. Es sind die vielen Fragen, der einzelnen Charaktere, das Suchen und Greifen ins Leere und Ungewisse, dass die einzelnen Figuren wort- wie ausdrucksstark auf die fast kahle schwarze Bühne werfen. So geht es auf einer der finalen Proben von Mundwerk schnurstracks mit hinein in die Schwere. Das Stück, das an diesem Freitag Premiere in der Theaterfistung feiert, führt hinab in die Lebensmüdigkeit der beiden Hauptfiguren.


Da ist der zum Müßiggang verurteilte Prinz, dem keiner widersprechen will: "Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal". Da ist eine an Sehnsucht leidende Lena, die stets in floristischen Metaphern träumt von der unendlichen Weite.

Zerrbild einer zum Stillstand verdammten Jugend

Da ist aber auch das vermeintliche Königreich und ein zur Untätigkeit erlahmtes Volk. Dort ist die politische Dimension, die die Germanistik- und Philosophie-Studentin und neue Regisseurin aufmachen möchte. Es ist ein mutiges, anklagendes Fragen des Chores der gleich im Prolog das Dilemma der heutigen Generation auf den Punkt bringt: "Sie sinnen nach, aber sie tun nichts. Sie beobachten, aber sie tun nichts." Nicht wissen, wie man es anstelle "den Königspalast in die Luft zu jagen". Der Bezug zum Jetzt, zur jungen, ambitionierten Generation der Nuller-Jahre, die verändern wollen, aber nicht wissen wie. Die Suche nach Sinn, in einer Welt in der alles möglich und nichts machbar scheint: Die Dimensionen Büchners sind in der Darstellung des Theaterkollektivs Mundwerk fein und gewaltig auf den Punkt gebracht.

Und immer wieder: der Chor. Der verwirrt, anklagt und nicht entkommen lässt aus dem Strudel der Identitätskrisen, der Fragen nach "Wer, Wohin, aber vor allem wozu?". Der die Hosen runter lässt und währenddessen vergisst, wozu. Wozu der Knoten im Schnupftuch. Der Chor als Spiegel hohler Worte eines stellvertretenden Königs, bei Büchner. Der Chor als Synchronsprecher eines selbsternannten Königs, qua politischem Amt, bei Mundwerk.

Die Lieblingslektüre auf die Bühne geholt

Georg Büchner liefert den Stoff für die Freiburger Studentenformation Mundwerk, deren Name ab diesem Freitag in ihrer ersten Vorführung Programm sein soll. Mundwerk, weil Theater mehr ist als gesprochenes Wort? "Ja", so die frisch eingestiegene Regisseurin, die Ambition sei durchaus, politisch und gesellschaftskritisch etwas in den Köpfen der Zuschauer zu bewegen, das Ganze aber so subtil wie möglich. Da habe sich Büchners Werk angeboten, das sie "irgendwie immer verfolgt" habe.

Von Tapetenwechsel zu Mundwerk

Wichtig ist dem Theaterkollektiv, dass sich neu zusammengestellt und benannt hat, so wenig an den Klassikern zu verändern , wie möglich, aber auch neue Dimensionen zu ergänzen. So treten beispielsweise Leonce und Lena aus ihren Figuren heraus und beschreiben sich selbst. Und so sind die Figuren Rosettas und Valerios bewusst mit Darstellern des anderen Geschlechts dargestellt.

Große Akribie, für eine so junge Gruppierung, deren Durchschnittsalter Mitte 20 ist. Das insgesamt 22-köpfige Theaterkollektiv setzt sich aus Studierenden und Nicht-Studierenden aller Couleur zusammen. Entscheidend sei, so Kohler, die Lust am Theater. Inklusive vielem, intensiven Arbeiten. Das kann teilweise auch bis spät in die Nacht dauern, wie auch im Falle dieser finalen Probe.
  • Was: Leonce und Lena, Theaterkollektiv Mundwerk
  • Wann: Premiere, Freitag, 31. Januar, 2. Februar, 4. Februar, 7. Februar, 8. Februar, 20 Uhr
  • Wo: Theater Fistung, Friedrichstr. 39
  • Eintritt: 6 Euro, 4 Euro für Studierende